hinna gans
hemba räas
mannes häas
hunnat hemba
hinna gans
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 


Emil, ein Mäuserich aus dem Hinterland, macht sich an einem späten Herbsttag noch einmal auf den Weg, um Vorräte für den Winter zu sammeln. Hierbei wird er von einer Katze gestellt, die ihn fressen will. Doch kommt alles ganz anders. Emil ersinnt die Lüge, er könne hexen, also zaubern, und verstrickt so die Katze in ein psychologisches Spiel zwischen Macht und Eitelkeit. Vom Tode bedroht setzt er die Katze in eine Zwickmühle, selbst Opfer ihres eigenen Handelns zu werden. Frisst sie den Mäuserich, dann in Gestalt eines verzauberten Steines, den zu fressen, die Katze mit eigenem Leben bezahlen werde. Oder sie laufe Gefahr, vom Mäuserich - nunmehr als verzauberter Hund - selbst gefressen zu werden. Ein nicht auflösbares Dilemma. So scheint es der Katze klüger, sich einmal selbst mithilfe des "Zauberers" in der Kunst der Verwandlung als Tiger zu versuchen, allein der Hunde wegen. Doch auch dieser Versuch endet für die Katze in einer demütigenden Niederlage. Ein zweisprachiges Lehrstück - nicht nur für Kinder - von der Dienlichkeit der Dummheit und davon, wer wem zu guter Letzt die Bestimmungen bestimmt.

Moiserisch Emil, Kurt Werner Sänger, Leonore Poth (Illustrationen), Hardcover, 48 Seiten, 12.80 Euro, CoCon Verlag, Hanau 2017, ISBN 978-3-86314-333-6.

Rezensionen

"Und so ist auf den ersten Blick das Machtgefüge zwischen der kleinen detailreich gestalteten Maus und der großen plumpen Katze ersichtlich. Auf die vermeintlich Stärkere schüttet der Autor Hohn und Spott in Form bildhafter Vergleiche aus. Bis zum Ende der Geschichte bleibt es spannend, ob und wie sich der clevere Moiserisch Emil aus seiner prekären Lage befreien kann." Christine Fauerbach, Wetterauer Zeitung.

"Im Frühjahr ist Sängers Kindergeschichte „Moiserisch Emil“ (Mäuserich Emil), illustriert von der Frankfurter Künstlerin Leonore Poth, erschienen. In ihr nimmt es die Hinterländer Platt schwätzende Feldmaus Emil mit einer Hochdeutsch sprechenden Großstadtkatze auf. Gespickt ist die Erzählung mit Kritik an politischen und gesellschaftlichen Autoritäten. Als klassischen Heimatdichter will sich Sänger indes nicht verstanden wissen. Ihm gehe es nicht um einen geschönten, verklärenden Blick auf eine Gemeinde, eine Region oder eine Landschaft. Vielmehr müssten auch Sprache und Themen den gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung tragen." Andreas Groth, Frankfurter Rundschau.

"Ein Kindermärchen erzählt Kurt Werner Sänger, vom schlauen Mäuserich, der ein mühevolles Feldmausleben führt und gern bei einem Strohballen rastet, in die Sonne blinzelt und träumt. Und von der vornehmen Katze, die ihn fressen will, sich dann aber von ihm überreden lässt, lieber das Zaubern zu lernen. Ein wenig Klassenkampf muss schon sein, da kann der Erzähler nicht aus seiner Haut, und die Erfahrungen mit Politikersprechblasen und leerem Imponiergehabe kommen auch in der Märchenwelt zur Geltung. Dennoch ist die Märchenwelt noch in Ordnung, das Hinterland ist eine bäuerlich geprägte Landschaft und die Tiere sprechen selbstverständlich das einheimische Idiom. Kurt Werner Sänger, mit dem Musikertrio „Odermennig“ einst ein viel beachteter Neuerer der mittelhessischen Mundart, weiß gut, dass Märchen und Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Das Buch ist zweisprachig, dem ursprünglich rheinfränkischen Dialekt ist die Standardsprache gegenübergestellt und im Vorwort geht der Autor auch auf den Rückzug des Mittelhessischen ein, das vom Frankfurterisch der Metropolregion Rhein Main verdrängt wird. Emil kann zwar die Katze hereinlegen, aber die Entwicklung nicht aufhalten, das ist die Moral von der Geschicht." Josef Wittmann, Internationales Dialektinstitut.


Trappelgedichte für Kinder
Die Gedichte sollten in einem Atemzug und hüpfend gelesen werden.

he rabbelt un schibbelt
er rappelt und kullert
un roiselt 1) im earn 2)
und rüsselt im flur
un zirrat un rumbelt
und zittert und rumpelt 
un schmaißt de dearn 
und schlägt die tür´n

bleest wäsch of
bläst (die) wäsche auf
un scherrelt de beeme 
und schüttelt die bäume
un ka of eam schdiss  
und kann auf einem stoß 
de däscha oabheewe 
die dächer abheben


Geschichten aus unserem Dorf, Genealogie und Sozialgeschichte dörflichen Lebens, Hrsg: Günter Debus, Angelburg/Aachen, 750 Seiten (1996).

ma kaa´n nit fange
man kann ihn nicht fangen
nit see un nit pagge
nicht sehen nicht packen
nit broore nit schmaigge
nicht braten nicht schmecken
nit rische nit laigge
nicht riechen nicht lecken

he brengt ois de raa
er bringt uns den regen
un langt ois den sunn
und holt uns die sonne
un nooscht´s kaast´n
und nachts kannst du ihn
ims aikbaand paife gehunn
ums eck pfeifen hören

es eas nit de doiwel
es ist nicht der teufel
nit krachmellersch lina 3)
nicht krachmüllers lina
es eas ke geschbenst
es ist kein gespenst
un kean schwoaddse hund
und kein schwarzer hund

es eas - asch will´s
es ist - ich will´s
da faroore mai keand 
dir verraten mein kind
näad aanaschdes als wäi 
nichts anderes als wie 
de goschdische weand 
der garstige wind

1) Das Aufrüsseln oder Aufbrechen der Erde durch Schweine, hier synonym für Unordnung.
2) Earn, fränkischer Name für den Flur.
3) Krachmüllers Lina, poetische Figur, steht für ein zänkisches und ungehobeltes Weib.

Weandgetrappel

weandgetrappel windgetrappel
keandgebabbel kindgebabbel
laise kimmt leise kommt 
de morje rof der morgen herauf  
kanngerappel kannengerappel  
kräatgeschrabbel krautgeschrappel 
bleachan klingts blechern klingt es 
zöum meddoag nof zum mittag hinauf

lischdgewimmel lichtgewimmel
sunngebimmel sonnengebimmel 
wispand schdaie wispernd steigen  
schwalwe of schwalben auf  
meddoagshimmel mittagshimmel 
schdaabgekrimmel staubgekrümel 
resselnd werft sisch rüsselnd wirft sich
weand enof wind hinauf

raagetreppel regengetröpfel
wolgehebbel wolkenhügel 
dinnan - donnern  
uufahofft unverhofft
schdurmgetrappel sturmgetrappel 
angstgebabbel angstgebabbel 
zirrad laise zittert leise 
dursch de loft durch die luft


Vom Haben und vom Sein.

heste woas
hast du etwas
beaste noch lang näad
bis du noch lange nichts
beaste woas
bist du etwas
kaaste aach nit
kannst du auch nicht
imma alles glaisch kräie
immer alles gleich bekommen
oom bäste eas
am besten ist es
döu hest goanäad
du hast garnichts
un nimmst da doas
und nimmst die das
woas de kräie kaast
was du bekommen kanst
da beaste doas
dann bist du das
woas de hest
was du hast

Deutsche Mundarten an der Wende, Nord-Süd-Anthologie deutschsprachiger Mundarten, Rhein-Neckar-Zeitung, 450 Seiten, Heidelberg (1995).


Collagen einer Kindheit (Auszug)

Der Mittag riecht nach glimmenden Buchenscheiten der Rauchkammern, riecht nach Stallmist und Bratäpfeln. Im harschen Schnee der Gärten von Gindernawe zeichnen braune Schlieren ausgebrachter Holzasche filigrane Muster. Dazwischen ausgelassenes Griebenfett, Schmalzflocken und Gedärm von den Schlachtfesten zum neuen Jahr neben hart gefrorenen Kohlstrünken, um die sich Raben und Krammetsvögel für eine karge Mahlzeit streiten. Klirren der Frost drückt alles Leben in die geduckten Stuben hinein, so auch in das Haus von Koll, ein bescheidenes Anwesen mit fünf Zicklein und drei Kühen unterm Dach einer armer Leute Wirtschaft. In der offenen Kammer zum Stall hin harren die Zicklein neben Waschzuber, Geschirr und Ackergerätschaften aus. Unterm Frost, draußen, würden sie erfrieren. Dazwischen trappelnde Hühner. Eine rotbunte Katze geniest im Stroh den erzwungenen Frieden in behaglichem Schnurren. Einzig das Feuer in der Stube spendet Wärme und Bratäpfel, die auf der gusseisernen Ofenplatte schmoren und deren Duft in die Kammern geht. Die Zeit hält ihren Atem an, steht vernehmbar still wie die Pendeluhr an der Stubenwand ihren Betrieb eingestellt hat, sich ausschweigt über das, was noch kommen könnte, auf sich warten lässt wie die ersten Sommervögel zum Mai.
 
Koll hat seinen Platz dicht am Ofen in der Stube. Seine Füße stecken in der geöffneten Backröhre, in der Hand ein Brett, darauf ein Rechenheft, in das der Dreizehnjährige hastig seine Hausaufgaben kritzelt. Ein kleines Radio erzählt auf dem Geschirrschrank Mittagsgeschichten. Kanzler Adenauer und ein französischer Präsident namens Degool, heißt es, sollen sich in Paris zum Mittagessen bei offenem Kaminfeuer getroffen haben. Ganz anders bei Koll. Er beendet seine Hausaufgaben, grapscht sich drei Kartoffelpuffer, die seine Mutter auf die warme Ofenplatte gestellt hat und die er mit zwei platt gedrückten, saftigen Bratäpfeln übereinander gestapelt auf einmal verschlingt. Auch Koll hat eine Verabredung. Beizeiten, bevor das Taglicht aus den Wäldern geht, will er über den Berg bei seiner Gote im benachbarten Talgrund der Hörle sein, wo sie ihm ein altes Feldharmonium versprochen hat. Ein verspätetes Weihnachtsgeschenk, das zusammengeklappt der Größe eines Reisekoffers entspreche und gut auf einen Schlitten passe, hat sie ihm noch zur Weihnacht erzählt. Das Instrument sei einst im Besitz eines Militärpfarrers der Wehrmacht gewesen, ein Tauschgeschäft gegen Zigaretten mit der zusätzlichen Besonderheit, dass im Holz des Instrumentes noch eine Patrone stecke.
 
Er geht die Stiegen von der Stube zur Kammer hinab, schiebt die Zicklein beiseite und nimmt aus einem alten Holzverschlag seine Klamotten. Eine graue Felljacke, darüber ein aus Zeltplanen genähter blauer Anorak, dann ein Paar alte Filzgamaschen, die er über die groben Schuhe zieht, eine amerikanische Fliegermütze und mit Kaninchenfell eingefasste lederne Fausthandschuhe. Vom Holzschuppen holt er die Ski, die der Stellmacher im Dorf zu Weihnachten mit modernen über das Eis führenden Stahlkanten und mit einer neuen Federzugbindung aufgerüstet hat. Dann den Schlitten, den er mit einem langen über die Brust geschlungenem Hanfseil hinter sich her zieht. Zur Dämmerung will er wieder in Gindernawe sein, verspricht er seiner Mutter, die ihm noch ein Pfund frische Butter für die Gote zusteckt, doch spätestens, wenn der Arbeiterzug von der Fabrik um sechs Uhr den Talgrund herauf kommt und zum Signal pfeift als die einzig verlässliche Uhr für den, der in den Wäldern ohne Zeit unterwegs ist.
 
Mit weit ausgreifenden Stöcken und kräftigem Antritt verlässt Koll den Hof ins offene Feld. Schwarzbraune Gülleflatschen, als zeitig ausgebrachter Dünger zum Frühjahr, liegen auf den verschneiten Äckern, über die der Wind mit kleinen Schneewirbeln im Mittagslicht hinweg tanzt. Ein Pulk Raben streicht über die verschneiten Äcker. Koll verlässt die Talaue zum Bergrücken hinauf. Mit raschen Kreuzschritten entlang eines alten Bachlaufes, in dem zur Schneeschmelze die Forellen aufsteigen, erklimmt er eine erste mit alten, knorrigen Hainbuchen bestandene Anhöhe. Koll zieht den Schlitten herbei und gönnt sich eine Rast. Schneegriesel raschelt von den braunen, hart gefrorenen Blättern. Ein Bussard streicht aus dem Geäst heraus und verursacht mit seinem Flügelschlag ein Schneegestöber, das Koll ins Gesicht kitzelt und im Sonnenlicht zu einem glitzernden und flirrenden Nebel zerfällt.

Die Anhöhe ist ihm seit frühesten Kindesbeinen vertraut. Die Alten im Dorf erzählen von Hexen, die dort ihr Unwesen getrieben haben sollen, dann heißt es, ein Mönch habe in früher Zeit unter den Buchen gehaust und das Christentum gepredigt. Dann sei er erschlagen worden. Seither halten die Leute zu Ehren des Mönches im Talgrund jährlich zu Pfingsten dort einen Gottesdienst mit Jahrmarktbuden, frischem Fassbier, Bratwürsten und Blasmusik ab. Ein Besäufnis in Christi. Die Jüngeren wissen von Flugabwehrkanonen zu erzählen, die im Krieg die Eisenbahnlinie im Tal vor englischen Fliegerangriffen verteidigen sollten. Doch jetzt ist es ein rabengroßer Schwarzspecht, der hoch oben im verschneiten Stamm mit roter Kardinalskappe trommelnd sein Revier verteidigt und Kolls Aufmerksamkeit bestimmt, sich auf den Weg zu machen, der in das Dickicht des tiefen Tannenwaldes hinein geht bis auf den hohen Berg. Unter der drückenden Schneelast formen die mächtigen Tannen sich zu geduckten, schweigenden Riesen aus. Nur spärlich dringt das Licht bis zum Boden.

Ein Revier der Wildschweine, weiß Koll vom Nachbar, dem Jäger, schwarze Sauen, die noch immer in ihrer Rauschzeit seien. Koll beginnt laut zu singen, erfindet eigene Lieder, lautstark, damit die Sauen Abstand halten, im Dickicht bleiben, singt laut vom Mai, dem der Winter sei vorbei, reimt das Eine ums Andere, zieht den Schlitten in Kreuz- und Stemmschritten nach, der sich im brechenden Unterholz nur schwer führen lässt. Ein Ruckeln und Zerren, bei dem Koll stürzt und eine Schneelawine im Tannengeäst auslöst, die mit einem dumpfen Schlag auf ihn nieder kracht. Mit schwerem Atem befreit er sich unter der Schneelast, klopft den Schnee aus seinen Klamotten und zerrt den Schlitten aus dem Unterholz hervor, wobei ihm die neuen Stahlkanten an seinen Skiern sicheren Halt geben.
 
Keuchend erreicht er die Bergeshöhe. Ein flaches Plateau, von dem aus der Blick weit über die Höhen des Rothaar geht und auf den im Schnee versunkenen Weiler, dann, ein wenig abseits davon, im freien Feld das Haus, in dem die Gote wohnt. Im steten Wind auf dem Plateau liegt der Schnee als ein harsches im Eis erstarrtes Brett oben auf, das die Läufe des Rehwildes blutig aufreißt. Rote Blutstupfer markieren deren Wechsel zu den Futterstellen, die von Waldarbeitern mit Heu und Futterrüben mithilfe von Traktoren versorgt werden. Koll folgt deren Reifenspuren in einer rasanten, steilen Abfahrt über buckelige und vereiste Holzrückewege aus dem Tannenwald heraus ins Tal. Von dort sind es nur noch wenige Hundert Schritte zum Haus der Gote, das einst als Mühle an talwärts gestauten Bachläufen mit zahlreichen Forellenteichen gedient hatte. Die Gote lebt dort zusammen mit dem stummen Wassili, der rotbraunen Brabanter Stute Rosa, mit drei Dutzend Gänsen und einem stattlichen Hund, einem Leonberger namens Seppel. Koll schnallt seine Ski ab, schlägt sie mit einem lauten Knall gegeneinander, damit der Schnee aus den Federbindungen fällt, aber auch Seppel auf den Plan ruft, der als Erster Koll im tiefen Schnee mit Freudensprüngen und lautem Gebell begrüßt. Seppels Job ist es, die Füchse von den Gänsen fernzuhalten, aber jetzt, wo Koll gekommen ist, ist die Sache eine andere.

Seppel und Koll sind alte Freunde. Als Welpe durfte Seppel mit Koll auf dem Gästesofa der Gote schlafen, wenn er als Bub früher zu Besuch über den Berg gekommen war. Einmal, als ihn die Kinder in Gindernawe der besser begüterten Bauern und Handwerker, der Schmiede und Maurer seiner ärmlichen Klamotten gehänselt und getreten hatten, weil er nicht nach der Mode der neuen Versandhäuser gekleidet war, auch hatte man im Wirtshaus seinen Vater als roten Vaterlandsverräter beschimpft, den man beim Vergasen vergessen habe, war Koll über den Berg gegangen und hatte sich für drei Tage Seppel ausgeliehen und sich Respekt verschafft. Seitdem traut sich niemand mehr, Koll zu treten und zu hänseln. Mit dem Freudengebell Seppels, in das auch die Gänse nunmehr mit aufgeregtem Geschnatter und Zischen einfallen, tritt Wassili aus der Tür, dann kommt die Gote heraus. Ob er gut durch den Schnee gekommen sei, fragt sie, wie es der Mutter und dem Vater gehe, den Zicklein und den Kühen, und nimmt Koll in die gute Stube. Er schlüpft aus seinem Anorak und der Felljacke, reicht der Gote die mitgebrachte Butter. Ein Kachelofen spendet wohlige Wärme, darin eingefasst in einer Nische steht eine warme Kanne mit Kakao, die Koll sogleich in Besitz nimmt wie die gezuckerten Waffeln, die Wassili aus der Küche heraus auftischt.

Die Gote und Wassili sind für Koll weitgereiste und mit Abenteuern reich gesegnete Leute. Wassili stammt aus einem Dorf bei Leningrad, war dort Deutschlehrer, dann Gefangenschaft und Verschleppung zur Zwangsarbeit in die Fabrik. Eine Krankheit hat ihm in den Baracken die Stimme genommen. Die Gote war Wirtschafterin in einem Frankfurter Herrenhaus, Geschäftsleute einer Großwäscherei für Hotelwäsche, hat sie mal erzählt. Sie weiß von Elefanten, Tigern und Giraffen zu erzählen, von Flugzeugen mit vier Motoren, einer Lockheed Super Constellation, von großen Kaufhäusern mit fahrenden Treppen, von Bombennächten und Feuersbrünsten. Für Koll eine ferne, fremde Welt, die gleich hinter der Kreisstadt beginnt. Aber nicht nur dieser Geschichten wegen geht Koll gerne zur Gote. Sie besitzt einen Schrank voll mit Bü­chern, Bildbänden von Paris, London und New York, von Reiseberichten und Abenteuergeschichten.
 
Gegen Kriegsende war sie zur Buchhaltung in die Fabrik abkommandiert worden. Dort haben sich beide kennengelernt. In den letzten Kriegstagen hat sie Wassili versteckt, sonst wäre er noch von den Nazischergen erschossen worden. Seitdem sind sie ein unverheiratetes Paar. Nach dem Krieg hat er Nachforschungen über seine Verwandten in Russland angestellt. Aber sein Dorf wurde dort mit Flammenwerfern der Wehrmacht niedergebrannt. So ist er bei der Gote geblieben. Bei den Alten im Weiler heißt sie deshalb Russenweib, das mehr könne als nur Brot essen, in deren Aberglauben sie eine Hexe sei. Das sagen sie aber nur hinter vorgehaltener Hand, weil sie es nicht besser wissen, aber etwas zum Geschwätz brauchen. Mit der Klugheit der Leute sei es dort nicht zum Besten bestellt, hat die Gote einmal gesagt. Trotzdem hat sie die alte Mühle im Tausch gegen eine Fuhre Bielefelder Bettwäsche und Silberbesteck aus einem im Krieg zerbombten Hotel erstanden.

Ihr Einkommen bestreiten beide mit der Forellenzucht, der Gänsemast, und wenn Zeit bleibt, arbeitet Wassili als Übersetzer von russischen Dokumenten auf einem Amt in der Kreisstadt für den Suchdienst vermisster Soldaten. Oder er geht mit Rosa im Tagelohn zum Holzrücken in den Wald. Wassili besitzt zwei Schreibmaschinen. Eine mit deutschen Buchstaben, dann eine mit russischen. Die russische Schreibmaschine braucht er für die Sowjetzone, immer in doppelter Ausführung beim Suchdienst, hat die Gote einmal erklärt. Vom Dachboden hat Wassili derweil das Harmonium herunter bugsiert. Ein brauner, unscheinbarer Kasten. Mit wenigen Handgriffen hat er die Holzvertäfelungen auseinander geklappt, das Manual und den Blasebalg freigelegt und die Standbeine angeschraubt. Koll kann sein Glück nicht fassen. Wassili rückt einen Hocker heran und die Gote erklärt die Funktionsweise des Instrumentes, das Manual mit Registern, Gebläse und Stimmzungen. Es sei noch so, wie sie es auf dem Dachboden abgestellt habe, betont sie, nur fehle es ein wenig an Möbelpolitur, sonst sei alles in Ordnung, nicht einmal Holzwürmer, und Koll nimmt das Harmonium sogleich mit glänzenden Augen in Besitz, tritt ins Pedal und entlockt ihm die ersten Töne. In zwei, drei Wochen will er Reni, die Tochter des Jägers, die ersten Stücke vorspielen, die er sich im Geheimen extra für sie ausgedacht hat.
 
Das Sonnenlicht geht in den Abend, mahnt im glutroten Licht zum Aufbruch, zumal die Dämmerung danach rasch aufkommen wird und der Frost in den Wäldern anzieht. Das Harmonium sei wohl für Koll zu schwer, gibt die Gote zu bedenken, es alleine mit dem Schlitten über den Berg zu schleppen, dagegen nachher die Abfahrt nach Gindernawe ein Leichtes sei. Wassili könne doch mit Rosa den Schlitten und Koll auf den Berg hinauf ziehen. Koll zieht sich seine Klamotten über, während Wassili das Harmonium draußen auf dem Schlitten festzurrt und Rosa aus dem Stall holt, die Stute anschirrt, dann den Schlitten und mit einem zweiten langen Seil für Koll in einem Schleppzug. Wassili schwingt sich auf Rosa hinauf, schnalzt mit der Zunge, und los geht die rasante Fahrt den Berg hinauf. Rosa scheint dieses lustige Gespann ebenso großen Spaß zu machen. Mit ungestümer Lebenslust und wehender Mähne geht die Stute in einen Galopp über, dass der Schnee unter ihren Hufen davon stiebt und selbst Wassili Mühe hat, das Pferd in der Spur zu halten. Binnen fünfzehn Minuten erreichen sie das Plateau, ein Anstieg im Fluge, für den Koll mit der Last des Harmoniums auf dem Schlitten im tiefen Schnee auf eine gute Stunde gekommen wäre.
 
Wassili schirrt das Gespann ab. Beim Abschied mahnt er Koll mit besänftigenden Handbewegunen und Gesten, soweit es seine stumme Sprache erlaubt, das Tempo während der Abfahrt durch den Tannenwald hinunter nach Gindernawe gering zu halten, sonst komme der Schlitten mit der Last zu schnell in Fahrt und könne umstürzen, untermalt Wassili die Gefahr mit schnellen, kreisrunden Handbewegungen. Ein guter Rat, den er vom Holzrücken schwerer Stämme kennt, der aber Koll nicht mehr erreicht. Er will auf schnellstem Wege nach Hause ins Tal und strebt mit kräftigem Antritt dem Tannenwald zu, dessen Tücken er zu kennen glaubt. Die ersten dreihundert Meter lässt er die Skier flott laufen, kurvt in rasanten Slaloms um die mächtigen Stämme, nimmt weiter Fahrt auf, bis eine schwarze Sau wie aus dem Nichts plötzlich den Weg kreuzt. Ein fetter Keiler mit schaumigem Maul, aus dem krumm verhakte Dolchzähne blitzen. In einem kraftvollen Stemmbogen bringt er sich und den Schlitten zum Stehen. Auf die Sekunde muss Koll sich etwas einfallen lassen, will er von dem gruseligen Borstenvieh nicht gerammt oder gar noch angegriffen werden, und für das laute Singen stockt ihm der Atem.
 
Der Keiler geht unmissverständlich zum Angriff über. Koll lässt ihn bis auf eine halbe Stocklänge heran kommen. Dann stößt er ihm mit dem rechten Skistock das stählerne Eispickel bis zum Schneeteller in den Hals. Für den Moment eines Lidschlages scheint der Kampf für Koll gewonnen, doch der Schwarzkittel setzt aufs Neue zum Angriff an. Und Koll rammt ihm ein weiteres Mal den Skistock in den Hals, sticht wie ein spanischer Stierkämpfer auf die schwarze Sau ein, nunmehr mit beiden Stöcken, massakriert in einer verzweifelten Attacke das Vieh, das schlussendlich mit lautem Quieken und blutenden Wunden im Dickicht verschwindet. Mit rasendem Puls und pochendem Atem setzt Koll seine Abfahrt fort. Unbeschadet erreicht er das Hainbuchenwäldchen. In der Dämmerung verwandeln sich die knorrigen, verschneiten Buchen zu geheimnisvollen Gestalten, denen im aufkommenden Wind ein noch zusätzliches Leben eigen zu sein scheint und nicht mehr auszumachen ist, welcher Art Wesen sich dahinter verbergen. Von Weitem nimmt er eine Figur wahr, eine Art Menschengestalt, die ihm scheinbar zuwinkt. Ein mächtiger Schrecken fährt Koll in die Glieder. Dies könne nur der erschlagene Mönch sein, geht es ihm durch den Kopf, eine Spukgestalt, die nichts Gutes im Sinn hat, ein böses Etwas, gegen das auch keine Stockhiebe wie zuvor bei der schwarzen Sau, helfen.
 
Koll zieht hastig den Schlitten heran, zurrt die Riemen, die das Harmonium halten, noch einmal zurecht, und flieht mit kräftigen Ausfallschritten und in rasender Talfahrt von dem unheimlichen Ort. Im hohen Tempo bricht der Schlitten mit dem Harmonium aus der Bahn, gerät ins Schlingern und rast neben Koll, nunmehr seitwärts, wie es zuvor noch Wassili angemahnt hatte, krachend an einem Baum. Das beim Aufprall zersplitterte Harmonium wirbelt weit durch die Luft, wobei die freigelegten Lamellen durch den Luftzug anfangen zu schwingen und mit einem jämmerlichen Heulton im Schnee verstummen. Ein Rudel Rehe, das im Talgrund nach heranwachsendem Winterweizen unterm Schnee scharrt, stiebt mit wilden Sprüngen davon, als wäre ihnen der Leibhaftige erschienen.
 
Ein Unfall mit Totalschaden. Wenn auch mit heilen Knochen. Und Koll fließen die Tränen über die Wangen. Er bindet das zersplitterte Harmonium zusammen, richtet, so gut es geht, den Schlitten zurecht, und schlurft mit langsamen Gleitschritten, ganz ähnlich wie bei einem Trauerzug, nach Gindernawe zurück. Im Haus angekommen, betritt er, nunmehr als eine armselige Jammergestalt, die Stube. Die Mutter ist im Stall mit dem Melken der Kühe beschäftigt, der Vater kommt von der Arbeit. Von Beruf ist er Streckenwärter bei der Eisenbahn, sorgt mit einer Draisine für schneefreie Weichen und Signale, auch nachts, wenn der Wind die offenen, glutroten Koksfeuer in eisernen Feuerkörben an den Rangierweichen anbläst, die nur mit Feuer dem Frost trotzen, dann muss er zur Stelle sein, damit die Arbeiterzüge zum frühen Morgen gegen fünf Uhr nicht entgleisen. Im Hof sieht er den zerbrochenen Schlitten, ahnt das Malheur, und nimmt das zersplitterte Harmonium mit ins Haus. Vielleicht könne es der Stellmacher mit viel Leim wieder richten, tröstet er Koll, doch beim näheren Hinsehen taugt das Instrument nur noch als Brennholz. Zuerst habe ihm die schwarze Sau mit den verhakten Dolchzähnen im Maul dort in den Tannen den Weg versperrt, dann sei ihm der erschlagene Mönch im Buchenwäldchen erschienen, und dann habe ihm der Baum plötzlich in der Spur gestanden, schluchzt Koll, und der erste Auftritt vor Reni sei jetzt auch hinüber.

Der Vater nickt stumm, hört dem Radio über dem Geschirrschrank zu. Kanzler Adenauer und Präsident Degool haben in Paris ein Europa des Friedens und des Wohlstandes beschlossen, danach sollen die Aktienkurse der Stahlindustrie gestiegen sein, heißt es in den Abendnachrichten. Unterdessen kommt die Mutter vom Melken zurück, tischt frische Leberwurst zu Brot und Ziegenkäse auf. Die Versorgung des Viehs, der Landwirtschaft und des Hofes ist bei den geringen Leuten Frauensache, während die Männer als Arbeiter in der Fabrik oder bei der Eisenbahn ihr Auskommen suchen, andere fahren in die Stollen der Erzgruben ein oder malochen an den Hochöfen im Schelder Wald. Mit der Post sei heute ein Katalog gekommen, von Neckermann, sagt sie und betont gegenüber dem Vater, dass auch Ratenzahlungen bei Waschmaschinen mit extra Schleuder möglich seien und schürt das Feuer im alten gusseisernen Ofen, legt Holz nach, auch das vom zersplitterten Harmonium. Sie ahnt nichts von Kolls Unglück. Wenige Minuten später springt die Klappe des Aschenkasten mit einem dumpfen Knall auf und lässt den Ofen unter einer grauen Aschewolke versinken.

Die noch im Harmonium verborgene Patrone ist im Feuer des Ofens explodiert. Nach einer langen Schrecksekunde kehrt der Vater mit einem Handfeger die am Boden in Asche liegende Geschichte zusammen. Für den Streueimer im Garten, sagt er, geht schweigend zur stehen gebliebenen Pendeluhr an der Wand, richtet die Zeiger und setzt das Uhrwerk wieder in Gang. Im Mai, wenn die Sommervögel kommen, sagt er, dann sei alles vergessen, das sei gewiss, ganz anders bei den Aktien und den Ratenzahlungen für Waschmaschinen, spottet er. Dies sei wie in der Kirche, je mehr man daran glaube, umso näher komme man dem Himmelreich wie die Ungläubigen der Verdammnis verfallen. Der Wetterbericht im Radio kündigt weitere, kräftige Schneefälle an. Er müsse die Nacht noch mal raus in die Weichen, sagt er, das Feuer in den offenen Kokskörben hochhalten. Die Abendnachrichten enden mit einer Mitteilung über eine englische Band namens Beatles, deren Song I Want to Hold Your Hand die Hitlisten erklommen habe. Und Koll lauscht in versunkenem Schweigen dem wiederbelebten Ticken der Pendeluhr.

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