hinna gans
mannes häas
hemba räas
hunnat hemba
heanne räas
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 


Zwischen Sprachmuseum und Moderne.

Der Arbeitsplatz "Dorf" als kultureller und sprachlicher Lebensmittelpunkt ist ausgestorben. Seine Mundarten unterliegen regionalen Ausgleichsformen des soziokulturellen Wandels und bilden neue Varietäten gegenüber der Standardsprache aus. Eine stete Herausforderung für Brauchtumsschützer. Nachstehend eine kritische Betrachtung. 





hest de woas
beast de noch
lang näad
beast de woas 
kaast de aach
nit ima ales
glaisch kräie
oom bäste eas 
döu hest goanäad
un nimst da doas
woas de kräie kaast
da beast de doas 
woas de hest

hast du was / bist du noch / lange nichts / bist du was / kannst du auch / nicht immer alles / gleich bekommen / am besten ist / du bist garnichts / und nimmst dir das / was du bekommen kannst / dann bist du das / was du hast.

Deutsche Mundarten an der Wende - Anthologie deutschsprachiger Dialektautoren, Hrsg: Bernd Diebner und Rudolf Lehr, Heidelberg 1995, ISBN 3-929-295-18-0.


Hessisch als gemeinsames sprachliches und kulturelles Merkmal aller Hessen gibt es nicht.
Das Bundesland Hessen wird per Proklamation im Sep­tember 1945 von General Eisenhower geschaffen. Die bis dahin historisch nicht einheitlich verfassten Kernterritorien aus Kurhessen, dem Großherzog­tum Hessen und Hessen-Homburg, der Freien Reichsstadt Frankfurt, dem Fürstentum Waldeck und dem Herzogtum Nassau werden zu einem Staatsge­bilde mit Regier-ungssitz in Wiesbaden und den Regierungsbezirken Kassel, Wiesbaden und Darmstadt unge-achtet ihren jeweiligen kulturellen Ausrichtun­gen zusammengeführt und im Dezember 1946 durch eine Volksabstimmung angenommen.

Der heute irrtümlich als Hessisch verstandene Dialekt entspricht dem Sprachgebrauch des Süd-hessischen in der Metropolregion Rhein-Main. Ein rheinfränkischer Mischdialekt, der unter Dialektologen heute als „Neuhessisch“ bezeichnet wird als ein vergleichsweise moderner Dialekt, dessen regionaler Einfluss gegenwärtig von Aschaffenburg bis Mainz und von Darm-stadt bis weit in das Mittelhessische, in die Wetterau und des Vogelsberges reicht. Ein Regio-lekt, den Spötter als "RMV-Deutsch" (Rhein-Main-Verkehrsverbund) oder als "Bembel-Hes-sisch" zwischen saurem Wein und seifigem Handkäs bezeichnen.

Ein "Medialekt" erobert die Bühnen und die Medien
Bembel-Hessisch macht Karriere.

Bundesweit wird jedoch einzig dieser Dialekt als moderne städtische Aus­gleichssprache durch Fernsehserien der Familie Hesselbach, durch Prunksit­zungen zur Mainzer Fatsnacht oder durch den Blauen Bock mit Heinz Schenk (1924 - 2014) und Lia Wöhr (1911 - 1994) populär. Schenk versteht es mit breitem Schlappmaul genial, den rheinhessischen Mainzer Dialekt als das "Hes-sische" schlechthin zu verkaufen. Ein "weisch" eingeschliffener "Media­lekt", den der gebürtige Friedberger und Wetterauer Wolf Schmidt (1913 - 1977) in seiner Rolle als "Babba Hessel-bach" als "Kompromisshessisch" be­zeichnet hat, um Irrtümern angesichts der Vielfalt der hes-sischen Dialekte vor­zubeugen.

Die Dialekte in Hessen gliedern sich sprachgeschichtlich in mehrere voneinander abweichen-den Kernbereiche mit fließenden Übergängen und Mischdialekten. Aufgrund der historisch territorial geschlossenen politischen Einheiten bilden sich insbesondere in Hessen regionale Dialekträume heraus, deren Grenzen in der Regel nicht überschritten wurden, was zur Ver-festigung der Dialekte führte. Eine besondere Bedeutung in der kulturellen Entwicklung Hes-sens kommt indessen Ende des 17. Jahrhunderts mit dem Zuzug der aus Frankreich vertrieben-en protestantischen Hugenotten und Waldensern zu. Hessen wird ein Einwanderungsland für religiös und politisch Verfolgte. Es kommt zu Neugründungen zahlreicher Städte und Sied-lungen in den Provinzen Hessens. Aber noch prägender ist der französische Einfluss auf die Dialekte infolge der Französischen Revolution und des Machtstrebens Napoleons.

Zahlreiche Lehnwörter und Redewendungen entlang den ehemaligen Rheinprovinzen bestim-men heute noch die Dialekte im Rheinlandpfälzischen und im Südhessischen bis zum Mittel-hessischen. Das "Schäszelong" oder die "Schossee" mit seinem "Schondärm" wie das Frank-furter "Schardengsche" mögen als Beispiele hierfür stehen. Heute sind es die Anglizismen und die Sprache des Internets. Will man einmal "Tacheles" reden, stehen uns - nicht nur in den Dialekten - ebenfalls eine Fülle an Lehnwörtern aus dem Jiddischen zur Verfügung. Nach der "Maloche" sollte beispielsweise keiner mehr unterhalb des Mindestlohnes "abgezockt" werden, um nicht existenziell in der "Pleite" zu landen. Ein "Schlamassel", der dem "Großkotz" fremd ist, schöpft er doch gerade seinen "Reibach" da heraus, was der "ausgekochte" Gewerkschaftler gar nicht "dufte" findet und sich heute bis ins kleinste "Kaff" herumgesprochen hat. "Mau-scheln" geht da nicht mehr, alles andere wäre "Stuss", der aber genau den "Zoff" und "Zores" der Politiker ausmacht, weshalb sie nach ihren Debatten so ziemlich "geschlaucht" aussehen.

Jiddisch, Manisch und Französisch
Von Grenzgängern, Gendarmen und Schlawinern.

Geradezu erfrischend in der regionalen Sprachgeschichte ist die Verknüpfung der mittelhes-sischen Dialekte mit Lehnwörtern aus dem Manischen, ein dialektales Romanes, ein im Raum Gießen und Marburg ausgestorbener Soziolekt. Wer zum Beispiel mit einer "schickeren Chefmoss" beim "Pimpern" in einer zwielichtigen "Katschemme", einer "Schockelemaibaitz", von einem "Schlawiner" mit einem "Spannuckele" auf der Nase heimlich "ofgeluert" wird, dem geht der Ruf des "Meckes" nach, ein nicht zur Sippe gehörender und frecher Mensch zu sein. Das mag ein jeder "raffen", so wie es einem "Spanner ogedäält" ist - oder auch nicht. Am Ende muss er sich selbst entspannen wie der Autor sich einer Übersetzung in aller Höflichkeit ent-zieht und uns lehrt: Es lebt ein jedes Maul zugleich auch im Geschwätz des Nachbarn auf - und davon, wie sich die Mäuler einander begegnen und sich im Alltag verreißen. Oder, um es frei mit Johann Wolfgang Goethe zu sagen, brummt ein jeder Bär nach seiner Höhle, aus der er kommt - ungeachtet seiner stürmischen und drängenden Wetzlarer Leidenschaften.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und nach der Schreckensherrschaft und den Verbrech-en der Nazis müssen allein in Hessen neben den Evakuierten aus den zerbombten Städten nahe-zu eine Million Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten des in Trümmern untergegangenen Deutschen Reichs aufgenommen und integriert werden, insbesondere in Hessen aus den ost-, mittel- und südeuropäischen Ländern aus Ungarn, der Tschechoslowakei und des Sudeten-landes. Wenn auch die Standardsprache diese Integrationsleistungen befördert, so bleiben doch die jeweiligen Dialekte, die Lebensgewohnheiten und Bräuche der Heimatvertrieben in der ersten und zweiten Generation neben den alteingesessenen Varietäten als Identifikationsmerk-male auf dem Lande bestehen. Sie bilden in eigens errichteten Siedlungen Parallelgesell-schaften gegenüber den Alteingesessenen aus, nicht selten mit spannungsgeladenen Schmäh-ungen und Vorurteilen.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik kommen Gastarbeiter mit ihren Sprachen, Lebensgewohnheiten und Dialekten nach Hessen. Deren Sprachkurs beginnt am Arbeitsplatz, beim Kollegen am Fließband oder auf der Baustelle. "Wasguggsdu?", lautet die Aufforderung. Hochdeutsch wird dort nicht gesprochen. Sie sind maßgebend an den Aufbau-leistungen in Hessen beteiligt, insbesondere in den Metropolregionen Kassel, Gießen und Wetzlar, zu guter Letzt in Frankfurt, das sich aufgrund seiner zentralen Verkehrslage zu einem europäischen Wirtschaftsstandort und zur heutigen internationalen und mulitikulturellen Bankenmetropole entwickelt. Entsprechend ist es 1989 politisch konsequent und bundesweit ein Novum, ein Amt für mulitikulturelle Angelegenheiten zu schaffen. Heute heißt der Hes-sische Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landentwicklung Tarek Al-Wazir (Grüne), ein gebürtiger Offenbacher, zugleich Stellvertreter des Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU), alteingesessener Gießener mit französischem Namen, dessen sprachgeschicht-liche Herkunft im Viehtreiben von Ochsen zum Metzger begründet sein soll.

Zwischen permanentem Sprachlabor und reanimiertem Sprachmuseum
Vom Waschen der Mäuler und anderen Maulsperren.

Derzeit sind es die Anglizismen und die Sprache des Internets. Längst gehört das "Daunloare" einer "Wäbsaire" zum dialektalen Wortschatz, sehr zum Leidwesen der Dialektpuristen, Hei-mat- und Brauchtumsschützer, deren Bestreben im steten sozialen und kulturellen Wandel einer offenen Gesellschaft auf die Probe gestellt wird. In allen hessischen Kommunen bestehen ne-ben der Standardsprache als Hauptsprache und den Dialektvarietäten verschiedene multikul-turelle Sprachebenen, die im Sinne eines fließenden Sprachwechsels die Alltagskommuni-kation bestimmen und kulturelle Identifikationsmerkmale aus übernommenen und neu hinzu gewonnenen Merkmalen und Werthaltungen am Beispiel des "Neuhessischen" der Metropol-region Rhein-Main im Alltag ausbilden.

Des Weiteren gehören heute Englisch und Französisch zum Schulstandard, werden Fremd-sprachen im Urlaub erworben oder im internationalen Geschäfts- und Reiseverkehr vorausge-setzt. Zudem beherrschen Mode- und Jugendsprachen die Sprachebenen, wie ehedem in allen Sprachperioden Lehnwörter und Redewendungen die Mäuler bestimmt haben. Das oftmals Banale wird heute mit Fremdworten überdeckt und - insbesondere in der Werbung - als zu-sätzliches persönliches Identifikationsmerkmal und psychologisches Scharnier des Sozial-prestiges aufgewertet. Aus dem Lebensmittelgeschäft wird ein "Fuud Zänter" (Food Center) und aus dem Hausmeister ein "Fäzilliti Mänätscher" (Facility Manager) - und aus der hei-mischen Mundartgruppe selbstredend ein "Deieläkt Tiim" (Dialect Team) mit ortsansässigem "Deieläkt Kootsch" (Dialect Coach) und "Akkaunt Mänätscher" (Account Manager) für den Internetauftritt. Wer einmal versucht hat, im Umkehrschluss in einem Bettengeschäft eine moderne Heizdecke als einen "elektrischen Kolter" zu erstehen, der dürfte spätestens beim Raumausstsatter in sprachliche Nöte geraten, wenn er eine energiesparende Fußbodenheizung als "Biarrewärmer" (Bodenwärmer) anschaffen will.

Eine stete Herausforderung für den, dessen traditionelle Sprachkultur jeweils aufs Neue an der Sprachwirklichkeit scheitert. Heute aus der romantischen Retrospektive eines Sprachmuseums volkstümelnder Krähwinkelei und Sonntagsheimaten dennoch eine dialektale Leitkultur für morgen zu begründen, das ist mehr als nur ideologischer Mumpitz. Wer da heraus ein "Kultur-eerbe" begründen will, der meint nichts anderes als einem populistischen Folklorismus als regressiver Reflex das Wort zu reden auf eine mal wieder aus den Fugen geratene Welt. Aber wer Heimat "nur retrospektiv beschreiben kann, der hat sie schon aufgegeben", sagt Klaus Klöckner (a.a.O.). Und wer die Zukunft aus dem Gestern heraus gestalten will, der kommt schon morgen mit klapperigen Knochen daher. Eine solche Zukunft mit ideologischen Krücken zwischen saurem Wein und seifigem Handkäs braucht kein Mensch! Aber "früher war alles besser, sogar die Zukunft", sagte einst der Münchener Kabarettist Karl Valentin (1882 - 1948), und sein hessischer Kollege, Walter Renneisen, stellt angesichts einer falsch angelegten Messlatte fest: "Ohne Hirn is mer wie bleed (blöd)."

Angesichts der modernen Verkehrsbeziehungen sowie den Veränderungen in der Arbeits- und Lebenswelt in den ländlichen Räumen als radikale Folge der Industriealisierung haben diese alten Dialekte jedoch bereits mit Beginn des 20. Jahrhunderts ihren öffentlichen Verkehrswert verloren. Sie sind regionalen Angleichungen unterworfen und bilden neue Sprachformen in erweiterten Regiolekten heraus wie zuvor in den urbanen Zentren und Stadtlandschaften. Die Sprache folgt den Wirtschafts- und Sozialbeziehungen, den Verkehrswegen und Arbeitsplätzen im steten sozialen und kulturellen Wandel. Gäbe es diesen Wandel nicht, säßen wir heute noch rülpsend und mit Maulsperren in einer geschlossenen Gesellschaft auf den Bäumen.

Die Provinz wird neu vermessen, die Mäuler neu geschliffen
Ein polemischer Exkurs zur regionalen Kultur- und Sozialgeschichte Mittelhessens.

Die Dialekte in Hessen unterliegen nicht erst seit heute einem Sprachwandel. Der einst in sich geschlossene Region ist bereits mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der Wanderbewegung der Arbeiter in die Industriemetropolen obselet geworden. Die menschliche Arbeitskraft wird zur freien Ware. Es entstehen neue Berufe, deren Begrifflichkeiten und Inhalte in die Dialekte übernommen werden müssen. Die Industrialisierung steht unter Dampf und kommt mächtig in Fahrt. Das abseits gelegene Dörfchen tickt nun auf die Minute gleich mit den Bahnhofsuhren der Industriestädte. Die Provinz wird neu vermessen, deren Mäuler aufs Neue geschliffen.

Entlang den Bahnlinien werden die bis dahin vertrauten Landschaften radikal umgekrempelt. Berge werden untertunnelt, Täler mit mächtigen Viadukten überbrückt, und nicht selten werden die bis dahin geschlossenen Land-schaften und Kulturräume durch Bahndämme zerteilt. Mehr noch: Mit der Braunkohleförderung im Tagebau - auch in der Wetterau - werden komplette Landschaften großräumig zrstört und Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, verschwinden Kultur- und Landschaftsräume. Wer sich heute über die "Landschaftsverschandelung" durch Windenergieanlagen beschwert, der möge bitte den Blick in die eigene Industriegeschichte lenken.

Der Baubegin der Main-Weser-Bahn (Frankfurt-Gießen-Marburg-Kassel) datiert auf das Jahr 1850. Die mächtige Steinbogenbrücke mit 24 Hallen in Friedberg prägt weithin das Land-schaftsbild in der Wetterau und steht heute als technische Bauwerk unter Denkmalschutz. Die Buderus Dynastie wird in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit ihren Eisenverhüttungen und Gießereien am Oberlauf der Lahn mit Sitz in Wetzlar zu Europas Stahlproduzenten. Fa-brikschlote und Hochöfen bestimmen fortan das Landschaftsbild in den Lahnauen. Eine neue dialektal gefärbte Arbeitersprache entsteht, die sich abhebt von den bäuerlichen Begrifflich-keiten der Landbevölkerung. Die Begriffe der Arbeit ("Ärwet", "Äabt", "Oarweit") erfahren eine Umdeutung für den, "dear weadoags of de Hette gie mis" (der werktags auf die Hütte gehen muss). Die Arbeit mit dem Vieh und in der Landwirtschaft dient der Eigenversorgung. Sie wird in der Regel von den Frauen bewerkstelligt, während die Männer für karge Löhne in den Hüttenwerken oder in den Erzgruben des Schelderwaldes schuften.

Heute ist der Hochspannungsmast mancherorts der die Wetterau bestimmende Baum und das weithin sichtbare Bauwerk. Die einst fruchtbaren Lösböden seit dem Neolithikum stehen auch heute - wie ehedem - unter dem Siedlungsdruck der Immobilienwirtschaft, danach der Spott zur modernen Dreifelderwirtschaft so lautet: Zuckerrübe, Winterweizen, Bauland - oder Golfplätze. Aber nicht nur die Bodenspekulation allein bestimmt heute die landwirtschaftlichen Kultur-flächen. Wenn auch die Landwirte heute gegen den "Landfraß" mobil machen, so drücken die internationalen Weizenbörsen und Lebensmittelkonzerne den Landschaften in Gestalt von monokulturellen und maschinengerechten Agrarsteppen ebenso ihren Stempel auf. Sauberes Wasser, fruchtbare Böden und ertragreiches Saatgut zählen angesichts des Klimawandels zu Grundressourcen kommender Geschäftsmodelle und bestimmen die globalen Migrationsbe-wegungen. Von "Heimat" redet da keiner mehr. "Völker leert die Regale, auf zum letzten Ge-fecht!" stimmt da der aufgeklärte Altmarxist zwischen "Lohn, Preis und Pommes frites (Profit)" an - und zieht sich noch eine Currywurst zum "Sofortgenuss im Light Grill" rein.

Die gedrückten Erzeugerpreise müssen durch vermehrte Anbauflächen mit EU-Subventionen kompensiert werden, drängen die Konzerne und Handelsketten der Discounter auf den inter-national ausgerichteten Lebensmittelmärkten zu billigem Fleischkonsum und zur Massentier-haltung in den Ställen, was allein den Großbauern und den Konzernen der Agrochemie nützt - mit der fatalen Folge der vermehrten Belastung der Grundwässer und der Zerstörung der Biodiversität als Voraussetzung intakter Nahrungsketten, an deren Ende der Mensch steht. Die überschüssige Massenproduktion drängt auf die  Lebensmittelmärkte von agrarischen Entwick-lungsländern und wird dort zur massiven Konkurrenz der ansässigen Bauern und Viehzüchtern - oder wird als Abfall über die Müllcontainer der Supermärkte und Discounterketten entsorgt. Rund ein Drittel der erzeugten Lebensmittel werden laut Bundesumweltamt schlicht und er-greifend wieder weggeworfen. Ein gigantisches Geschäftsmodell der Ressourcenverschwend-ung an Böden und Dünger, Arbeitskräften und Energien, das durch das Subventionskarussell der EU flott geschmiert wird.

Hingegen sind die Erzeugerpreise einer ökologisch ausgerichteten Landwirtschaft mit den Geschäftsmodellen eigener Wertschöpfungsketten der regionalen Direktvermarktung für die normalen Kunden aufgrund mangelnder Subventionen vor dem Hintergrund politischer und wirtschaftlicher Agrarinteressen für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion in intakten Kulturlandschaften zu teuer. Menschen mit geringem Einkommen und prekären Existenzen zählen nicht zu deren Kunden. Sie sind in ihrer Lebensmittelversorgung auf öffentliche Tafeln und Lebensmittelspenden angewiesen, auf das Sammeln von Dosenpfand, auf das, was ihnen in den Mülltonnen zum Leben bleibt. Ihre stummen Seufzer bleiben im Inneren vorborgen, eine Sprache, die von einer anderen Heimat erzählt.

Aber die fruchtbaren Böden sind nicht vermehrbar und als Geschäftsmodelle nicht mehr handelbar. Und die einst noch bewaldeten Flächen zwischen Autobahnen fristen als "Feldholzinseln" ihr Dasein wie die einst blühenden Vorgärten zu "Straßenbegleitgrün" in betonierten Kübeln nach den Katalogen der Baumärkte aufge-hübscht werden. Es ist ein Treppenwitz, dass heute die Biodiversität vermehrt von den Städten ausgeht, danach beispiels-weise Füchse und Wildsauen ihr Auskommen in den städtischen Zentren suchen und Imker ihre Stöcke in Parkanlagen setzen. Invasive Tierarten wie Waschbär, Nutrias, Nilgänse und Minks bevölkern sie Flusslandschaften, in denen sich Schwarzmeergrundeln und der amerikanische Kamberkrebs nebst nordamerikanischen Schmuckschildkröten niedergelassen haben. Aber zurück zur Geschichte.

Zeit und Raum
Vom Wandel der Wahrnehmungen

Mit dem Bau der Eisenbahn wird Bad Nauheim zur mondänen Kurmetropole in Europa - nebst Spielkasino im Wohlwollen des Darmstädter Landgrafen. Aber es entstehen auch moderne Arbeitsplätze jenseits der Landwirtschaft. Die einstige Bauernmagd im grauen Zwirn wird zum Dienstmädchen "in Stellung" mit weißem Schürzchen und Haube. Die Kurstadt verlangt nach modernem Dienstpersonal, das sich den sprachlichen Standards anpassen muss, wenn auch in einem dialektal gefärbten Hochdeutsch "mit Knubbeln" und verrenkten Zungen. Doch sind es nicht nur die Sprachbarrieren, die überwunden werden müssen. Wer in der Kurstadt sein Auskommen gefunden hat, der gilt andererseits als "fiernehm", wobei Neid und Missgunst eine Rolle spielen, aber auch die sozialen Barrieren unterschiedlicher Klassenzugehörigkeiten in den Vordergrund gestellt werden. "Geh net zum Ferscht (Fürst), wann de net geruffe werscht!", heißt es in der Wetterau, im Hinterland und im Vogelsberg. Aber die Kurstadt lockt, auch in die Betten, und nicht selten kehren die Dienstmädchen geschwängert in ihre Dörfer zurück.

Im Zuge der Industrialisierung werden die Zeit- und Raumbegriffe durch den Bau der Eisenbahn einer radikalen Wandlung unterzogen. Verknüpft die Zeitangabe "Mia winn baim Kornoabmache werra do sai" (Wir wollen zur Getreidernte wieder daheim sein) noch Land-schaft, Arbeit und Lebensraum, so dürfte der Schalterbeamte Schwierigkeiten haben, danach ein "Retour Billett" nach Fahrplan, Uhrzeit und Zugnummer auszustellen. Entsprechend wird die bisherige fassbare Landschafts-Er-Fahrung mit dem Blick aus dem Abteilfenster zum Erlebnisraum einer fotografischen Fläche und der originären Erfahrung entzogen und neu definiert, währenddessen die Romantik in ihrer wirklichkeitsfremden und schnulzigen Glückseligkeit eines Caspar David Friedrich und seinen Epigonen versinkt.

Die Bahnhöfe laufen mit ihren obligatorischen Kneipen der Kirche den Rang als Mittelpunkt der Provinzstädtchen ab. Sie werden zu Kathedralen und die Bahnhofskioske werden mit ihren über-regionalen Zeitungen zum Kulturvermittler. Die bodenständige Scholle wird als Pachtland zur Immobilie und selbst zur Ware wie die Lebensmittelproduktion durch Mechanisierung und durch die Entwicklung der mineralischen Düngung und der Agrochemie durch den in Gießen lehrenden Chemieprofessor Justus von Liebig zur Agrarindustrie umgewandelt. Der Dampf-pflug ersetzt das Pferdegespann in der Furche. Aus dem Wetterauer Stallknecht wird ein Maschinist und die lokomotive Dreschmaschine macht die Wander- und Saisonarbeiter aus dem Hinterland, dem Vogelsberg und der Rhön, die Fulder und Schnitter, arbeits- und sprachlos. Was aus den täglichen, praktischen Lebensinhalten verschwindet, wird auch sprachlich nicht mehr gebraucht - oder erhält eine radikale Umdeutung.

Die Industrialisierung manifestiert sich auch in den Köpfen und in den Dialekten, die je nach ihren lokalen Besonderheiten in Ungleichzeitigkeiten ihrer Butzenscheibenromantiken verhar-ren oder sich anpassen, wollen sie ihren Verkehrswert erhalten. Das kapitalistische Geschäfts-modell löst nicht nur die alten feudalen Herrschaften und Kulturhoheiten auf, es entstehen neue Berufe mit neuen Begrifflichkeiten und technischen Inhalten, doch in der Restauration nach dem Wiener Kongress (1815) bilden sich die alten Herrschaften auf´s Neue aus, sei es als Industrielle oder als bürgerliche Großbauern und "Dickwurzbarone" mit weißem Hemdkragen. Das Hochdeutsch wird zur Obrigkeits- und Verkehrssprache. Mit den Verwaltungs- und Schulreformen wird schließ-lich die Standardsprache endgültig etabliert wie die nachgehende Entwicklung des Verkehrs-wesens und der Medien, Rundfunk und Kino bis zum ersten Drittel des 20. Jahr-hunderts Hocheutsch als Hauptverkehrssprache faktisch durchsetzt. Und mehr noch.

Englisch wird die Sprache der Auswanderer und Migranten
Von Heimat sprechen die Vornehmen, die Armen von ihrer Heimatlosigkeit.

Die Kehrseite der Industrialisierung liegt in der massenhaften Verarmung (Pauperismus), in politischer Unterdrückung und im Niedergang des Handwerkes, insbesondere in der Textil-verarbeitung der Weber. Die Verelendung hat verschiedene Ursachen. Durch die Aufhebung der Leibeigenschaft im Großherzogtum Hessen (1811/13) werden die Bauern zwar „frei“, doch zu einem hohen Preis. Die bisher erbrachten grundherrschaftlichen Leistungen müssen gegen Geld und hypothekenartige Finanzierungen abgelöst werden. Das politische "Dispediern" (Diskutieren) nimmt in den Spelunken an Fahrt auf. Die einstige Leibeigenschaft wird in der Verschuldung ins Amtsstubendeutsch übertragen. Die einst an den Grundherren gebundenen Bauern werden nunmehr zu "freien" Tagelöhnern auf derselben Scholle. Kinderreichtum und die Realerbteilung parzellieren zudem den eh schon kargen Landbesitz, demnach keine realen wirtschaftlichen Erträge mehr möglich sind. Verfügen die Hofgüter und Großbauern oft über 300 Hektar an Anbauflächen, verbleiben den Kleinbauern in der Regel nicht mehr als ein Hektar Anbau- und Grundfläche, mitunter noch kleine Waldpezellen, die nicht einmal zur Eichel- und Bucheckernmast ausreichen, dass selbst die Sauen an Hunger leiden.

Des Weiteren sorgt die Aufhebung der napoleonische Kontinentalsperre (1806-1813) - ein Handelsembargo zwischen Frankreich und England - für den wirtschaftlichen Niedergang, insbesonders im Handwerk und der Weberei. Begünstigte die Kontinentalsperre einst die Industrialisierung, so überschwemmen jetzt englische Waren die bis dahin geschlossenen Märkte. Die Tagelöhner werden zu besitzlosen Landgängern oder frühindustriellen und rechtlosen Fabrikarbeitern, andere wandern nach Amerika aus. In den Hafenstädten besorgen Auswanderer-Agenten die wirtschaftliche Auflösung des noch vorhandenen Vermögens. Heute würde man von "Schleppern" reden (vgl. hierzu das Historische Gemeindeverzeichnis, Hess. Statistisches Landesamt). Englisch wird die Sprache der Auswanderer in ihre „neue Heimat“ jenseits geduckter Stuben und Ställen. *) Ganze Weiler und Landflecken werden entleert. Andere suchen ihr Auskommen im Raub. Früh bilden sich u.a. Räuberbanden. Spektakulär der Postraub in der Subach nahe Gladenbach (1822). Tagelöhner aus den Weilern Kombach, Dexbach und Wolfgruben überfallen eine Postkutsche. Mit Volker Schlöndorff wird der Überfall auf die Postkutsche mit dem Titel "Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach" 1971 verfilmt.

Georg Büchner und Ludwig Weidig verfassen 1834 in Gießen den "Hessischen Landboten", eine Flugschrift gegen Obrigkeitswillkür und gegen Veramung. Das "Blutbad von Södel" in der Wetterau steht symbolhaft für Gewaltherrschaft und Fürstenwillkür. Es kommt zu lokalen Aufständen (Kartoffelkriege) in Mittelhessen, polizeilicher und juristischer Willkür, Verfol-gungen und drakonischen Kerkerstrafen. Die Mäuler sind in den Stuben, Spelunken und Wirtshäuser voll von Bitternis, Armut und Not, und ihre Klagen entsprechen nicht dem Lexi-kon hochdeutscher Standardsprache. Des Weiteren verheeren Missernten weite Landstriche, sucht zugleich das aufstrebende Bürgertum sein Auskommen in biedermeierlichen Lebens-formen der Ordnung und Behaglichkeit. Und von Heimat sprechen nur noch die Vornehmen, von Heimatlosigkeit die Armen. Wer Heimat hat, das entscheidet fortan der Besitz an ihr, demnach der besitzlose Habenichts keine Heimat mehr hat.

Heimat wird synonym zum "Vaterland" und unter dem Blitzableiter einer wilhelminischen Pickelhaube in die Hände Gottes gelegt. Der einstige Hass der adeligen Obrigkeit auf die Französische Revolution wird zur "Vaterlandsliebe" gegen den "Erzfeind Frankreich" umgemünzt, eine Feindschaft, für die es nunmehr auch heldenhaft zu sterben gilt. Nur, wer vergnügt sich schon mit einer Leiche im Bett? Die Jugend geht fremd und strebt nach Freiheitsrechten und demokratischen Reformen. Das "dreckischte" Maul zu halten oder Kerker lauten die Alternativen, und wem die Flucht nunmehr als "vaterlandsloser Geselle" ins europäische Exil gelingt, darf sich noch lange nicht sicher sein. Einzig die Auswanderung nach Amerika wird zum Glücksversprechen einer "neuen Heimat", die selbst wieder auf der Kolonisation geraubten Landes und der Versklavung von Afrikanern beruht. Insofern ist die Freiheitsstatue in New York der blanke Hohn. Die Nebengeschäfte machen im Sezessionskrieg (amerikanischer Bürgerkrieg 1861 - 1865) die Firmen Colt und Smiss & Wesson im Einvernehmen mit den Großgrundbesitzern der Baumwollplantagen.

Einen absoluten, reinen Dialekt - wenn es ihn denn jemals ohne Lehnwörter und Fremdein-flüssen gegeben hat - gab und gibt es nicht, den sie hätten mitnehmen können, wie auch der Arbeitsplatz „Dorf“ als kultureller und sprachlicher Lebensmittelpunkt ausgestorben war und heute ist. Die Dialektsprecher werden mehrsprachig ausgerichtet, ob sie es wollen oder nicht, und je nach Sprechsituationen werden die verschie-denen Sprachebenen genutzt, im öffentlich-en Leben die Standardsprache, im privaten Raum überwiegen noch dialektale Sprechweisen, wenn auch diese im Wortschatz und den Lautformen selbst Anpassungen unterliegen. Die Dialekte sind an Kultur- und Lebensräume gebunden, sie gehen den Verkehrswegen nach, und sie unterliegen dem Sprachwandel wie die Kulturräume in einer offenen Gesellschaft selbst Veränderungen unterliegen. Dies gilt auch für die Hinterländer Mundarten mit ihren Besonderheiten in den hessischen Sprachlandschaften.

Das Hinterländer Platt
Nordwestliches Zentralhessen.

Die Hinterländer Dialekte in ihren verschiedenen Variationen (Topolekte) zählen noch zu den älteren Dialekten in Hessen, deren Strukturen noch teilweise aus dem Althochdeutschen ableitbar sind und deren Lautsystem noch mit dem Mittelhochdeutschen verbunden ist. Das stimmlose "s" wird zu "sch“ verschliffen, das "r" als retroflexes Zungen-"r" gesprochen. Zu den weiteren Besonderheiten gehört der Wandel der stimmlosen Laute "k", "p" und "t" zu stimmhaften "g", "b" und "d", sowie das Verschleifen des "er" zu "a" vor allem in der Endsilbe. Besonders auffällig sind die sogenannten gestürzten Diphtonge. Die mittelhoch-deutschen fallenden Zwielaute "ie", "üe", und "uo" erscheinen als steigende Zwielaute "äi", "oi" und "ou". Alle Diphtonge werden eindeutig betont, so dass es nicht zu einer Ver-wechselung beispielsweise von "ai" und "äi" kommt. Der Laut zwischen "a" und "o" wird durch "oa" realisiert. Der Buchstabe „v“ wird zum „w“ oder „f“ je nach dem Lautstand des Wortes (vgl. hierzu auch Anmerkungen zur Verschriftlichung in "schwortswaise raabooche").

Zungenschläge, die heute die Sprachenvielfalt aus ihrer Geschichte heraus bereichern, auch in der Heimatdichtung, aber heute in regionale Sprachvarietäten übergehen und identitäststiftend wirken können, auch für die Zugezogenen, die in den Regiolekten danach ein ge-hör-iges Wörtchen mitzureden haben. Doch allein das Beharren auf gestrigen, überlieferten Sprach-traditionen eines Sprachmuseums wirft zugleich ein Problem der kulturellen Ausgrenzung auf und befördert Parallelgesellschaften. Inwieweit eine solche Ausgrenzung auf Dauer Bestand haben wird, das ist angesichts des Sprachwandels fraglich. Auch sind sich die musealen Brauchtumschützer selbst im Unklaren, welcher Dialekt aus der Sprachgeschichte heraus nun gilt und welcher nicht. Vielleicht versuchen sie es einmal mit Pennsylvania Dutch (siehe Fußnote), ein alter und noch in den USA gepflegter Dialekt, der dem Mittel-/ und Oberhes-sischen doch ganz ähnlich klingt.

Letztendlich wird es der sprachliche Alltag entscheiden, der Ort, an dem sich alle Menschen treffen, nicht die puristische Sprachideologie eines verkorksten Sprachnationalismus. Ein Dilemma zwischen Minze und Nesseln, das insbesondere heimatliche Arbeitsgemeinschaften für Dummschwätzer (AfD) heimsucht, deren sprachliche Heimat als ein national-romantisches Ideologem der Selbstbeweihräucherung dann mit krächzenden Maulsperren an der sprachlichen Wirklichkeit scheitert. Die Vorfahren des Autors sind nachweislich seit 1650 am Oberlauf der Lahn beheimatet. Eine ideologische Inanspruchnahme oder folkloristische Belehrung seiner Hinterländer Heimat und Mundarten bedarf es nicht, erst recht nicht eines musealen Trachten- und Sprachvereins. Heimat hat nun mal eine andere Qualität jenseits der ideologischen Maulhelden. Sie ist das Daheim. Und so ist es geboten, demjenigen wieder ein Bett und einen Tisch zu geben, dessen Daheim mal wieder verwüstet und verkerkert worden ist.

*) Hier gibt es jedoch Ausnahmen, z.B. das Pennsylvania Dutch. Bereits im 18. Jahrhundert kam es zu Auswanderungen, meist aus religiösen und protestantisch-freikirchlichen Glauben-sgemeinschaften der Mennoniten, Hutterer und Amischen u.a. aus der Pfalz, dem Rheinland, Baden Württemberg und der Schweiz. Sie siedelten u.a. in Wisconsin und behielten ihre teil-weise bis heute strengen konservativen und aus der Zeit gefallenen Lebensgewohnheiten und Dialekte als eigenständige Sprachinseln bei. Bis in das 20. Jahrhundert hinein waren beispiels-weise Reißverschlüsse, Elektrizität, Maschinen und Autos tabu, wenn auch die "Liberalen" unter ihnen sich gegenüber Melkmaschinen und Traktoren und offen zeigten. Für Mundart-forscher und Sprachgeschichtler ein eigenes Refugium.



Zwischen Standard, Substandard und Dialekt, Wetterau 2010.
Reklame auf PKW-Anhänger, Foto: Kurt Werner Sänger.

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