hinna gans
hemba räas
mannes häas
hunnat hemba
hinna gans
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 


Hinnalenna Duuredaans - Hinterländer Totentanz

Die Gewissheit des Todes wird seit dem frühen Mittelalter in Allegorien der bildenden Künste thematisiert. Er tritt als personifiziertes Gerippe in Erscheinung, als Sensenmann, der die Seelen von den Leibern trennt und den Tod herbeiführt. Ausgehend von einem Fotoprojekt des Hinterländer Landarztes Rudolf Kraft entstanden bisher sieben Oden im Hinterländer Dialekt.

Foom Duud e Bild mache - Hinnalenna Duuredaans
Vom Tod ein Bild machen - Hinterländer Totentanz
Foto (alle Rechte): Dr. Rudolf Kraft, vormals Angelburg.

Erster Gesang

Der Tod und der Allmächtige

Der Chor

Duud – Döu beast ois de gruuse Meesta
Tod - Du bist uns der große Meister

Der Prediger

Bleggsd jeerem sai Leewe fea imma deam
Pflückst jedem sein Leben für immer dem
Oame wäi deam Rasche - Döu Duud alla
Armen wie dem Reichen - Du Tod aller
Met Dia giat alles falonn
Mit Dir geht alles verloren
Hut de Zait of ze schloo
Hört die Zeit auf zu schlagen
Met Dia hut alles of - het alles sai Enn
Mit Dir hört alles auf - hat alles sein Ende
Griesch wäi Faindschoft un Ea
Krieg wie Feindschaft und Ehre

Met Dia blait de Wält hinna ois
Mit Dir bleibt die Welt hinter uns
Als zareassene Wolge im Weand
Als zerrissene Wolke im Wind
Dia gehut jeeda: Mann, Fraa un Keand
Dir gehört jeder: Mann, Frau und Kind
Wäi alles anare of de Ea oom En doch
Wie alles andere auf der Erde am Ende doch
Näad blair ois – goanäat!
Nichts bleibt uns - gar nichts!
Nirremool ean Schwoare foo ois sealbsd
Nicht einmal ein Schatten von uns selbst
Un doch: Met Dia kimmt alles bajenee
Und doch: Mit Dir Kommt alles beieinander
Sai ma ois sealbsd ie Dia
Sind wir uns selbst in Dir
Ean jeeda fea sasch un alee
Ein jeder für sich und allein

Döu beast jeerem Diena un Härr
Du bist jedem Diener und Herr
Deam Ooschdennische wäi deam Fabrescha
Dem Anständigen wie dem Verbrecher
Deam Kraanke wäi deam Dokta
Dem Kranken wie dem Doktor
Beast Rischta und Henkersknecht ie Eam
Bist Richter und Henkersknecht in Einem
Nimmste da doas woas de kräie kaast
Nimmst Dir das was Du kriegen kannst
Oom Enn alee wäi ́s da zöuschdiat
Am Ende allein wie es Dir zusteht
Groat su wäi ma Dia ie ́s Laischeduch fann
Gerade so wie wir Dir ins Leichentuch fallen
Däi Möada wäi eare Obfa
Die Mörder wie ihre Opfer

Dai Mäal laiggd noo ́m Leewe
Dein Maul leckt nach dem Leben
Härb un beata schmaiggd Dain Kuss
Herb und bitter schmeckt Dein Kuss
Beatasoise Läibschoft
Bittersüße Liebschaft
Ean Läffel Huink of e drogge Hurefutt!
Ein Löffel Honig auf eine trockene Hurenfutt!
Ean Schnaps noch? - Noch e Aggzje!
Einen Schnaps noch? - Noch eine Aktie!
Döu loggsd ois baizaire zöum Daans eräas
Du lockst uns beizeiten zum Tanz heraus
Lesd ois hebbe un schbreange - nie!
Lässt uns hüpfen und springen - hinein!
Ie ́s ofgeschbannte Laischeduch
Ins aufgespannte Leichentuch
Ean jeeda Laib noo saim Raaje
Ein jeder Leib nach seinem Reigen


Zweiter Gesang

Der Tod und die Gewissheit

Der Chor

Duud Döu - beasd ois de gruuse Meesta
Tod - Du bist uns der große Meister

Der Prediger

Döu schledst de Takt - kea soiht den Trummla
Du schlägst den Takt - keiner sieht den Trommmler
No deam mia daanse und Dia fafann
Nach dem wir tanzen und Dir verfallen
Deam Daans sai mia Dia oom Enn faschbroche
Diesem Tanz sind wir Dir am Ende versprochen
Beast Döu ois schu of´m Daansbiarre baigegeawe
Bist Du uns schon auf dem Tanzboden beigegeben
Wann Döu ois ieledst un roifst: Kommt häa!
Wenn Du uns einlädst und rufst: Kommt her!

Met leere Däsche un Henn
Mit leeren Taschen und Händen
Als de lädste Daans of deen mia ois
Als den letzten Tanz auf den wir uns
E Leewe lang ofmache 
Ein Leben lang aufmachen 
Wäi mia Dasch ie ois tra 
Wie wir Dich in uns tragen 
Ie Daim kaale Häas ze wuun
In Deinem kalten Haus zu wohnen
Ie doas mia ietreere mirre
In das wir eintreten müssen 
Uune oozeklobbe 
Ohne anzuklopfen 
Hinna deam Döu de Dea zöuschledst 
Hinter dem Du die Tür zuschlägst 
Wann ma do sai  
Wenn wir da sind 
Ean jeeda no saim Weeg - wäi wait un 
Ein jeder nach seinem Weg - wie weit und
Schdeenisch aach imma 
Steinig auch immer

Döu triumfiasd eawa Gott un de Doiwel
Du triumpfierst über Gott und den Teufel
Alee - Döu beast ois geweass!
Allein - Du bist uns gewiss!
Dasch mirre ma oneamme
Dich müssen wir annehmen
Als dea Eezischde
Als der Einzige
Deen mia nit beträie kinn
Den wir nicht betrügen können

Döu nimmsd ois foo ́m Plooche, Schachan un Schean
Du nimmst uns vom Plagen, Schachern und Schinden
Uune Häas, Geald un Schoia kimmt Dai Raisch
Ohne Haus, Geld und Scheuer kommt Dein Reich
Döu nimmsd ois o de lädste Haand
Du nimmst uns an die letzte Hand
Giast merr ois naggischd
Gehst mit uns nackt
Ofn lädste Weeg boarwes - uune Hemd un alles
Auf den letzten Weg barfuß - ohne Hemd und alles
Wäi ma gekomme sai - gie ma
Wie wir gekommen sind - gehen wir
Nimmsd Döu ois foo ́m lädste Desch un Schoabbe weg
Nimmst Du uns vom letzten Tisch und Schoppen weg
Uune nochmool Loft ze schnappe groat suu
Ohne noch einmal Luft zu schnappen gerade so
Wäi ma de lädste Bleamme bleggd
Wie man die letzten Blumen pflückt

Un im lädste Soifza ärschdeggd de Sunn im Himmel 
Und im letzten Seufzer erstickt die Sonne im Himmel
Fällt de Weand of de Ea roab un
Fällt der Wind auf die Erde herab und
Hält sain Oore oo - fea imma un alles eas schdell
Hält seinen Odem an - für immer und alles ist still


Dritter Gesang

Der Tod und das Geschäft

Der Chor

Duud - Döu beasd ois de gruuse Meesta
Tod - Du bist uns der große Meister

Der Prediger

Wann Döu kimmst un ois langst
Wenn Du kommst und uns holst
Kost ́s deam oame Mann sai Geald
Kostet es deam armen Mann sein Geld
Beast Döu ois doira alls wäi ́s Leewe
Bist Du uns teurer als (wie) das Leben
Nimmst ois de lädste Grosche weg
Nimmst uns die letzten Groschen weg
Met Dia raiwe sich de Geschäftsloire de Henn
Mit Dir reiben sich die Geschäftsleute die Hände
Fea de Särsch, de Grenze un ́s Groab
Für die Särge, die Kränze und ́s Grab
Fea´n Peanna, fea ́s Gloggeloire un de Gemee
Für den Pfarrer, für ́s Glockenläuten und die Gemeinde
Alls doas lädste Geschäft, doas Döu beast
Als das letzte Geschäft, das Du bist
Doas ma oom Enn nit gebreache kinn
Das wir am Ende nicht gebrauchen können
Da reacheln de Hennela sich ea Profittschje äas
Dann rechnen die Händler sich ihr Profitchen aus
Dasch noch ofzereacheln im ́s doire Geald
Dich noch aufzurechnen um ́s teure Geld
Met Zinse un Zinsezinse fea däi noch
Mit Zinsen und Zinseszinsen für die noch
Dogebliawwene – heannehäa!
Dagebliebenen – hinterher!
Da beast Döu deam Rasche ea gruuses Glegg
Dann bist Du dem Reichen ein großes Glück
Alls Fasicherunghaanel im Duud merrenee
Als Versicherungshandel im Tod miteinander
Därr ́es im Leewe härnoo wairagiat
Dass es im Leben hernach weitergeht
Fea de Reachelunge un de Ärbschofte
Für die Rechnungen und die Erbschaften
Woas deam oame Mann ie Scholde nit gerett
Was dem armen Mann in Schulden nicht gerät
Fea ́s Schdearwe aach noch im Leewe ze bezoaln
Für ́s Sterben auch noch im Leben zu bezahlen


Vierter Gesang
Der Tod und der Krieg 

Der Chor

Duud – Döu beasd ois de gruuse Meesta
Tod – Du bist uns der große Meister

Der Prediger

Wann se werra mool e Gesädds mache - Däi Huhe Härrn!
Wenn sie wieder einmal ein Gesetz machen – Die Hohen Herren!
Met Gottes Seeje werra mool ie ́n Griesch zäie
Mit Gottes Segen wieder einmal in den Krieg ziehen
Un dea kleene Mann kräit ́s "Halleluja" gebloose
Und der kleine Mann bekommt ́s "Halleluja" geblasen
Fea e "Amän" sisch duutschäiße un zarraiße lesse
Für ein "Amen" sich dafür totschießen und zerreißen lassen
Beast Döu schu de Uschde, dea de Saase hoart *)
Bist Du schon der Erste, der die Sense dengelt
Un dea sai Laischeduch ofhält noom lädste Gebeet
Und der sein Leichentuch aufhält nach dem letzten Gebet
Wann de Peanna noch emool sai Koläggde zeelt
Wenn der Pfarrer noch mal seine Kolekte zählt
Däi de Gaddolischde met Wairauch fanimmeln
Die die Katholischen mit Weihrauch vernebeln
Als doas gruuse Geschäft ie jeerem saim Gottes Noome
Als das große Geschäft in jedes eigenem Gottes Namen
No deam näad mie kimmt - Goanäat näad mie!
Nach dem nichts mehr kommt – Gar nichts mehr!
Un om En Döu dai Laischeduch treawwa hälst
Und am Ende Du dein Leichentuch drüber hälst
Äawwa se all - Domet kea un niemeds mie dofoo futkimmt!
Über sie alle - Damit keiner und niemand mehr davonkommt!
Un däi do nit metmache un wooche ́s Mäal ofzemache
Und die da nicht mitmachen und wagen ́s Maul aufzumachen
Däi wean feahäa schu als "Fatalaandsfareera" hiegerischd
Die werden vorher schon als "Vaterlandsverräter" hingerichtet

*) Saase hoarn - Sense dengeln: Das Schärfen der Sensen wurde durch filigrane Hammerschläge auf die Schnittkante der Sense über einem Dengel- Amboss bewerkstelligt. Dieses Dengeln der Sensen, das Plätten des Metalls auf Haaresbreite (hoarn - haaren), ging am Vorabend der Ernte als monotones, metallenes Klopfen weithin hörbar durch die Dörfer. Hier steht es für die Vorankündigung des "Sensenmannes" und des Todes.


Fünfter Gesang

Der Tod und das Siechtum

Der Chor

Duud - Döu beast ois de gruuse Meesta Tod
Tod - Du bist uns der große Meister

Der Prediger

Wann döu kimmst het ́s Lääd ea Enn
Wann Du kommst hat das Leiden ihr Ende
Beast Döu ois baizaire de lädste Räddung im Leewe
Bist Du uns beizeiten die letzte Rettung im Leben
Fea ́m Dokta, fea de Kraankekasse un fea ́m Abbediega
Vor dem Doktor, vor der Krankenkasse und vor ́m Apotheker
Beast Döu ois su gnädisch wäi nirremool
Bist Du uns so gnädisch wie nicht einmal
De läiwe Gott un de Peanna gesai ka
Der liebe Gott und der Pfarrer sein kann
Däi Sorje un Last hinna ois ze brenge
Die Sorgen und Lasten hinter uns zu bringen
Däi niemeds merr ois däält
Die niemand mit uns teilt
Wann ois de Laib im Gräbs fafäalt
Wann uns der Leib im Krebs verfault
De Därme im lewendischde Laib offresst
Die Därme im lebendigen Leib auffrisst
Es Blöut fagefft un ́s Flääsch foo ́n Gnoche fällt
Das Blut vergiftet und das Fleisch von den Knochen fällt
Däss ma ie ́s Bätt scheiße mirre
Dass wir ins Bett scheißen müssen
Un da merrem Kornsche gefoarn mirre wearn
Und dann mit einem Karren gefahren müssen werden
Im nochemool Loft ze schäbbe
Um noch einmal Luft zu schippen (schnappen)
Beast Döu ois doas gruuse Glegg
Bist Du uns das große Glück
Sisch dofoo futzemache
Sich davon fortzumachen
Wann ma sealbst foo ́m Gott un ́em Doiwel
Wann man selbst vom Gott und dem Teufel
Fageasse woan sai wäi schu im Leewe feahäa
Vergessen wurden wie schon im Leben vorher
Niemeds gefroot het noo ́m äjene Enn
Niemand gefragt hat nach dem Ende
Wu de Häll oofengt un wu se ofhält
Wo die Hölle anfängt und wo sie aufhört
Es Lischd faläschd wäi ́s Hern ofhält
Das Licht verlöscht wie das Hirn
De Zung äas ́m Mäal fällt wäi de fäale Zie
Die Zunge aus dem Maul fällt wie die faulen Zähne
Da beast Döu bai de Schdäll
Dann bist Du zur Stelle
Uune däss ma Dasch geruffe hu
Ohne dass wir Dich gerufen haben
Beast Döu oom En doas grissare Glegg
Bist Du am Ende das größere Glück
Alls wäi e schlaaschd Leewe im lewendische Sarsch
Als wie ein schlechtes Leben im lebendigen Sarg
Fea ́m läiwe Gott un fea de Fawaandschoft
Vor dem lieben Gott und vor der Verwandtschaft 
Läiwa Duud - da mirre ma da danke 
Lieber Tod - dann müssen wir dann danken 
Därr es dasch giat

Dass es Dich gibt


Sechster Gesang

Der Tod und der Selbstmord

Der Chor

Duud - döu beast ois de gruuse Meesta
Tod – du bist uns der große Meister

Der Prediger

Wann ma ́s Leewe lääd sai beaste nit do
Wenn wir das Leben leid sind bist du nicht da
Mirre ma ois sealbst imbrenge 
Müssen wir uns selbst umbringen 
Merrem Schussabberat im Källa
Mit einem Schussapparat im Keller
Wail de Fraa futgelaafe eas – merren Keann  
Weil die Frau fortgelaufen ist – mit Kinder     
D ́n Boggel foll fo Scholde hu  
Den Buckel voll von Schulden haben 
Däss ma sisch im Podds ofhenke mirre
Dass man sich im Potz aufhängen muss

Im grooe Weanta noo ́m Näawwejoa
Im grauen Winter nach dem Neujahr
Innam Schnäi besoffe ois hielääje un äafräise
Unterm Schnee besoffen uns hinlegen und erfrieren 
Un im Waald foo ́n welle Säa gefreasse wean
Und im Wald von wilden Säuen gefressen werden

Wäi ma sisch sealbst im Punz äasäffe
Wie wir uns selbst im Teich ersaufen
Innam Ais hot gefroan heane im Weanta
Unterm Eis hart gefroren hinten im Winter
Wann ma sisch nit schu feahäa
Wenn wir uns nicht schon vorher
Ie de Weatschoft duudgeschlo hu
In der Wirtschaft totgeschlagen haben
Baim Koarteschbien un Schnaps
Beim Kartenspiel und Schnaps
Im ́s Geald un Scholde faraigge 
Ums Geld und Schulden verrecken 
Wäi ma ́s Leewe hinna ois brenge
Wie wir das Leben hinter uns bringen

Un da alls noch gescholle kräie  
Und dann immer noch beschimpft werden  
Wann de Doache schu su schwoadds sai  
Wenn die Tage schon so schwarz sind
Wäi de Nooschd im Fischtewaald oom Leewe fresst
Wie die Nacht im Fichtenwald am Leben frisst
Met all sain Geschbensta ois paggd 
Mit all seinen Gespenstern uns packt
Un de Boradds meerem Duuregläggsche bimmelt
Und der Boratz mit dem Totenglöckchen bimmelt
Merrem gruuse Mäal un schoarwe Zie
Mit einem großen Maul und scharfen Zähnen 
Däss näad fo ois blait alls wäi de äjene Duud 
Dass nichts von uns bleibt als wie der eigene Tod
Den ma da mool sealbst ie de Haand neamme mirre 
Den wir dann mal selbst in die Hand nehmen müssen  
Wann ma ́n emool sealbst gebreache kinn
Wenn wir ihn einmal selbst brauchen können 
Da beaste nit do un mia oi Groab 
Dann bist du nicht da und wir unser Grab  
Aach noch feahäa sealbst geschäffeln mirre  
Auch noch vorher selbst schaufeln müssen 
Wail Sealbstmöada foo ́n Fromme
Weil Selbstmörder von den Frommen
Nit oddlisch beerdischd wean
Nicht ordentlich beerdigt werden 
Un aach noch om Groab gescholle kräie 
Und auch noch am Grab beschimpft werden


Siebenter Gesang

Der Tod und das Ende vom Lied

Der Chor


Duud – Döu beast ois de gruuse Meesta  
Tod - Du bist uns der große Meister

Der Prediger

Döu breachst ois Lewendische
Du brauchst uns Lebenden
Im sealbst de gruuse Meesta ze sai
Um selbst der große Meister zu sein
Uune ois beast Döu groare mool goa näat
Ohne uns bist Du gerade einmal gar nichts
Do breachste ke Brell!
Da brauchst Du keine Brille!
Un doas glääwe ma fea Dasch met
Und das glauben wir für Dich mit

Un näad fo Dia läit ie Gottes Haand 
Und nichts von Dir liegt in Gottes Hand
Nua ie ois sealbst beast Döu oin Dääl foo ́m Leewe
Nur in uns selbst bist Du eine Teil vom Leben
Uune Leewe giat´s kean Duud 
Ohne Leben gibt es keinen Tod

Wäi de Säa ie de Worscht ean Seann het
Wie die Sau in der Wurst ihren Sinn hat
Su blair ois nua de Hoffnung
So bleibt uns nur die Hoffnung
Dasch merrem läiwe Gott
Dich mit dem lieben Gott
Of ́s eewischde Leewe ze geweann
Auf ́s ewige Leben zu gewinnen

Wäi ́m Tetzel saim Loddo
Wie im Tetzel seinem Lotto
Als Trick ie ́n Himmel geschriawwe
Als Trick in den Himmel geschrieben
Da met den foo ois sealbst ogeruffene un
Dann mit den von uns selbst angerufenen und
Ie Schdee gehaachene Götta und Kattedraale
In Stein gehauenen Götter und Kathedralen
Dia Duud noch e Schnäbbsche ze schloo
Dir Tod noch ein Schnäppchen zu schlagen
Sunndoags im Halbälf - noo ́m Fataunsa
Sonntags um Halbelf - nach dem Vaterunser
Heanne rim foo ́m Finanzamt
Hintern herum vom Finanzamt

Im goschdische Zorn un gboggelta Frömmelai
Im garstigen Zorn und gebuckelter Frömmelei
Wäi ie ́er Rewolte su im Hailsfaschbreache
Wie in der Revolte so im Heilsversprechen
D ́n Duud nit fürschde mirre
Den Tod nicht fürchten müssen
Sulang de Broore im Baggoowe
Solange der Braten im Backofen
Sai Bäiakroste behält 
Seine Bierkruste behält
Un däi Doomgewölwe ois nit
Und die Domgewölbe uns nicht
Of de Käbbe prasseln und
Auf die Köpfe prasseln und
Merre ie ́n Scherweln ois sealbst noch
Inmitten der Scherben uns selbst noch
Im Duud fea Gott un fea ́m Peanna fafluche 
Im Tod vor Gott und dem Pfarrer verfluchen 

Wail mia noch lang nit doas sai 
Weil wir noch lange nicht das sind 
Woas man ois su feageschdaalt harre 
Was wir uns so vorgestellt hatten

Un sai ma da mool woas woan
Und sind wir dann einmal etwas geworden
Kinn mia jo aach nit imma alles glaisch kräie
Können wir ja auch nicht immer alles gleich bekommen

Schu goanit des eewischde Leewe 
Schon gar nicht das ewige Leben 
Su earr ́es da mool oo ́m Bäste 
So ist es dann einmal am Besten 
Mia sai da groar emool goanäad 
Wir sind dann gerade einmal gar nichts 
Un neamme ois doas, waos ma kräie kinn 
Und nehmen uns das, was wir kriegen können 
Da sai ma ie Gottes Noome alee nua doas 
Dann sind wir in Gottes Namen allein nur das 
Woas ma oo ́m En hu un oneamme mirre 
Was wir am Ende haben und annehmen müssen 

Feräasgesast - mia schdearwe nit schu feahäa 

Vorausgesetzt – wir sterben nicht schon vorher

Der Prediger : Amen












"innam dach hu ma olwel broie grooe un addseln schdadd schwalwe un ke glegg im loddo un baal eas härbst un noch imma ke äabt un den moond will ma ean kaale weanta bedoire wann de hoagense komme da freet de raibert noom geald feas ööl un mia hu sealbst näad mie ze raiße un ze baise un de dokta froot noilisch wäis da merrem schdöulgaang wea - ai jo den misste uschdemool kinne geschaise un mia sais edst baal su lääd mia kinnte feam kreastdoag noch alles zaschmaise."


Radierung: Klaus Schlosser (1986), aus: "schwortswaise raabooche" (1987). Erstveröffentlichung in: "Gemorje Hinnerlaand" (1984).


Nachdem es die Gassen und Winkel einige Male durchschritten hatte ohne einer Menschenseele gewahr zu werden, traf es auf den stummen Tischlermeister Trenkel, der mit einem rumpelnden Wägelchen seine frisch gezimmerten Schemel und Särge über das grobe Pflaster bugsierte. Ob es eine Einkehr gebe, unterbrach das Männchen den Tischlermeister bei seiner Arbeit, der ihm mit einem frohen Gesicht und einem wippenden Zigarrenstumpen zwischen den Lippen und wohlmeinenden Gesten den Weg zum Wirtshaus zeigte. Zum Dank für dessen Herzlichkeit kramte das Männchen aus seinem Rucksack einen der Sonne nach funkelnden Stein heraus, den er Trenkel schenkte. Er möge diesen Stein in gute Verwahrung nehmen, mahnte das Männchen, denn er besitze die Kraft, in Zeiten der Not sich zu vermehren aber auch den hässlichen Neid und das grobe Geschwätz unter den Menschen zu schüren. Dann ging es mit festem Schritt auf das Wirtshaus zu, dessen schiefes und von der Sonne gebleichtem Türschild „Zum Vetterleswirt“ auf die Geschäfte vergangener Zeiten hindeutete. Den Wirt, ein mit einem blaugelben Wams bekleideter hemdsärmeliger, stämmiger Kerl mit auffallendem rosa Gesicht und einer an eine elektrische Steckdose erinnernde Stuppelnase, fand es, wie alles Leben in Liewletrod, in einem dumpfen Dämmerzustand vor. Nur der Zapfhahn machte sich durch ein gelegentliches Glucksen und Röcheln bemerkbar, einem Rülpsen ähnlich, als wollte er sich der noch verbliebenen sauren Luft im Bierfass vergangener Trinkgelage entledigen.

Es bedurfte einiger Mühe des Männchens, sich dem Wirt gegenüber bemerkbar zu machen. Durch kräftiges Poltern mit der Faust auf den Schanktisch und mit heftigen Tritten gegen die Schanktür, wodurch deren gläserne Fassung entzwei sprang, gelang es ihm, den Wirt zu erwecken, der im Augenblick des Schreckens mit weit geöffneten Augen und mit nicht minder offenem Maule das sonderbare Geschöpf anstarrte. Durchaus hätte es dem Wirt auch scheinen können, wollte man seinem Entsetzen im Gesicht nach urteilen, dass er für sich selbst einen Augenblick geglaubt haben mochte, in einer ihm entrückten Welt angekommen zu sein, doch war er längst in derselben anwesend, ohne dies seinem Verstand nach gegenwärtig zu sein. Mit keuchendem Atem um Fassung ringend läutete er nach seiner hageren und mit einer blau geblümten Schürze bekleideten Frau, die mit müden Schritten herbei schlurfte. Auch ihr widerfuhr beim Anblick des Männchens ein großes Schaudern, dass ihr zu einem Dutt aufgebundenen grauen Haarschopf ins Wanken geriet.

Aber all dies kümmerte das Männchen nicht. Es war sich der Fremdheit seiner Erscheinung wohl bewusst wie in der Überzeugung sicher, dass es, wenn es nur seine Angelegenheit gemacht und als ziviler Mensch in angemessenem Aussehen jede Verwirrtheit, die den Augenblick bestimmte, geglättet habe, sei auch der Schrecken gebannt, den es einstweilen verbreitete. Allein nur die Beobachtung, dass sowohl der Wirt als auch dessen Frau zwar des Hörens so doch nicht des Sprechens imstande waren, weckte seine ganze Aufmerksamkeit. Denn sie unterhielten sich in einer stummen Sprache mit wirbelnden Gesten und Handzeichen, jedoch in einer heftigen Art, danach man glauben mochte, sie verprügelten sich zugleich. Ihre Gebärden erinnerten an ein Fechten oder Stoßen, derart, hätte man es in Worte übersetzt, eher einem lauten Geplärre oder einem heftigen Ringen gleichgekommen wäre. Doch in ihren Augen glänzte zugleich ein tiefes Verlangen nach einem Schäufelchen voll von Glück und einem heiteren Leben des Sprechens.
 
Ob ein Kanten Brot zu haben sei, mischte das Männchen sich in den lautlosen Zwist ein, auch sei ihm ein Schluck Wasser willkommen. Bezahlen könne es einstweilen nur mit Steinen, die es freilich in reichlicher Anzahl und in verschiedenen Größen und Farben anzubieten habe, betonte das Männchen und fügte hinzu, dieses Geschäft solle dem Wirt nicht zum Schaden sein. Wenn auch die Wirtsfrau diesem seltsamen Handel, Brot gegen Steine, mit Neugierde gegenüber stand, so lehnte der Wirt dieses sonderbare Angebot mit einer schroffen Geste der Verachtung ab und stieß den Sonderling aus dem Wirtshaus hinaus. Gewiss, es hätte die Sache gescheiter angehen können, dachte das Männchen, wenn es die besonderen Umstände der Steine deutlicher mitgeteilt hätte, aber dies schien ihm angesichts des groben Benehmens des Wirtes nicht mehr der Mühe wert. So ging es des Wegs ohne besonderes Ziel und gescheiten Nutzen für sich selbst und für jedermann dahin.

Als es einige hundert Schritte später die Dorfmauer von Liewletrod hinter sich gelassen hatte, stieß es am Wegrand auf einen vermoderten Wurzelstock, dessen Unterseite sich in nasser Fäulnis darbot. In den Kuhlen des faulenden Holzes hoffte es auf Wasser, auf das es seit Stunden schon dürstete und das ihm im Wirtshaus so grob verwehrt worden war. Mit bloßen Händen begann es das moderige Holz aufzubrechen, das, je tiefer es fasste, tatsächlich eine kühle Feuchte, gar noch eine Quelle verhieß. Doch plötzlich sprach eine leises aber barsches Stimmchen aus dem Holzstumpf heraus: „Was hast du da zu kratzen!?“ - „Ich suche eine Handvoll Wasser zu finden, wenn´s recht ist!?“ - antwortete das Männchen und blickte mit Erstaunen um sich. 

Top