hinna gans
mannes häas
hemba räas
hunnat hemba
heanne räas
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 


Uschd sai se "haigh", da sai se "matt" - Heimat

Das Hinterland ist arm an guten Nachrichten und reich an armen Leuten, alten Hirschwechseln, schlanken Rehen, bulligen Mufflonköpfen, süffigem Bier und frömmelnden Kirchgängern. Wilddieberei ist unter Nachbarschaften kein Thema wie die Fremdgeherei auch nicht, sofern man früh gelernt hat, mit dem geduckten Niederwild vor Gott, dem Wirtshaus und der Obrig-keit das Maul zu halten, und die einzige Fahne, die dort der Heimat voraus weht, das ist die Fahne nach fünf Pils und reichlichem Doppelwacholder, und so finden sie immer einen Grund, sich einzureden, dass es über den Tag hin eines Schnapses bedürfe, um für die Plackerei ge-rüstet zu sein, wobei nicht ausgemacht ist, in welcherlei Oben und Unten der nächste Tag be-ginnt. Wer dort seine Heimat sucht, der irrlichtert durch ein schwieriges Terrain. Dem Gestrüpp

von Ideologien, Sehnsüchten nach verlorenen Kindheiten und Heilserwartungen des süßen Friedens nach einem kollektiven Wir-Gefühl in der Sprache, ihren Landschaften, Folklore und Lebensgewohnheiten, stellen sich die politischen Stolpersteine des Fremden in den Weg. Denn nicht jedem wird "die"  Heimat zugesprochen, auch wenn er zur selben Zeit am selben Ort sein Auskommen findet. Wer Heimat "hat", das entscheidet der Besitz an ihr, und der Habenichts geht hierbei leer aus. Das gilt erst recht für den Heimatdichter, dessen Werk sich danach aus-zurichten hat, wie die Hinterländer sich selbst zu sehen wünschen. Da wird allein der kritische Blick unters Trachtenleibchen zu einem Wagnis. Wenn sie also krachlederne Burlesken, humor-volle Büttenreden oder heitere Anekdoten in Hinterländer Mundart einschließlich Kochrezepte und Trachten erwarten, dann sind sie hier leider auf den falschen Seiten gelandet. Sollten sie jedoch neugierig sein auf eine Dichtung, die ihre beschauliche Sonntagsheimat spöttisch auf den Kopf stellt, dann sind sie hier richtig. Zuerst sind sie "high", dann "matt" - Heimat (zitiert nach Hartmut Barth-Engelbart).

    Auf wackeligem Gestühl - Heimat  
    Foto: Copyright (alle Rechte) by Malte Sänger, Liewletrod 2014.

Heimat - und sonst noch was?

Stellen sie sich einmal vor, sie haben in einem Preisausschreiben eine Reise nach Australien gewonnen. Im Fernsehen dort sehen sie zufällig eine Reportage über den Bodensee. Ich möchte wetten, dass sie ihren australischen Gastgeber darauf aufmerksam machen, dies sei ein Film aus ihrer Heimat. Aus der Ferne des Ortes nicht falsch. Zurückgekehrt nach Hippteroth-Dunsebach im Schelderwald fällt es ihnen natürlich schwer, den Bodensee als ihre Heimat zu benennen. Sie würden sich lächerlich machen. Aber spinnen wir diesen Faden einmal weiter. Stellen sie sich jetzt einmal vor, sie haben eine Reise auf den Mond gewonnen. Im Orbit sehen sie die ganze Erde. Auch hier möchte ich wetten, dass sie in ihrer intergalaktischen Reisegesellschaft unter Aliens, Mondkälbern und Marsmenschen darauf hinweisen, dort unten - will man einmal im Weltall großzügig ein Unten und Oben unterstellen - seien sie daheim. Nunmehr mit allen Chinesen, Obdachlosen, Arabern, Hartz-IV-Empfängern und Hedgefondsmanagern, Mongolen, Indianern, Fixern und Nutten, Kongolesen und Homöopathen, Zahnärzten und Eskimos wie Europäern und Türken auf einem blauen Kugelhaufen. Auch diese Betrachtung ist nicht falsch. Auf der Erde in Hippteroth-Dunsebach zurück, fällt es ihnen dann doch wieder schwer, bereits ihrem Nachbarn, dem asylberechtigten Holzfacharbeiter und Zimmermann im Baumarkt, Yusuf und seiner Frau Miriam mit ihrem neunmalklugen Kind Yeschu, die Heimat zuzubilligen, die sie sich selbst in ihrer "Sonntagsheimat" (Walter Jens, Literaturwissenschaftler, Altphilologe und Rhetoriker 1923-2013) hinter romantischen Butzenscheiben an rauschenden Bächlein mit klappernden Mühlen am Hollerbusch "binnenexotisch" (Hermann Bausinger, Kulturwissen-schaftler und Volkskundler) eingerichtet haben. Sie würden wahrscheinlich "schepp" angesehen werden. Ein Risiko! Und nun stellen sie sich noch einmal vor, sie haben in einem Preisaus-schreiben eine Reise nach Amerika gewonnen. Ich möchte wetten, sie werden vor ihrem Flach-bildschirm daheim bleiben wollen und sich an keinen weiteren Preisausschreiben mehr beteil-igen mit der Erkenntnis vom Karl Valentin (Kabarettist und Komiker 1882-1948), dass "früher alles besser war, sogar die Zukunft." Und so erzählt man sich die Geschichten in Gottes Namen von den "guten, alten Zeiten" zwischen zwei schrecklichen Weltkriegen, Tod und Terror, Feu-ersbrünsten und Bombennächten, fabrikmäßigen Vergasungen von Juden, Zigeunern und Be-hinderten, von Vertreibungen und Morden an Andersdenkenden, Intellektuellen und kritischen Opositionellen, von Habgier und Selbstgerechtigkeit. Heimat - und sonst noch was?

Es woa emool ean Foks, dea wollt e Huingel freasse
Es war einmal ein Fuchs, der wollte ein Huhn fressen

















   
  
    Foto: Heinrich Grewe, Hinterländer Anzeiger 1955, Privatbesitz des Autors.


Die Geschichte vom Reynke de Vos reicht ins 15. Jahrhundert zurück. Mit Goethes Versepos wird sie 1794 literarisch etabliert. Aber hier sind es die Tauben - in vielen Kulturen als Symbol des Friedens und christli­ches Symbol des Heiligen Geistes-, die durch Intrigen und Verrat ein mörderisches Blutbad unter dem Federvieh herbeiführen, das sonst nur dem Fuchs zugeschrie-ben wird. Hier nun erwischt es ihn in der Hinterländer Fassung endgültig und für alle Tage selbst. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder politischen Verhältnissen im Umfeld des Autors sind nicht ausgeschlossen, wenn auch nach reinstem Gewissen in Ehrfurcht vor Gott und dem Hahn des Hessischen Justizministers nicht beabsichtigt.

Es woa emool ean Foks, dea wollt e Huingel freasse. Äawwa doas Huingel wollt nit gefreasse wean. Do säät doas Huingel deam Foks, he sillt´n aal Giggel freasse. Dea wea suwisu baal droo un raif fean Kochgrobbe. Do moschd sisch dea Foks noom Giggl. Wäi dea Foks baim Giggel woa un den freasse wollt, froot dea Giggel den Foks, worim deere da nit däi Gense freasse? He wea´s Leewe lang nua hinnan Hoinga häagelaafe un dobai su dorr woan, wäi nirremool e Gebinsche Schdruu gesai kinnt. O eam wea näad ze freasse, nua Fearran un Gnoche. Do moschd sisch dea Foks bai de Gense. Däi sääre äawwa, he sillt doch nochemool of Kreastdoag werrakomme, da wean se da aach oddlisch fädde un goa noch ze broore. He sillt sisch doch däi Däwwe foom Dach lange, wann he groat suu´n uuflerischde Hunga hät. Däi Däwwe wean zöu näat göut, nua zöum Freasse. Do schdäig dea Foks noon Däwwe nof. Däi Däwwe äawwa flooche fut un räife´m äas de Loft, he sillt sisch doch doas Huingel lange. Do sucht dea Foks werra doas Huingel. Doas Huingel woa äawwa näad mie do. Doas hat de Giggel allwail duutgepeggd, wail doas Huingel deam Giggel de Foks geschischd hat. Ai wäi kunnt dea Giggel doas da wesse? - froot dea Foks. Doas woan däi Däwwe. Däi Däwwe harre´s deam Giggel heannerim faroore. Do sucht dea Foks werra den Giggel. Dea Giggel woa äawwa näad mie do. Den harre de Gense allwail ie´n Wassagroawe geschdumbt un äasoffe, wail dea Giggel den Gense de Foks geschischd hat. Ai wäi kunnte däi Gense doas da wesse? - froot dea Foks. Doas woan däi Däwwe. Däi Däwwe harre´s den Gense heannerim faroore. Do sucht dea Foks werra de Gense. Däi Gense woan äawwa näad mie do. Däi harre de Däwwe allwail foo uuwe met Schdeecha zöugeschmeasse un ärschloo, wail de Gense den Däwwe de Foks geschischd harre. Do sucht dea Foks werra de Däwwe. Däi Däwwe woan äawwa näad mie do. Däi Däwwe woan schu werramool futgeflooche. Doas ärjerte den Foks, wail su 'e Imbrengerai woa jo keam foom Noddse. Un do kreeschd dea Foks ean gruuse Rappel, bäis sisch in ääjene Äarsch un frass sisch fo heanne häa sealbsd of. Bes näad mie foom do woa. Nua sai Mäal, doas bläib foom laije. Es kunnt sisch jo aach schlaaschd noch sealbsd gefreasse. Un däi Däwwe? - Of däi luurte schu de Habischd! Äawwa doas eas werramool e aanare Geschischde.


Einmal, als es keine Mäuse mehr gab, besann Meister Reineke sich wieder auf das Federvieh. Er schlich in einen Hühnerhof und stürzte sich auf eine alte, magere Henne. „Asch will dasch freasse!" Ich will dich fressen raunzte er der Unglücklichen zu. Dann packte er sie mit seinen grausigen Zähnen. Aber die Henne fürchtete weder den Fuchs noch den Tod. Sie zappelte sich aus seinem Maule heraus, ordnete ihr Gefieder und sagte: „Ai, doas eas ma doch de Eahre fiel ze fiel! Asch sai nua e aales, moachares Huingel, groad noch fea e dinne Soppe göut, un Aaja lääje, doas ka asch aach nit mie. Gie ma da fut un freass ma doch den aale Giggel do, wann´s da raascht eas, dea eas suwisuu baal dro un raif fean Kochgrobbe!“ Und die Henne trippelte gackernd davon.

„Ean Giggel freasse? Doas deet ma da groat gefann!", grummelte Reineke in sich hinein und bedankte sich bei der alten Henne für deren gute Empfehlung. Frohen Mutes schnürte er seines Wegs dorthin, wo er sich des Gockels zu bemächtigen trachtete. An seinem Blute wollte er sich köstlich laben. „Häi, Giggel, komm doch emool bai misch!", suchte er den Gockel mit freundlicher List zu locken. „Worim?", krähte der Gockel missmutig zurück. „Asch will däi Blöut säffe!"  „Wäi, döu weat mai Blöut säffe!?", fuhr der Gockel für den Moment eines flüchtigen Lidschlages auf. Dann, mit einem prasselnden Flügelgeflatter, ließ er Reineke auf der Stelle - eins, zwei, drei - um dessen Ohren wissen, wie es um die Angelegenheiten des Blutsaufens im Geviert des Hühnerhofes bestellt war.

Mit einem Male schaute Reineke drein wie der Bauer, dem der Blitz aus heiterem Himmel just mit grollendem Donner in die Sense geschlagen hatte. Seine Pracht und Herrlichkeit waren auf dem Misthaufen darnieder geworfen. Aber kaum, dass er sich aus dieser Pein aufgerappelt und neu besonnen hatte, sperrte er wieder sein gieriges Maul auf und ließ seine grausigen Zähne aufblitzen, dass allein der Schrecken davor jedermann den Tod hätte bringen können. So doch nicht dem Gockel. Wie die Henne fürchtete er weder den Fuchs noch den Tod, wohl aber den Unfrieden, den Reineke über den Hof gebracht hatte, und so wollte er sich den gebührenden Respekt verschaffen, wie es einem Gockel zur Würde geziert. Geschwind flatterte er auf seinen Misthaufen hinauf und scharrte hinterrücks allen Mist und Dreck hervor, geradewegs in Reinekes aufgesperrten Rachen hinein. „Do heste edst dai Blöutsäffe! Lang da doch däi Gense, wann de groat su´n uuflerischde Hunga und Doschd hest!", spottete der Gockel von hoher Warte herab. Und mit strammen, majestätischen Paradeschritten, wie es kleine Offiziere gerne tun, wenn sie einen Sieg ihr eigen glauben dürfen, stolzierte er nach vollendeter Schlacht davon.

„Gense? Doas sillt ma doch ean oddlische Schbass gemache!", lachte Reineke in sich hinein und bedankte sich bei dem Gockel für dessen gute Empfehlung. Er aber rotzte und kotzte und schüttelte den Dreck aus seinem Maul heraus, dass es weithin nur so schnaufte und so schniefte. Dann machte er sich mit leisen Pfoten auf den Weg, die Gänse mit seiner Aufwartung beglücken zu wollen. Aber diese wurden seines heimlichen Kommens gewahr: „Guggd emool, de Reineke kimmt un will ois duudmache!", rief lachend eine Gans. Und alle watschelten herbei. „Wäi schie he doch im Päls gewässe eas!", spöttelte eine andere. Denn nach der Attacke des Gockels war es um ihn als eine Zierde seines Geschlechtes und hohem Stande nicht zum Besten bestellt. Aber derlei Hänselei und Spott freilich nicht genug. Eine blutjunge Gans bot ihm sogar noch ihre Liebe an: „Asch kinnt groad Aaja merrem gelääje!", seufzte sie, und die Gänse stimmten gar noch ein spöttisches Liedchen in der Art der vornehmen Leute an:

Gans du hast den Fuchs erwischt
lass ihn nie mehr aus
steck ihn in den Schweinekoben
mach ihm den Garaus

Nun, aus mehrerlei Erwägungen heraus mochte Reineke diese Schmähungen und Spott nicht auf sich ruhen lassen, wurde dem Schlaukopf doch ob seiner Kühnheit und Verstandeskraft seit altem Gedenken stets Achtung und Ehrfurcht dargebracht. „Asch will each Mores lean, woarr´es hääst, ean aale Foks ze uuze!", zürnte Reineke. Abermals zeigte er seine grausigen Zähne. Doch die Gänse wie die Henne so der Gockel fürchteten Reineke und den Tod auch nicht. Sie purzelten und trampelten über ihn hinweg, zupften und zausten seinen Pelz, dass es ihn nur so zwickte und so zwackte. Nur mit einem kühnen Sprung auf eine wackelige Bohnenstange gelang es ihm, sein Schicksal zu wenden und sich aus ärgster Bedrängnis vor den garstigen Schnabelhieben der Gänse zu retten. „Lang da doch de Däwwe foom Dach, wann de da grot suu´n uufleerischde Hunga hest!", schnatterten die Gänse hinterdrein, und alle watschelten in ihren Weiher, und sie ließen sich's dort wohlergehen.

Däwwe!?" Geringerer aber auch nicht minder leckerer konnte einem Feinschmecker wie dem Fuchs das große Fressen wahrlich nicht mehr ausfallen! So unterließ er auch weitere Dankesbezeugungen gegenüber dem Schnattervieh, zumal er augenblicklich wahrlich andere Widrigkeiten zu bewältigen hatte. Gleich einer Vogelscheuche im Wind wankte Reineke nunmehr auf der Bohnenstange hin und her und schnappte nach einer leckeren Taubenmahlzeit. Doch nichts als laue Luft bekam er zu reißen und zu beißen. Bald peinigten ihn arge Blähungen und ein Bauchgrimmen stellte sich ein, dass er von sich glauben mochte, er stürbe bald. Doch wie zuvor die Henne, der Gockel so auch Gänse fürchteten die Tauben weder Reineke noch den Tod. Auch sie hatten einen tollen Spaß mit ihm. Keck und frech schwirrten sie um seinen Kopf herum und sausten an seinem gierig schnappenden Maul vorbei, dass ihm noch elender wurde.
„Woas sisch´s de da do uuwe of dea Buuneschdang erim, wu de doch häi unne of de Ea de Hoinga un de Gense gefreasse kaast?", lachten die Tauben Reineke aus, der sich nunmehr in seiner Peinlichkeit und Lächerlichkeit vollends gewahr wurde und den Tauben zürnte: „Asch will each de Hälse rimdriä!", brüllte er gen Himmel, ganz entgegen seiner sonst so geachteten vornehmen Art und Gestalt. „Do misst´e uschdemool doas Fläie lean, su wäi de Habischd, guggemool!", gurrten die Tauben zurück und entschwanden mit einem eleganten Bogen hoch oben im weiten, blauen Himmel.

Selbst mit Gottes Hilfe und unter Anrufung der vierzehn Notheiligen war der Schande nicht mehr beizukommen. Zwar hatte ihn der Allmächtige mit allerlei Künsten ausgestattet, deretwegen er reichlich gerühmt wurde, aber als er die Kunst des Fliegens ersonnen hatte, musste er doch anderen Sinnes gewesen sein als es Reineke jetzt im Stillen wünschte. Geschwind machte er seinem mit reichlichem Kummer erfüllten Aufenthalt in luftiger Höhe ein Ende und sauste beherzt zu Boden. Dann trottete er - mit grimmiger und garstiger Wut unterm Pelz - zurück in den Hühnerhof. Dort erhoffte er sich endlich sein Fressen, wenn auch dürr und mager in Gestalt der alten Henne, wie er sie schon einmal im Maule gehabt hatte. Auf diese gierte nunmehr sein ganzes Sinnen und geiferndes Trachten. Aber er fand die Henne nicht mehr lebendigen Leibes im Hühnerhof vor.

Von Blut übergossen und mit zerzausten Federn lag die Henne unter einem Beerenstrauch meuchlings ermordet. Reineke wusste sich darauf keinen Reim zu machen. Da flog eine Taube herbei, ließ sich auf einem Zweig des Beerenstrauches nieder, und erzählte dem Fuchs, was geschehen war: „Doas woa dea Giggel!", gurrte die Taube, „dea het doas Huingel duudgepekt, wail doas Huingel deam Giggel de Foks geschischd hat."„Wäi kunnt dea Giggel doas da wesse?", fragte Reineke die Taube. „Mia huu´s deam Giggel heanne rim faroore!" Wir haben es dem Gockel hinten herum verraten! antwortete die Taube und entschwand hoch oben im weiten, blauen Sommerhimmel. „Woas lait ma droo!?", knurrte er in sich hinein, besann er sich doch wieder des Gockels. Dessen Grobheiten trachtete er nun mit gleicher Münze heimzuzahlen. Schnurstracks folgte er seiner alten Fährte zur Mistkaute hin, wo er den Gockel noch saftigen Leibes wähnte.

Doch wie die Henne so weilte auch der Gockel nicht mehr unter den Lebendigen. Mit durchnässtem Gefieder lag der stolze Chef des Hühnerhofes wenige Schritte seines Misthaufens entfernt am Rande des Weihers ertränkt. Abermals wusste Reineke sich darauf keinen Reim zu machen. Da flog eine zweite Taube herbei, setzte sich auf einen Stein und erzählte Reineke, was geschehen war: „Doas woan däi Gense!", gurrte die Taube, „däi huu´n Giggel ie´s Wassa geschdumbt und ärsoffe, wail dea Giggel den Gense de Foks geschischd hat." „Wäi kunnte däi Gense doas da wesse?", fragte Reineke die Taube. „Mia huu´s den Gense heannerim faroore", antwortete die Taube, und entschwand hoch oben im weiten, blauen Sommerhimmel.

So blieben ihm nur noch die Gänse. An ihnen wollte er sich jetzt seinen Rachen vollschlagen, jedoch mit List zu Werke gehen. Im Gewand als Bräutigam wollte er es mit der liebestollen Gans noch einmal wagen, so seine messerscharfe Idee, und hierbei gleich in aller Seelenruhe die ganze Sippschaft zum Hochzeitsmahl bitten. Doch diese List sollte ihm nicht mehr zu Nutze sein. Auch die Seelen der Gänse waren längst gen Gottes Himmel gefahren. Ihre kalten Leiber lagen mit geborstenen Köpfchen und zerbrochenen Flügelchen in einem Massengrab unter Tausenden von Kieselsteinen begraben. Einmal mehr wusste Reineke sich keinen Reim darauf zu machen. Da flogen alle Tauben herbei, setzten sich der Reihe nach auf die Bohnenstange und erzählten Reineke, was geschehen war: „Doas woan mia!", gurrten die Tauben vergnügt im Chor, „mia hu däi Gense äas de Loft met Schdeescha duutgeschloo, wail däi Gense ois Däwwe de Foks geschischd harre."

Da überkam ihn eine große Ratlosigkeit. „Ai, härr asch ma doas Huingel doch glaisch gefreasse!?", jammerte er in tiefer Not und finsterer Betrübnis. Mit eingezogener Rute und hechelnder Zunge streunte er verwirrt und mit einem großen Schrecken im Herzen über den Hühnerhof. Derlei Leichen wollte er dann doch nicht auf seine Kappe nehmen wie er auch die Flinte des Bauern auf das Schlimmste befürchtete. Daraufhin nahm er all seinen Mut zusammen, sich seines Elendes vor Gott und dem Hahn des Hessischen Justizministers einzugestehen, und fraß sich sodann, wie eine um ihren Verstand ringende Schlange, vom Schwanz her selber auf, bis nichts mehr von ihm war, nur sein großes Maul blieb von ihm übrig - es konnte sich ja schlecht noch selber fressen. So war es auch um Reineke geschehen.
Bis auf die Tauben. Diese hatten sich unterdessen auf sanften Flügeln vom Ort des blutigen Geschehens erhoben und sich im blauen Sommerhimmel, hoch oben, noch eines heiteren Tages vergnügt. Danach der Habicht ihrer gewahr wurde. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.


Die regionale Bezeichnung Hinterland führt in die Territorialgeschich­te des Großherzog­tums Hessen-Darmstadt. Der hinter dem Darm­städter Land im nordwestlichen Mittelhessen gelegene Landstrich mit Zentren Battenberg, Biedenkopf und Gladen­bach erhielt aus Darm­städter Sicht die­sen inoffizi­ellen Beinamen zum ehemaligen Landkreis Biedenkopf, heute Landkreis Marburg - Biedenkopf. Der für Fremde oft despektierlich klingende Begriff wird jedoch von den Hinterländern nach der Annexion Preu­ßens (1866) mit lokalpatrio­tischem Stolz besetzt, wenn auch als Armenhaus.


    Steffenberg mit Weiler Obereisenhausen im Hinterland.   
    Foto: Copyright by Kurt Werner Sänger, Juni 2011.

Reisebericht eines Anonymus, Hessischer Volksfreund, Darmstadt 1844.

Wer in dieser Gegend von den Städten Gladenbach, Biedenkopf oder Battenberg aus einen Seitenausflug zu machen gedenkt, darf auf leibliche Genüsse nicht rechnen; denn einerseits; sind die Wirte mit Eß- und Trinkwaren äußerst; schlecht versehen, andererseits herrscht auch in Stuben und Gefäßen eine solche Unsauberkeit, daß wer die Reinlichkeit in anderen Gegenden gewohnt ist, es nicht über sich gewinnen kann, irgend Etwas ohne Ekel zu genießen. Da wird kein Lagerbier, noch weniger Bockbier, verabreicht, kein perlender Wein wird ausgeschenkt, und auch kein kühlender Cyder prizzelt im Glase! Hier harren Eurer weder jene niedlichen Schinkenschnittchen, die so fein sind, daß man sie zu Brillengläsern gebrauchen könnte, noch kredenzt euch eine artige Kellnerin mit zierlichem Schürzchen, flinken Füßchen und koketten Mienen würziges Getränk; hier rennt kein Kellner mit ellenlangen Schritten durch den Saal, und kein künstlich angelegtes Buschwerk kann euch in seinem Schatten bergen. Nur Natur - manchmal auch etwas weniger – ist hier zu treffen.

Ich will Dich einmal, lieber Leser, ein paar Stunden in diese Gegend hineinführen. Gehst Du z.B. in Biedenkopf den Bachgrund hinunter über die Lahn und lenkst deine Schritte über waldige Hügel, so kommst Du von Tal zu Tal und endlich in ein Dorf, etwa nach Niedereisenhausen oder Silberg. Die Häuser sehen nicht einladend aus. Strohdächer und graue Wände schauen Dir traurig entgegen. »Nun, etwas zu essen und zu trinken wirst Du doch bekommen!« - denkst Du, rasch vorwärtsschreitend. Hungrig und durstig trittst Du in die Wirtsstube, aber auf einige Minuten vergeht Dir aller Appetit. Dein erstes Geschäft wird darin bestehen, daß du das Fenster öffnest, um nicht zu ersticken. Mit Verwunderung fallen deine Blicke auf Fußboden, Bänke und Tische, und Du würdest Dich gern setzen, wenn Dich der Schmutz nicht abhielte. Herumtrappelnde Hühner haben alles verunreinigt.

An einem Tisch sitzen einige starke Männer, die, den Pfeifenstummel im Munde, aus ziemlich großen Gläsern ein weißes Getränk, das stark ins Schmutziggelbe spielt, mit behaglichen Mienen hinunterschlürfen. Du wirst erraten, daß sie Schnaps trinken. »Bringt mir einen Schoppen Wein« - sagst du zur Wirtin, die in dieser wenig einladenden Umgebung dennoch freundlich ist, freundlicher, als die Kellnerin im St... zu Frankfurt, die fast immer darein schaut wie sechs Tage Regenwetter, oder wie die Katze wenns donnert. »Wäi honn merr naut« - erhältst Du zur Antwort. »Bejer (Bier) ower känn'r kreje.« Du erhältst einen Schoppen Bier von einer Sorte, die demselben Rang unterm Gerstensaft einnimmt, welchen der Grünberger unterm Wein behauptet. Das Glas, in welchem Dir das bräunliche Zeug durchgereicht wird, ist undurchsichtig vor lauter unwesentlichen Anklebseln. Von den Speisen will ich schweigen, es möchte sonst Mancher die Schilderung für Übertreibung halten. Wer jedoch daran zweifelt, kann sich leicht selbst überzeugen, wenn er gut zu Fuße ist, denn aufs Fahren darf er nicht reflektieren.

Nun zu den Leiden, die ich vor einigen Jahren bei Gelegenheit eines Besuches, den ich in Gönnern einem Bekannten, der aus der Gegend von Offenbach gebürtig ist abstattete. »Ich rate Ihnen, Herr Candidat!« - sagte mein Haus- und Kostwirth - ein schlichter, ehrlichen Biedenkopfer zu mir - »ich rate Ihnen, nehmen Sie sich etwas zum Beißen mit, es könnte Sie sonst gereuen; Sie können sich nicht vorstellen, wie man im »Grund« lebt. Ich achtete nicht darauf, begab mich auf den Weg und langte um vier Uhr des Nachmittags in Gönnern, einem armselig aussehenden Orte, an. Die Wohnung meines Bekannten ward mir gezeigt. Zur Haustüre eintretend, kam mir derselbe in einem entstellenden Anzuge entgegen, und sowohl ich, als er, trat im ersten Moment erschrocken zurück. Mein Bekannter, den ich S. nenne, führte mich nun in das Haus, worin er den Tisch hatte. Eine schöne, vollblühende Hinterländerin empfing uns; es war die Kostwirtin. Herzlicher, ich muß es wohl gestehen, kann man kaum aufgenommen werden. Sie trug nach ihrer Weise ein sehr gutes Abendessen auf, das in Milchsuppe und Käse nebst Brot bestand. Ich vermochte jedoch, obgleich S. wacker Zugriff nichts zu genießen. Die Suppenschüssel war aus Holz gefertigt, und aus demselben Stoffe Teller und Löffel, deren zweideutige Farbe nicht appetiterweckend war. Ich schützte Unwohlsein vor und aß nichts.

Um neun Uhr des Abends ging ich mit S. in sein Logis zurück und eine Stunde später begaben wir uns zu Bette. Ich ahnte nichts Arges; aber bald sollte ich furchtbar enttäuscht werden. Ein plötzlicher Stich in die Seite belehrte mich, dass eines jener Insekten, welche sich in unreinlichen Wohnungen so häufig vorfinden, mich aufgesucht habe. Kaum hatte ich diesen aufdringlichen Gast in die Flucht getrieben, als ich an verschiedenen Teilen meines Körpers die Tätigkeit dieser bräunlichen Husaren verspürte, deren Angriffe endlich so heftig wurden, daß ich aufstehen und mich auf einen Stuhl setzen mußte. Doch dieses Manöver brachte mir keine Rettung. Wütend verfolgten mich diese kleinen Tiger und quälten mich die ganze Nacht ohne Barmherzigkeit.

Der folgende Tag war ein Sonntag. Eben hatte ich meinen Kopf auf den Tisch gelegt, um den Versuch zu machen, ob es mir möglich wäre, ein wenig zu schlafen, als der Geistliche von Niedereisenhausen, von welchem Dorfe Gönnern ein Filial ist, eintrat. Der würdige Mann kam, um den Gottesdienst abzuhalten. Bevor er jedoch in die Kirche ging, ließ er sich aus dem benachbarten Wirtshause für einige Kreuzer Lebenswasser holen, das er in einem Zuge zu sich nahm. Also gestärkt, bestieg nun der Herr Pfarrer die Kanzel und hielt einen ergreifenden Vortrag über die Mäßigkeit in diesem und die Seligkeit in jenem Leben; ein halbes Jahr hierauf starb er. Als ich gegen S. mein Befremden wegen des Schnapstrinkens äußerte, sagte er: »Lieber Freund! Das verstehst Du nicht; wer unter den Wölfen ist, muß mit diesen heulen. Wenn man keinen Schnaps trinkt, gilt man für stolz, und es gehört gar nicht zu den auffallenden Erscheinungen, daß der Schullehrer und sogar der Geistliche mit den Bauern in der Schenke schnapset; Niemand findet hier etwas Unanständiges. Was sollen wir arme Teufel denn auch trinken!«

Wahr ist's, so lange die Landleute des Hinterlandes, des Vogelsberges und anderer rauhen Gegenden die Speisen nicht gehörig zu bereiten verstehen, wird es schwer fallen, den Schnaps aus geselligen und häuslichen Kreisen zu verdrängen. Nach dem Genüsse schwerer Speisen, als: grobes Brot, gedörrtes Fleisch, Käse etc. glauben die Bewohner jener rauhen Gegenden ein Verdauungsmittel nehmen zu müssen, und als solches haben sie irriger Weise den Schnaps gewählt, den sie in großen Quantitäten zu sich nehmen, ohne daß er ihnen dem Anscheine nach schadet. Ich habe oft bemerkt, dass Handwerksleute bei trockenem Brot einige Gläschen Branntwein tranken, während sie nach einem ordentlichen Mittag- oder Abendessen einen Widerwillen gegen dieses Getränk hatten. Möchten doch diesen Umstand die Gründer von Mäßigkeitsvereinen wohl beherzigen!

Nach beendigtem Gottesdienste lud mich mein Bekannter zum Mittagessen ein, was ich jedoch, trotz allen Bittens, ausschlug, da ich da doch nicht zu essen im Stande gewesen wäre. Ich begab mich auf den Rückweg und langte des Nachmittags drei Uhr in Biedenkopf an, nachdem ich mehr als vier und zwanzig Stunden nichts gegessen und nicht geschlafen, und außerdem noch einen achtstündigen Kampf mit jenen kleinen, flinken Quälgeistern, Flöhe genannt, zu bestehen hatte. Noch nie hatte ich bei gesundem Leibe unangenehmere vier und zwanzig Stunden verlebt! »Herr Candidat!« - sagte mein Hauswirt zu mir, »in Zukunft schlagen Sie nie mehr den Rat eines vernünftigen Mannes in den Wind.« Ich will jedoch durch diese Schilderung Niemand die Lust benehmen, jene Gegend unseres hessischen Vaterlandes zu bereisen.


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