hinna gans
hemba räas
mannes häas
hunnat hemba
hinna gans
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 


Stille rauhe Wörter aus dem Hinterland.










highmatt plus

un boarwes
und barfuß
dursch de wesse laafe
durch die wiesen laufen
eas aach nua
ist auch nur
fea däi ean
für die einen
äsodeerischde schbass
esotherischer spaß
wu sisch
wo sich
kläära un schöuh
kleider und schuhe
kaafe kin
kaufen können

schwortswaise raabooche
Radierungen von Klaus Schlosser und Beiträgen von
Heinrich Dingeldein und Peter Härtling, Jonas Verlag, Marburg 1987, ISBN 3-92-2561-53-5.

Rezensionen

„Lieber Herr Sänger, es tut mir leid, dass ich Ihr Manuskript wieder zurückschicken muß, aber lyrischer Sekt und süßsaurer Äbbelwei vertragen sich nun mal nicht in einem Verlag zusammen.“ - Karl-Brod-häcker-Verlag, Ulrichstein. 

„Dem Herren waren die Lyrik und die Burlesken in mittelhessischer Mundart nicht geheuer.“ - Oberhessische Presse, Marburg.

„Es gelingt dem Autor mit sparsamen Strichen ein erstaunlich differenziertes Bild von diesem Hinterland zu skizzieren; von den Stimmungen der Landschaft, von der Arbeit auf dem Bauernhof und in der Fabrik, von der Arbeitslosigkeit, von den Möglichkeiten einer Selbstverwirklichung im Dorf, von der sozialen Kontrolle, den Machtgelüsten, den Ängsten und Aggressionen. Es sind dies Gedichte, die in ihrem subtilen Rhythmus, in ihrem Klangreichtum und in der Bildkraft der Landschaftsschilderungen einen hohen poetischen Reiz haben.“ - Norbert Feinäugle, Weingarten.

„Sänger versteht es, einfühlsam, ja liebevoll, aber doch ohne Pathos der überschwänglichen Begeisterung Stimmungen einzufangen. Sprache, das wird hier sehr schön deutlich, vermag auch dann, wenn sie gefaßt ist in geschriebene Worte, einen engen Bezug zur Wirklichkeit herstellen.“ - Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, Marburg.

„Sängers Sprache ist nicht die Sprache des Alltags. Seine Sätze, Bilder und Reime sind Extrakte. Manchmal deutet ein einziges Wort einen ganzen Gedanken an.“ - Karl Schmitt, Hinterländer Anzeiger.

Kurt Sängers Gedichte-Sammlung gehört zu den großen Dialektpoesie-Ereignissen dieser Zeit. Das sind ganz einfach Texte, das ist eine wichtige Sammlung von stillen Wörtern, von Pflaumenbäumen und von schwarzweißen Regenbögen. Das sind anklagende und mitfühlend-poetische Verse von Arbeit, Brot und Armut, von Suff, Geschrei und von Außenseitern. Das ist Poesie im Dialekt.“ - Hans Haid, Internationales Dialektinstitut, Wien.

„Die Sprache ist konkret, musikalisch und bilderreich, und der Autor legt Wert auf die Verwendung eines ausgewählten mittelhessischen Wortschatzes, der der Basismundart noch sehr nahe steht, meist sogar mit ihr identisch ist. Neben subjektiven Stimmungen stehen viele andere, meist soziale und psychologische Themen, im wesentlichen Gedichte der modernen Protestrichtung. Manchmal betont der Autor vielleicht etwas zu sehr das Episodenhafte, doch hat die Straffheit des Gesamtaufbaus in den Gedichten und Liedern nicht gelitten.“  - Hans Friebertshäuser, Hessisch-Nassauisches Wörterbuch, Forschungsinstitut für Deutsche Sprache, Marburg.

"Sängers Sprache, seine Sätze, Bilder und Reime wirken wie eine Lupe: Sie vermögen Dinge, die leicht übersehen werden, hervortreten, in ihren Konturen begreifbar werden zu lassen. Sie vermögen - ins rechte Licht gesetzt - wie ein Brennglas zu wirken: Feuer und Wärme spendend oder auch verletzend. Sie vermögen aber auch - und zu hoffen steht, daß sie dies breit bewirken - den Menschen des Hinterlandes ein Stück ihres Selbstvertrauens zurückzugeben, das man ihnen (oft genug gemeinsam mit der Mundart) in der Schule ausgetrieben hat. Wer einmal begriffen hat, welch breites Spektrum von Ideen mit welcher Schärfe in der sonst verachteten und verlachten Sprache der Region ausgedrückt werden kann, wird schwerlich in den Phrasen professioneller Sprücheklopfer der Medien das allein seligmachende Mittel des sprachlichen Ausdrucks suchen.“ - Heinrich Dingeldein, Arbeitsstelle Sprache in Hessen, Philipps-Universität Marburg.

„Die Sprache seiner Heimat wird von ihm nicht zur Beschönigung alter Zeiten genutzt, er beschreibt das, was passiert, in Worten, die er lernte und mit denen er sich auch noch mit denen unterhält, die in seinem Geburtsort leben (…). Seine Form der Nutzung des Dialekts hat wenig mit verklärtem Brauchtum zu tun. Zur historischen Wahrheit gehöre auch, dass die alten Zeiten eben nicht nur gut waren. Sie waren hart, vor allem für die, die zu den armen Menschen gehörten.“ - Edgar Meistrell, Hinterländer Anzeiger, Biedenkopf (2017).


es het schnäi gemoschd                            
es hat geschneit       
im uschde frost schdiat
im ersten frost steht                                  
schdoggschdaif de wäsch                          
stocksteif die wäsche                                
dursch de lädste schitteraisa                     
durch die letzten schotenreisige                  
bleest schuu de ostloft                               
bläst schon der ostwind                                            
sai waises weantalied                                 
sein weißes Winterlied                                  
                                                                  
noch raigge sisch kräatkäppe                    
noch recken sich krautköpfe                       
ie´s laange lischd                                       
in´s lange licht                                           
noch blait de schnäi nit laije                      
noch bleibt der schnee nicht liegen              
doch laise maschd de härbst
doch leise macht der herbst          
sai moire aache zöu                                  
seine müden augen zu                                
un sealbst de roawe schwaije                    
und selbst die raben schweigen                  

schdell wean de doache
still werden die tage                                    
hut de zait ean oore oo
hält die zeit ihren odem an
un säi wesse nit woas kimmt
und sie wissen nicht was kommt
es het schnäi gemoschd
es hat geschneit
gans lais un socht
ganz leis und sacht
edst alles inna sisch nimmt
jetzt alles unter sich nimmt.


Lesung beim 3. Internationalen Folk- und Volksmusikfestival in Eggenburg 1984.
Von links: Walter A. Kreye (Bremen), Josef Wittmann (Tittmoning), Kurt Werner Sänger (Biedenkopf) und Ludwig Soumagne (Neuss). Foto: Internationales Dialektinstitut Wien.


Peter Härtling, Nachwort zum Band "schwortswaise raabooche" (1987).

"Meine ersten Jahre, die Jahre, in denen ich Sprache und sprechen lernte, verbrachte ich in einem sächsischen Dorf, nahe bei Chemnitz. Demnach hätte es ganz selbstverständlich sein müssen, daß ich - so es meine Umgebung tat - das weiche, schlunddumpfe Sächsisch redete. So war es nicht. Es war mir nicht erlaubt. Unter sächsischen Bürgern, die etwas auf sich hielten, galt es als äußerst unschicklich, "so wie die auf der Straße" zu sprechen. Zuhause wurde Hochdeutsch gepflegt. Mein Mund, meine Zunge, mein Gaumen, die sich schon aufs Sächsische eingelassen hatten, wurden diszipliniert und umerzogen. Jeder Ausdruck, der mich in seiner Farbigkeit entzückte, mit dem es sich spielen ließ, wurde mir von den Lippen gewischt. Als ich zum

Klaus Schlosser, Radierung 1986
Mit den Raben fliegen, Szene aus dem Gedichtzyklus "Toiblingswaald"

Beispiel eine Ameise, wie ich es von Kindern im Hof gehört hatte, "Seechamsel" nannte, war meine Mutter einer Ohnmacht nahe. Das sei nicht nur sächsisch, sondern darüber hinaus auch noch unanständig. Wir zogen fort, nach Olmütz in Mähren, ich hörte ein vom Tschechischen eingefärbtes Deutsch; doch die Zeit war zu kurz, ich konnte mich nicht einüben, obwohl meine Eltern hier weniger streng urteilten. Ein paar Jahre später, 1946, konnten sie mir - beide lebten nicht mehr - nicht ins erste, zögernd nachgesprochene schwäbische Wort fallen. Diese Mundart beherrsche ich. Keine Muttersprache, keine, die am Anfang steht. Eher ein Idiom, das ich mir erst einmal lieh, um zu mir zu finden. Eine zweite Sprache als Tarnung. Ich wollte nicht auffallen, nicht anders sein, dazu gehören. Vielleicht, denke ich heute, wünschte ich mir Heimat, wenigstens in der Sprache. Eine Sprache wiederum, mit der ich Landschaft entdeckte, sie mir eigen machte. Plötzlich konnte ich die Umgebung, die spröd und fremd schien, anreden. Den Neckar, die Alb. Aber immer, bis auf den Tag, war ich mir der Enge bewußt. Die gefundene Sprache, deren zärtliche und zornige Wendungen mir halfen, zu leben und zu lieben, diese zweite, nicht eingeredete sondern aus Not nachgeredete Sprache, domestizierte mich auch. Und ich spürte sie. Mit jedem Wort. Sie nistete sich ein unter der Zunge, drückte gegen den Gaumen, rieb die Lippen, veränderte den Kiefer. Sie setzte sich fest und ich würde sie, das begriff ich, nie mehr aus dem Mund verlieren. Selbst dann, wenn ich sie verleugnen wollte, würde sie sich sperrig ins "Hochdeutsch" stehlen. Damit habe ich mich abgefunden. Mehr noch. Damit habe ich, verspätet und nach einer Phase des un-red-lichen Widerwillens, endlich meinen zweiten Anfang akzeptiert: nicht den des Lebens, den des Schreibens. Ich höre mich, wenn ich nach Sätzen suche, zwiefach sprechen. Ich flüchte nicht in die Mundart - dann nähme sie mich im Sinne des Wortes gefangen - ich gebrauche sie, weil ich sie brauche, um einer Gestalt nah zu kommen. Mörike kann, wenn ich von ihm erzähle, nur "I mueß hoim" sagen. Das ist eine andere Heimat. Von der weiß ich viel, soviel wie er, nur hab ich sie so wenig wie er sie hatte. Die Leserin, der Leser, die mir bis hierher folgten, werden sich verblüfft fragen, was diese Bemerkungen mit der mittelhessischen Poesie von Kurt W. Sänger zu tun haben. Ich meine sehr viel. Der Begriff Mundart bezeichnet genau, worum es geht. Um den von Sprache vollen Mund, um die Art des Sprechens. Sie zeugt von dem, woher man kommt. Und manchmal auch davon, wie."


„Streiten tun sie nicht?“ - setzte das Stimmchen leise und mit einer bangen Frage nach. „Ach was, wer streitet schon mit dem Wind ….“ - wandte das Guggemool mit einem leichten Achselzucken ein - „ ... der kommt mit dem Regen und geht mit der Sonne.“ - „Da magst Du wohl recht haben ...“ - entgegnete das Stimmchen - „ ... aber ich bin das Wörtchen Huschemool und einst im garstigen Streit davongegangen.“ - „Wie das!? Und was machst Du hier im faulen Holz?“ - fragte das Guggemool, denn es waren doch mit einem Mal mehr Fragen als Antworten über diese seltsame Begegnung binnen weniger Minuten entstanden, derenthalben sich das Guggemool niedersetzte und seinen schweren Rucksack beiseite stellte, um seine ganze Aufmerksamkeit dem Huschemool zu widmen. „Ich will´s Dir erzählen, aber es ist eine traurige Geschichte ...“ - antwortete mahnend das Huschemool - „ ... nur musst Du mich hierfür aus dem Holz nehmen.“ - „Und wie soll ich dies tun, bitteschön!?“ - fragte das Guggemool, wo doch das Huschemool jedem Augenschein unsichtbar war. „Gib mir ein wollenes Tuch, in das ich mich hinein legen und wärmen kann!“ - sagte das Huschemool. Und das Guggemool tat wie ihm gesagt wurde. Es kramte zwischen den Steinen im Rucksack nach einem wollenen Tuch. Dort hinein dachte es, das Huschemool zu legen. Denn ein so feines Dingchen müsse man mit Sorgfalt annehmen. Dann breitete das Guggemool das Tuch auf dem Wurzelstock aus, glättete so gut es ging, die knitterigen Falten aus, und im Nu hatte das Huschemool davon Besitz ergriffen und erzählte, was sich vor langen Zeiten in Liewletrod zugetragen hatte.

Einst hatte das Huschemool mit all den anderen Wörtern in den Mäulern und Köpfen der Liewletroder fleißig zu tun gehabt. Sie hatten ihnen das Sprechen und das Denken gemacht, beim Träumen geholfen und die Liebenden flüstern lassen. Einem jeden war gedient nach der Weise, wie er geschaffen war, den Einsilbigen wie den Schwätzern, und bei den Schlauen hatten sie natürlich mehr zu tun als bei den Dummen. Doch eines Tages war ihnen eine weiße Hexe aus dem Reich des bösen Uanorg vom nahen Fluss Reddin erschienen. Sie hatte demjenigen die Hochzeit und die Krone eines Dickwurzkönigs im Wurzenauer Land versprochen, welcher ihr die dicksten Rüben schenken werde. Daraufhin waren die Liewletroder in einen bitteren Streit geraten, wer nun derlei Rüben auf dem Acker hatte und wer nicht. Auch richteten sie danach ihre jeweiligen Wertschätzungen einander zur geistigen Vollkommenheit im Gemeinderat aus, um die Gunst der weißen Hexe zu erlangen. Aber sie konnten sich nicht einigen, worauf hin die weiße Hexe unverrichteter Hochzeit wieder aus Liewletrod verschwand.

Doch nicht für immer und nicht ohne böse Hinterlassenschaft. Fortan hatten sie die Wörter in einer Weise in Anspruch genommen, die jedem Sinn ihres Schöpfers fremd geworden war. Sie bedienten sich nur noch der dunklen Seiten des Unflätigen, verdrehten bösartig ihren Sinn und Zweck, hetzten einander, verfluchten und beklauten sich nachts ihrer dicksten Rüben. So hatten die Wörter beschlossen, dass sie als Erstes aus ihren Träumen verschwinden wollten. Aber allein danach waren die Liewletroder dümmer geworden und das Eine hatte in das Andere gegriffen. Dies war kein kluger Entschluss gewesen. Denn in den Träumen reinigen die Seelen sich von den Schrecken vergangener Tage. Binnen weniger Nächte waren die Leute derart heftig im Streit verfallen und von einer dumpfen Niedergeschlagenheit gezeichnet, dass den Wörtern selbst bange geworden war. Daher waren sie in der Not übereingekommen, die groben Mäuler der Liewletrodler gänzlich zu verlassen und sich zu verstecken. Seit diesen Tagen sind sie so stumm wie die Fische in einem bitteren Schweigen versunken

Top