hinna gans
hemba räas
mannes häas
hunnat hemba
hinna gans
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 



Hinterländer Sommerlandschaft
Obereisenhausen, Steffenberg, im oberen Perftal.
Autorenfoto (2010)


Reisebericht eines Anonymus im "Hessischen Volksfreund" (Darmstadt 1844).

Wer in dieser Gegend von den Städten Gladenbach, Biedenkopf oder Battenberg aus einen Seitenausflug zu machen gedenkt, darf auf leibliche Genüsse nicht rechnen; denn einerseits; sind die Wirte mit Eß- und Trinkwaren äußerst; schlecht versehen, andererseits herrscht auch in Stuben und Gefäßen eine solche Unsauberkeit, daß wer die Reinlichkeit in anderen Gegenden gewohnt ist, es nicht über sich gewinnen kann, irgend Etwas ohne Ekel zu genießen. Da wird kein Lagerbier, noch weniger Bockbier, verabreicht, kein perlender Wein wird ausgeschenkt, und auch kein kühlender Cyder prizzelt im Glase! Hier harren Eurer weder jene niedlichen Schinkenschnittchen, die so fein sind, daß man sie zu Brillengläsern gebrauchen könnte, noch kredenzt euch eine artige Kellnerin mit zierlichem Schürzchen, flinken Füßchen und koketten Mienen würziges Getränk; hier rennt kein Kellner mit ellenlangen Schritten durch den Saal, und kein künstlich angelegtes Buschwerk kann euch in seinem Schatten bergen. Nur Natur - manchmal auch etwasweniger – ist hier zu treffen.

Ich will Dich einmal, lieber Leser, ein paar Stunden in diese Gegend hineinführen. Gehst Du z.B. in Biedenkopf den Bachgrund hinunter über die Lahn und lenkst deine Schritte über waldige Hügel, so kommst Du von Tal zu Tal und endlich in ein Dorf, etwa nach Niedereisenhausen oder Silberg. Die Häuser sehen nicht einladend aus. Strohdächer und graue Wände schauen Dir traurig entgegen. »Nun, etwas zu essen und zu trinken wirst Du doch bekommen!« - denkst Du, rasch vorwärtsschreitend. Hungrig und durstig trittst Du in die Wirtsstube, aber auf einige Minuten vergeht Dir aller Appetit. Dein erstes Geschäft wird darin bestehen, daß du das Fenster öffnest, um nicht zu ersticken.

Mit Verwunderung fallen deine Blicke auf Fußboden, Bänke und Tische, und Du würdest Dich gern setzen, wenn Dich der Schmutz nicht abhielte. Herumtrappelnde Hühner haben alles verunreinigt. An einem Tisch sitzen einige starke Männer, die, den Pfeifenstummel im Munde, aus ziemlich großen Gläsern ein weißes Getränk, das stark ins Schmutziggelbe spielt, mit behaglichen Mienen hinunterschlürfen. Du wirst erraten, daß sie Schnaps trinken. »Bringt mir einen Schoppen Wein« - sagst du zur Wirtin, die in dieser wenig einladenden Umgebung dennoch freundlich ist, freundlicher, als die Kellnerin im St... zu Frankfurt, die fast immer darein schaut wie sechs Tage Regenwetter, oder wie die Katze wenns donnert. »Wäi honn merr naut« - erhältst Du zur Antwort. »Bejer (Bier) ower känn'r kreje.« Du erhältst einen Schoppen Bier von einer Sorte, die demselben Rang unterm Gerstensaft einnimmt, welchen der Grünberger unterm Wein behauptet. Das Glas, in welchem Dir das bräunliche Zeug durchgereicht wird, ist undurchsichtig vor lauter unwesentlichen Anklebseln. Von den Speisen will ich schweigen, es möchte sonst Mancher die Schilderung für Übertreibung halten. Wer jedoch daran zweifelt, kann sich leicht selbst überzeugen, wenn er gut zu Fuße ist, denn aufs Fahren darf er nicht reflektieren.

Nun zu den Leiden, die ich vor einigen Jahren bei Gelegenheit eines Besuches, den ich in Gönnern einem Bekannten, der aus der Gegend von Offenbach gebürtig ist abstattete. »Ich rate Ihnen, Herr Candidat!« - sagte mein Haus- und Kostwirth - ein schlichter, ehrlichen Biedenkopfer zu mir - »ich rate Ihnen, nehmen Sie sich etwas zum Beißen mit, es könnte Sie sonst gereuen; Sie können sich nicht vorstellen, wie man im „Grund“ lebt. Ich achtete nicht darauf, begab mich auf den Weg und langte um vier Uhr des Nachmittags in Gönnern, einem armselig aussehenden Orte, an. Die Wohnung meines Bekannten ward mir gezeigt. Zur Haustüre eintretend, kam mir derselbe in einem entstellenden Anzuge entgegen, und sowohl ich, als er, trat im ersten Moment erschrocken zurück.

Mein Bekannter, den ich S. nenne, führte mich nun in das Haus, worin er den Tisch hatte. Eine schöne, vollblühende Hinterländerin empfing uns; es war die Kostwirtin. Herzlicher, ich muß es wohl gestehen, kann man kaum aufgenommen werden. Sie trug nach ihrer Weise ein sehr gutes Abendessen auf, das in Milchsuppe und Käse nebst Brot bestand. Ich vermochte jedoch, obgleich S. wacker Zugriff nichts zu genießen. Die Suppenschüssel war aus Holz gefertigt, und aus demselben Stoffe Teller und Löffel, deren zweideutige Farbe nicht appetiterweckend war. Ich schützte Unwohlsein vor und aß nichts. Um 9 Uhr des Abends ging ich mit S. in sein Logis zurück und eine Stunde später begaben wir uns zu Bette.

Ich ahnte nichts Arges; aber bald sollte ich furchtbar enttäuscht werden. Ein plötzlicher Stich in die Seite belehrte mich, dass eines jener Insekten, welche sich in unreinlichen Wohnungen so häufig vorfinden, mich aufgesucht habe. Kaum hatte ich diesen aufdringlichen Gast in die Flucht getrieben, als ich an verschiedenen Teilen meines Körpers die Tätigkeit dieser bräunlichen Husaren verspürte, deren Angriffe endlich so heftig wurden, daß ich aufstehen und mich auf einen Stuhl setzen mußte. Doch dieses Manöver brachte mir keine Rettung. Wütend verfolgten mich diese kleinen Tiger und quälten mich die ganze Nacht ohne Barmherzigkeit.

Der folgende Tag war ein Sonntag. Eben hatte ich meinen Kopf auf den Tisch gelegt, um den Versuch zu machen, ob es mir möglich wäre, ein wenig zu schlafen, als der Geistliche von Niedereisenhausen, von welchem Dorfe Gönnern ein Filial ist, eintrat. Der würdige Mann kam, um den Gottesdienst abzuhalten. Bevor er jedoch in die Kirche ging, ließ er sich aus dem benachbarten Wirtshause für einige Kreuzer Lebenswasser holen, das er in einem Zuge zu sich nahm. Also gestärkt, bestieg nun der Herr Pfarrer die Kanzel und hielt einen ergreifenden Vortrag über die Mäßigkeit in diesem und die Seligkeit in jenem Leben; ein halbes Jahr hierauf starb er. Als ich gegen S. mein Befremden wegen des Schnapstrinkens äußerte, sagte er: »Lieber Freund! Das verstehst Du nicht; wer unter den Wölfen ist, muß mit diesen heulen. Wenn man keinen Schnaps trinkt, gilt man für stolz, und es gehört gar nicht zu den auffallenden Erscheinungen, daß der Schullehrer und sogar der Geistliche mit den Bauern in der Schenke schnapset; Niemand findet hier etwas Unanständiges. Was sollen wir arme Teufel denn auch trinken!«

Wahr ist's, so lange die Landleute des Hinterlandes, des Vogelsberges und anderer rauhen Gegenden die Speisen nicht gehörig zu bereiten verstehen, wird es schwer fallen, den Schnaps aus geselligen und häuslichen Kreisen zu verdrängen. Nach dem Genüsse schwerer Speisen, als: grobes Brot, gedörrtes Fleisch, Käse etc. glauben die Bewohner jener rauhen Gegenden ein Verdauungsmittel nehmen zu müssen, und als solches haben sie irriger Weise den Schnaps gewählt, den sie in großen Quantitäten zu sich nehmen, ohne daß er ihnen dem Anscheine nach schadet. Ich habe oft bemerkt, dass Handwerksleute bei trockenem Brot einige Gläschen Branntwein tranken, während sie nach einem ordentlichen Mittag- oder Abendessen einen Widerwillen gegen dieses Getränk hatten. Möchten doch diesen Umstand die Gründer von Mäßigkeitsvereinen wohl beherzigen!

Nach beendigtem Gottesdienste lud mich mein Bekannter zum Mittagessen ein, was ich jedoch, trotz allen Bittens, ausschlug, da ich da doch nicht zu essen im Stande gewesen wäre. Ich begab mich auf den Rückweg und langte des Nachmittags drei Uhr in Biedenkopf an, nachdem ich mehr als vier und zwanzig Stunden nichts gegessen und nicht geschlafen, und außerdem noch einen achtstündigen Kampf mit jenen kleinen, flinken Quälgeistern, Flöhe genannt, zu bestehen hatte. Noch nie hatte ich bei gesundem Leibe unangenehmere vier und zwanzig Stunden verlebt! "Herr Candidat!" - sagte mein Hauswirt zu mir, »in Zukunft schlagen Sie nie mehr den Rat eines vernünftigen Mannes in den Wind. Ich will jedoch durch diese Schilderung Niemand die Lust benehmen, jene Gegend unseres hessischen Vaterlandes zu bereisen. Das Hinterland ist, wie ein Blick auf die Karte lehrt, sehr schmal, und läßt sich in kurze Ausflügen, von den eingangs genannten Städtchen aus, die recht gute Stationen bieten, ziemlich genau kennen lernen.


Lieder, Lyrik und Burlesken







Die Mundartgruppe "Odermennig" wurde 1982 von Reiner Lenz, Lutz Götzfried und Kurt Werner Sänger gegründet. Gefördert vom Hessischen Sparkassen- und Giroverband und der Arbeitsstelle "Sprache in Hessen" im Forschungsinstitut für Deutsche Sprache an der Universität Marburg entstand 1984 die Langspielplatte "Gemorje Hinnerlaand" unter der Regie von Alwin Michael Rueffer.

Gestaltung: Wolfgang Rudelius (1983).
 
Ein Text- und Tonwerk, das die bis dahin traditionelle Heimatdichtung in Hessen konterkarierte und moderne Ausdrucksformen in der ländlichen Dialektkultur in Hessen begründete. In wechselnden Besetzungen folgten Rundfunk- und Filmbeiträge sowie Auftritte und Lesungen auf literarischen Dialektforen, Kleinkunstbühnen und Folk-Veranstaltungen.

Namensgeber der Gruppe ist das Heilkraut Odermennig (Agrimonia eupatoria). In der mittelalterlichen Heilkunde wurde dem Odermennig eine nahezu universelle Heilwirkung zugesprochen. Heute schätzt man den Odermennig für Redner und Sänger, da er wegen seiner adstringierenden und entzündungswidrigen sowie antibakteriellen Eigenschaften besonders bei Beschwerden der Atemwege bei Heiserkeit und Stimmbandreizungen Linderung verspricht.


Zwischen Platten-Gejammere und großartigem Versuch.

"Eine wirkliche Entdeckung aber ist die Gruppe Odermennig, die die Form des Melodrams wiederbelebt, indem sie ihre stimmungslyrischen oder satirischen Texte zu Gitarren- oder Harmonikamusik vorträgt. Bedächtig aufbauende Klavierakkorde intonieren den gemessenen Schritt des Landmannes, artikulieren seine melancholische und fast verbitterte Reaktion auf die Härte seiner Existenz, bis der kontrapunktierende Metal-Sound des Saxophons abhebt aus den Molltönen und aus den Tiefen der Depression. Der schwärmerische Ausflug egalisiert die dumpfe Verschlossenheit, setzt die Vitalität der Natur dem Frust des Alltags entgegen. Die einfühlsame musikalische Begleitung gründet auf phlegmatischen Rhythmen und versucht nicht nur die begrenzten instrumentalen Möglichkeiten früherer Zeit nachzuvollziehen. Eine in sich nur in vorsichtigen Tonsprüngen bewegende Melodie begleitet dabei den meist rezitativen Gesang, bis die aus dem Hintergrund heraufwachsende zweite Instrumentalstimme die geweckten Emotionen sanft,aber bestimmt fortträgt. Fast fühlt man sich an fernöstliche Meditationsmusik erinnert." - Dore Struckmeier-Schubert, Frankfurter Allgemeine Zeitung.

„Der Dialekt wird hier nicht verstanden als sprachliche Variante, mittels derer deutsche Texte zur Verwendung in der Rock- und Bluesmusik geschmeidig gemacht werden sollen, sondern er wird als Merkmal einer Region zur Schilderung derselben verwandt.“- Express Marburg.

„Clever kontrastieren die Arrangements die Tradition der Sprache und verhindern so auch musikalisch jegliche Nähe zur biedereren Volkstümelei. Neben konventionellen Instrumenten wie Klavier und Akustikgitarren sorgen Zither, Saxophon, Flöten, Trommel und Klarinette für das einprägsame Klangbild von Gemorje Hinnerlaand und lassen subtile Einflüsse aus Folk, Jazz und Chanson erkennen. Das Querflöten-Intro von Gastmusiker Wolfgang Schmidt auf einer von Götzfrieds Balladen "Weltunergang (Lisbeth)", dem vielleicht schönsten Lied des Albums, weckt Assoziationen zu Jethro Tull und die virtuosen Mundharmonika-Soli von Reiner Lenz bei "Entscheirunge" und dem Psychodelic-Trip "es letzte Delirium" lassen bereits auf dessen späteres Engagement in verschiedenen Blues-Combos schließen.“ - Christian Düringer, 30 Jahre LP "Gemorje Hinnerlaand", Wiesbaden.


Klaus Klöckner, Literaturwissenschaftler und Linguist, Johann Wofgang Goethe - Universität Frankfurt (1984).

Weiß jemand, was "Odermennig" heißt, oder besser: wo es liegt? Denn es muß, wenn auch von weit her, "Orplid" verwandt sein, dem "Land, das ferne leuchtet": sein Bild erwächst aus Poesie. Aber das ist nur eine, vielleicht die dunklere Hälfte der Wahrheit. Die andere ist eher handfest und liegt sozusagen vor unserer Haustür, so etwa zwischen Gladenbach und Biedenkopf: das "hessische Hinterland". Wer davon gehört hat, denkt gemeinhin nicht in erster Linie an Poesie und Lied, eher noch an Brauch tum, Trachten oder eine Mundart, die ferner Wohnenden unverständlich klingt.

Damit teilt diese Region die Einschätzung vieler anderer, die man lange Zeit von den Zentren der Urbanität aus mehr oder weniger überheblich als "Provinz" abgetan hat, als "hinterwäldlerisch" - gerade ein Name wie das "Hinterland" konnte das ja nahe legen. Erst in jüngster Zeit - mit dem Bedürfnis, "aus grauer Städte Mauern" zu fliehen und vergleichsweise unberührte Landschaft zu suchen - wächst die Einsicht, dass "Kultur" ein weiteres Feld ist und daß zum Beispiel Dichtung nicht auf dem Bereich sogenannter Hochsprache beschränkt ist.

Die stärksten Impulse gingen bisher wohl von der alemannischen Region im Südwesten aus, vom "Dreyecksland", das Teile von Frankreich, der Schweiz und der Bundesrepublik sprachlich und kulturell verbindet und wo verschiedene Motive zu einer Neubesinnung auf regionale Kultur geführt haben, also auch zum Gebrauch des Dialektes, vor allem im Lied: Widerstand gegen Zerstörung der Landschaft, gegen Atomkraftwerke, aber auch der Wunsch, über Grenzen hinweg Gemeinsamkeit zu pflegen gegenüber dem Zugriff anonymer und ferner Verwaltungen und Konzerne. Natürlich waren damit auch Gefahren verbunden: Krähwinkelei und Rückschritt zum "obselet Volkstümlichen", Abwertung zivilisatorischer Notwendigkeiten gegenüber heimatlicher Tradition.

Manche Folklore, die auf diese Weise scheinbar rekultiviert wurde, hatte keinen anderen Zweck, als dem Tourismus zu dienen: Butzenscheibenromantik gegen Hochhaus-Tristesse und so ähnlich. So hat auch die "Wiederentdeckung" des Volksliedes nur zum geringen Teil das an den Tag gebracht, was im vorigen Jahrhundert in Vergessenheit geraten ist: den kritischen Anspruch, der damit verbunden war, Aufschrei der Unterdrückten - neben dem Bedürfnis nach Geborgen heit, Gemeinsamkeit im Kreise Gleichgestimmter. Wer denkt schon dar an, wenn er "Volkslied" hört, daß eben, wie Bertolt Brecht gesagt hat, das "Volk" nicht "tümlich" ist. Und daß "Heimat" die Menschen nicht für alle Zeiten auf einmal gefundene Ausdrucksweisen fixiert, festgelegte Trachten und Bräuche zum Beispiel - so bedauerlich es sein mag, daß davon kaum noch etwas geblieben ist.

Wer Heimat nur retrospektiv begreifen kann, hat sie schon aufgegeben. "Die Wurzel der Geschichte", sagt Ernst Bloch, "ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: „Heimat." Nach diesem notwendigen Umweg zurück ins Hinterland und endlich zum besonderen Anlaß dieser Betrachtung. Da ist eine Langspielplatte mit dem Dialekt-Titel "Gemorje Hinnerlaand", eine Aufnahme der Gruppe "Odermennig".

Dieser Versuch ist großartig gelungen. Da ist nichts zu vernehmen von jener Heimattümelei, mit der Mundartdichtung sich oft selbst ins Abseits verweist. Die drei Poeten, Musikanten und Interpreten von "Odermennig" - zwei Sozialarbeiter und ein Architekt - haben in Text und Musik Formen gefunden, in denen Tradition und Modernität eine überzeugende Synthese eingehen. Das zeigt die in jeder Hinsicht weltläufige Musik, die großenteils Sprechen und Sprechgesang untermalt und begleitet, zum Beispiel mit Elementen des Jazz, des Blues; und es kommt ebenso zum Ausdruck in den Formen und der Metaphorik der Texte.

Ganz erstaunlich also, was der Dialekt dazu beitragen kann - worauf wir also verzichten, wenn wir uns dieser Klangmöglichkeiten begeben. Hervorragend auch die Plattenhülle, gestaltet von Wolfgang Rudelius: Auf der Vorderseite ein Blick auf die Hügellandschaft des weiten Hinterlandes. Ganz vorne ein Bilderbuch- Hirtenbub mit Stecken, Schlapphut, Latzhose, Blumenkorb, im Hintergrund geht der Globus auf: die ganze Welt. Wenn man bedenkt, was aus einer deutschen Landeshauptstadt zur Fastnacht an "Volkstümlichen" in die Öffentlichkeit dringt und wenn man diese Schallplatte hört - kann es da noch eine Frage sein, wo man seine geistige Heimat lieber sucht?


Das Stimmchen musste aus einem Versteck gekommen sein, doch war ringsum keine Gelegenheit vorhanden, aus der heraus ein Versteck sich hätte machen lassen, erst recht nicht für einen Menschen. „Wo steckst Du?“ - fragte verdutzt das Männchen. - „Unter einer Wurzel, hier unten im faulen Holz!“ - rief es aus dem moderigen Stumpf zurück. „Was denn, im Holz!?“ - fuhr das Männchen mit einem gehörigen Schrecken auf.„Sehen kannst du mich nicht, aber dafür gut hören!“ – antwortete das Stimmchen. „Ja, gewiss doch, ich höre, aber sag mir, wer Du bist?“ – wollte das Männchen nun doch wissen. „Und wer bist denn Du?“ - antwortete prompt das Stimmchen mit einer barschen Gegenfrage aus dem Stumpf heraus. „Ich bin das Guggemool, nichts weiter, und komme aus dem Land der schiefen Bäume“ - sagte das Männchen. „Und wo, bitteschön, liegt das Land der schiefen Bäume?“ - wollte das Stimmchen auf der Stelle wissen. „Gleich hinter den Vogelsbergen und dann einmal um die Sonne herum ...“, beschrieb das Guggemool mit einer weit ausladenden Geste gen Himmel das ferne Land - „...und dann noch ein Stückchen weiter.“

„Aha!? - Aus so einem um die Sonne herum gelegenen Land kommst Du?“ - entgegnete das Stimmchen und war doch sehr erstaunt über diese verschlungene Gegend hoch oben im weiten Himmel über der Wurzenau und setzte nach: „Und was ist mit dem Mond, wenn er abends der Sonne in die Quere kommt und alles verdunkelt?“ - „Nichts, gar nichts! Wir binden ihn einfach an Stangen fest, wie es die Puppenspieler machen, damit er nicht runter fällt, denn er ist ein wenig tölpelhaft, und die Sterne machen sich einen Jux aus ihm. Sie haben ihn glauben lassen, er sei der Bürgermeister am Firmament. Auch sonst weiß er nichts mit sich selber anzufangen. Mal ist er vollgefressen und dick, dann so dünn wie ein am Hungertuch nagender krummer Strich. Und dann warten wir bis die Sonne aufwacht und ihn wieder abholt“ - erläuterte das Guggemool die etwas komplizierte Handhabe um das Dasein des Mondes.

„Und was ist mit den Sternen?“ - forschte das Stimmchen weiter nach. „Was soll schon mit den Sternen sein? Sie schauen uns zu und wir beschenken sie mit unserem stillen Staunen“ - sagte das Guggemool und fügte mit erhabenem Stolz hinzu: „Und dann machen sie uns ein funkelndes Dach, und wenn der Sommer sich zum August hin begibt, dann entzücken sie uns mit tausenderlei Sternschnuppen am Firmament.“ - „Und von was reden die Leute so, wenn sie mal das Staunen leid sind, nur mal so, und auch dann für den Fall, wenn die Wolken kommen?“ - fragte das Stimmchen. „Dann reden sie vom Wind, wenn er kommt und die Wolken vor sich her schiebt, wie er in die Schornsteine saust, unter den Dachziegeln pfeift, mittags Staub aufwirbelt und abends die Türen schlägt, frühmorgens die Wäsche aufplustert und am Nachmittag über die Kornäckern geht, die Hüte von den Köpfen weht und die Bäume zerzaust, weshalb sie so schief sind“ - erläuterte das Männchen mit hoch gezogenem Atem die gelegentlichen Unarten des Windes.

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