hinna gans
hemba räas
mannes häas
hunnat hemba
hinna gans
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 


Lieder, Lyrik und Burlesken







Die Mundartgruppe "Odermennig" wurde 1982 von Reiner Lenz, Lutz Götzfried und Kurt Werner Sänger gegründet. Gefördert vom Hessischen Sparkassen- und Giroverband und der Arbeitsstelle "Sprache in Hessen" im Forschungsinstitut für Deutsche Sprache an der Universität Marburg entstand 1984 die Langspielplatte "Gemorje Hinnerlaand" unter der Regie von Alwin Michael Rueffer.

Gestaltung: Wolfgang Rudelius (1983).
 
Ein Text- und Tonwerk, das die bis dahin traditionelle Heimatdichtung in Hessen konterkarierte und moderne Ausdrucksformen in der ländlichen Dialektkultur in Hessen begründete. In wechselnden Besetzungen folgten Rundfunk- und Filmbeiträge sowie Auftritte und Lesungen auf literarischen Dialektforen, Kleinkunstbühnen und Folk-Veranstaltungen.

Namensgeber der Gruppe ist das Heilkraut Odermennig (Agrimonia eupatoria). In der mittelalterlichen Heilkunde wurde dem Odermennig eine nahezu universelle Heilwirkung zugesprochen. Heute schätzt man den Odermennig für Redner und Sänger, da er wegen seiner adstringierenden und entzündungswidrigen sowie antibakteriellen Eigenschaften besonders bei Beschwerden der Atemwege bei Heiserkeit und Stimmbandreizungen Linderung verspricht.


Zu den Mitwirkenden der Gruppe zählen bis zu ihrer Auflösung 1990 Reinr Lenz (Gitarre, Bluesharp, chromatische Mundharmonika, Klavier), Lutz Götzfried (Gitarre, Klarinette, Texter, Rezitation und Gesang), Kurt Werner Sänger (Texter, Rezitation, Oktav-Gitarre, Zither-Percussion), Jürgen Krebber (Gitarre), Wolfgang Schmidt (Alt-Saxophon, Querflöte) und Michael Neuner (Cello). Nicht zuletzt ist es Alwin Michael Rueffer, der 1983 als Regisseur, Schauspieler und gebürtiger Gießener das Projekt  im Tonstudio Walldorf literarisch auf die Bühne stellte.

Die Langspielplatte "Gemorje Hinnerlaand" wird auf dem antiquarischen Markt zurzeit zwischen 50 Euro und 70 Euro gehandelt. Wer diese Preise nicht bezahlen will, für den gibt es eine technisch brillante Alternative im Internet zum kostenfreien Herunterladen unter  http://www.popspots.de  Neben den Originaltiteln erhalten sie zugleich eine umfangreiche Dokumentation anhand von Presseartikeln und Rezensionen sowie den Texten zu den Gründerzeiten der Gruppe.


Eine wirkliche Entdeckung zwischen Platten-Gejammere und großartigem Versuch.

"Eine wirkliche Entdeckung aber ist die Gruppe Odermennig, die die Form des Melodrams wiederbelebt, indem sie ihre stimmungslyrischen oder satirischen Texte zu Gitarren- oder Harmonikamusik vorträgt. Bedächtig aufbauende Klavierakkorde intonieren den gemessenen Schritt des Landmannes, artikulieren seine melancholische und fast verbitterte Reaktion auf die Härte seiner Existenz, bis der kontrapunktierende Metal-Sound des Saxophons abhebt aus den Molltönen und aus den Tiefen der Depression. Der schwärmerische Ausflug egalisiert die dumpfe Verschlossenheit, setzt die Vitalität der Natur dem Frust des Alltags entgegen. Die einfühlsame musikalische Begleitung gründet auf phlegmatischen Rhythmen und versucht nicht nur die begrenzten instrumentalen Möglichkeiten früherer Zeit nachzuvollziehen. Eine in sich nur in vorsichtigen Tonsprüngen bewegende Melodie begleitet dabei den meist rezitativen Gesang, bis die aus dem Hintergrund heraufwachsende zweite Instrumentalstimme die geweckten Emotionen sanft,aber bestimmt fortträgt. Fast fühlt man sich an fernöstliche Meditationsmusik erinnert." - Dore Struckmeier-Schubert, Frankfurter Allgemeine Zeitung.

„Der Dialekt wird hier nicht verstanden als sprachliche Variante, mittels derer deutsche Texte zur Verwendung in der Rock- und Bluesmusik geschmeidig gemacht werden sollen, sondern er wird als Merkmal einer Region zur Schilderung derselben verwandt.“- Express Marburg.

„Clever kontrastieren die Arrangements die Tradition der Sprache und verhindern so auch musikalisch jegliche Nähe zur biedereren Volkstümelei. Neben konventionellen Instrumenten wie Klavier und Akustikgitarren sorgen Zither, Saxophon, Flöten, Trommel und Klarinette für das einprägsame Klangbild von Gemorje Hinnerlaand und lassen subtile Einflüsse aus Folk, Jazz und Chanson erkennen. Das Querflöten-Intro von Gastmusiker Wolfgang Schmidt auf einer von Götzfrieds Balladen "Weltunergang (Lisbeth)", dem vielleicht schönsten Lied des Albums, weckt Assoziationen zu Jethro Tull und die virtuosen Mundharmonika-Soli von Reiner Lenz bei "Entscheirunge" und dem Psychodelic-Trip "es letzte Delirium" lassen bereits auf dessen späteres Engagement in verschiedenen Blues-Combos schließen.“ - Christian Düringer, 30 Jahre LP "Gemorje Hinnerlaand", Wiesbaden.







Gruppe Odermennig in der Besetzung von links mit Jürgen Krebber, Reiner Lenz und Kurt Werner Sänger. Sonntags-Matinee, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg 1986.



Von Klaus Klöckner, Institut für Deutsche Sprache und Literatur, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Hessischer Rundfunk, Schulfunk (1984).

"Weiß jemand, was "Odermennig" heißt, oder besser: wo es liegt? Denn es muß, wenn auch von weit her, "Orplid" verwandt sein, dem "Land, das ferne leuchtet": sein Bild erwächst aus Poesie. Aber das ist nur eine, vielleicht die dunklere Hälfte der Wahrheit. Die andere ist eher handfest und liegt sozusagen vor unserer Haustür, so etwa zwischen Gladenbach und Biedenkopf: das "hessische Hinterland". Wer davon gehört hat, denkt gemeinhin nicht in erster Linie an Poesie und Lied, eher noch an Brauchtum, Trachten oder eine Mundart, die ferner Wohnenden unverständlich klingt. Damit teilt diese Region die Einschätzung vieler anderer, die man lange Zeit von den Zentren der Urbanität aus mehr oder weniger überheblich als "Provinz" abgetan hat, als "hinterwäldlerisch" - gerade ein Name wie das "Hinterland" konnte das ja nahe legen.

Erst in jüngster Zeit - mit dem Bedürfnis, "aus grauer Städte Mauern" zu fliehen und vergleichsweise unberührte Landschaft zu suchen - wächst die Einsicht, dass "Kultur" ein weiteres Feld ist und daß zum Beispiel Dichtung nicht auf dem Bereich sogenannter Hochsprache beschränkt ist. Die stärksten Impulse gingen bisher wohl von der alemannischen Region im Südwesten aus, vom "Dreyecksland", das Teile von Frankreich, der Schweiz und der Bundesrepublik sprachlich und kulturell verbindet und wo verschiedene Motive zu einer Neubesinnung auf regionale Kultur geführt haben, also auch zum Gebrauch des Dialektes, vor allem im Lied: Widerstand gegen Zerstörung der Landschaft, gegen Atomkraftwerke, aber auch der Wunsch, über Grenzen hinweg Gemeinsamkeit zu pflegen gegenüber dem Zugriff anonymer und ferner Verwaltungen und Konzerne. Natürlich waren damit auch Gefahren verbunden: Krähwinkelei und Rückschritt zum "obselet Volkstümlichen", Abwertung zivilisatorischer Notwendigkeiten gegenüber heimatlicher Tradition.

"Wer Heimat nur retrospektiv begreifen kann, der hat sie schon aufgegeben."

Manche Folklore, die auf diese Weise scheinbar rekultiviert wurde, hatte keinen anderen Zweck, als dem Tourismus zu dienen: Butzenscheiben-Romantik gegen Hochhaus-Tristesse und so ähnlich. So hat auch die "Wiederentdeckung" des Volksliedes nur zum geringen Teil das an den Tag gebracht, was im vorigen Jahrhundert in Vergessenheit geraten ist: den kritischen Anspruch, der damit verbunden war, den Aufschrei der Unterdrückten - neben dem Bedürfnis nach Geborgenheit, Gemeinsamkeit im Kreise Gleichgestimmter. Wer denkt schon daran, wenn er "Volkslied" hört, daß eben, wie Bertolt Brecht gesagt hat, das "Volk" nicht "tümlich" ist. Und daß "Heimat" die Menschen nicht für alle Zeiten auf einmal gefundene Ausdrucksweisen fixiert, festgelegte Trachten und Bräuche zum Beispiel - so bedauerlich es sein mag, daß davon kaum noch etwas geblieben ist. Wer Heimat nur retrospektiv begreifen kann, hat sie schon aufgegeben. "Die Wurzel der Geschichte", sagt Ernst Bloch, "ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: „Heimat."

Nach diesem notwendigen Umweg zurück ins Hinterland und endlich zum besonderen Anlaß dieser Betrachtung. Da ist eine Langspielplatte mit dem Dialekt-Titel "Gemorje Hinnerlaand", eine Aufnahme der Gruppe "Odermennig". Dieser Versuch ist großartig gelungen. Da ist nichts zu vernehmen von jener Heimattümelei, mit der Mundartdichtung sich oft selbst ins Abseits verweist. Die drei Poeten, Musikanten und Interpreten von "Odermennig" - zwei Sozialarbeiter und ein Architekt - haben in Text und Musik Formen gefunden, in denen Tradition und Modernität eine überzeugende Synthese eingehen. Das zeigt die in jeder Hinsicht weltläufige Musik, die großenteils Sprechen und Sprechgesang untermalt und begleitet, zum Beispiel mit Elementen des Jazz, des Blues; und es kommt ebenso zum Ausdruck in den Formen und der Metaphorik der Texte. Ganz erstaunlich also, was der Dialekt dazu beitragen kann - worauf wir also verzichten, wenn wir uns dieser Klangmöglichkeiten begeben. Hervorragend auch die Plattenhülle, gestaltet von Wolfgang Rudelius: Auf der Vorderseite ein Blick auf die Hügellandschaft des weiten Hinterlandes. Ganz vorne ein Bilderbuch-Hirtenbub mit Stecken, Schlapphut, Latzhose, Blumenkorb, im Hintergrund geht der Globus auf: die ganze Welt. Wenn man bedenkt, was aus einer deutschen Landeshauptstadt zur Fastnacht an "Volkstümlichen" in die Öffentlichkeit dringt und wenn man diese Schallplatte hört - kann es da noch eine Frage sein, wo man seine geistige Heimat lieber sucht?"


Das Stimmchen musste aus einem Versteck gekommen sein, doch war ringsum keine Gelegenheit vorhanden, aus der heraus ein Versteck sich hätte machen lassen, erst recht nicht für einen Menschen. „Wo steckst Du?“ - fragte verdutzt das Männchen. - „Unter einer Wurzel, hier unten im faulen Holz!“ - rief es aus dem moderigen Stumpf zurück. „Was denn, im Holz!?“ - fuhr das Männchen mit einem gehörigen Schrecken auf.„Sehen kannst du mich nicht, aber dafür gut hören!“ – antwortete das Stimmchen. „Ja, gewiss doch, ich höre, aber sag mir, wer Du bist?“ – wollte das Männchen nun doch wissen. „Und wer bist denn Du?“ - antwortete prompt das Stimmchen mit einer barschen Gegenfrage aus dem Stumpf heraus. „Ich bin das Guggemool, nichts weiter, und komme aus dem Land der schiefen Bäume“ - sagte das Männchen. „Und wo, bitteschön, liegt das Land der schiefen Bäume?“ - wollte das Stimmchen auf der Stelle wissen. „Gleich hinter den Vogelsbergen und dann einmal um die Sonne herum ...“, beschrieb das Guggemool mit einer weit ausladenden Geste gen Himmel das ferne Land - „...und dann noch ein Stückchen weiter.“

„Aha!? - Aus so einem um die Sonne herum gelegenen Land kommst Du?“ - entgegnete das Stimmchen und war doch sehr erstaunt über diese verschlungene Gegend hoch oben im weiten Himmel über der Wurzenau und setzte nach: „Und was ist mit dem Mond, wenn er abends der Sonne in die Quere kommt und alles verdunkelt?“ - „Nichts, gar nichts! Wir binden ihn einfach an Stangen fest, wie es die Puppenspieler machen, damit er nicht runter fällt, denn er ist ein wenig tölpelhaft, und die Sterne machen sich einen Jux aus ihm. Sie haben ihn glauben lassen, er sei der Bürgermeister am Firmament. Auch sonst weiß er nichts mit sich selber anzufangen. Mal ist er vollgefressen und dick, dann so dünn wie ein am Hungertuch nagender krummer Strich. Und dann warten wir bis die Sonne aufwacht und ihn wieder abholt“ - erläuterte das Guggemool die etwas komplizierte Handhabe um das Dasein des Mondes.

„Und was ist mit den Sternen?“ - forschte das Stimmchen weiter nach. „Was soll schon mit den Sternen sein? Sie schauen uns zu und wir beschenken sie mit unserem stillen Staunen“ - sagte das Guggemool und fügte mit erhabenem Stolz hinzu: „Und dann machen sie uns ein funkelndes Dach, und wenn der Sommer sich zum August hin begibt, dann entzücken sie uns mit tausenderlei Sternschnuppen am Firmament.“ - „Und von was reden die Leute so, wenn sie mal das Staunen leid sind, nur mal so, und auch dann für den Fall, wenn die Wolken kommen?“ - fragte das Stimmchen. „Dann reden sie vom Wind, wenn er kommt und die Wolken vor sich her schiebt, wie er in die Schornsteine saust, unter den Dachziegeln pfeift, mittags Staub aufwirbelt und abends die Türen schlägt, frühmorgens die Wäsche aufplustert und am Nachmittag über die Kornäckern geht, die Hüte von den Köpfen weht und die Bäume zerzaust, weshalb sie so schief sind“ - erläuterte das Männchen mit hoch gezogenem Atem die gelegentlichen Unarten des Windes.

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