hinna gans
hemba räas
mannes häas
henge hunnat
hunnat hemba
hinna gans
mannes häas
henge räas
beaste räas


Kurt Werner Sänger, geboren im Sommer
1950 in Gönnern, in einem Dorf im Hinterland, dem Breidenbacher Grund am Oberlauf der Lahn im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Kleinbäuerliche Lebenswelten in geduckten Stuben und Ställen formen Denken und Sprechen, wird der Dialekt zur ersten erworbenen Sprache und zum literarischen Grenzgang einer Heimatdichtung zwischen Alptraum und Sehnsucht. Die Texte folgen nicht dem Sinne konservativen Bewahrens von Sprache als Reflex auf sich kulturell ändernde Wirklichkeiten. Der Dialekt gilt dem Autor einzig als literarisches und authentisches Merkmal dörflicher Figuren und Bilder. Es ist dies eine Poesie der Kenntlichkeit dörflichen Lebens, Spiegelungen, Wagnissen und Brüchigkeiten im steten sozialen und kulturellen Wandel. Damit ist der Autor der Wirklichkeit seiner Heimat näher als der populistische Gebrauch derselben, der im Idyll einer Butzenscheibenromantik retrospektiv daherkommt, wenn auch mit medialem Zauber und Augenpulver geschmückt, so doch im falschen Bild zwischen saurem Wein und seifigem Handkäs.

Foto: Malte Sänger

Deam Foks sain Duud

Es woa emool ean Foks, dea wollt e Huingel freasse. Äawwa doas Huingel wollt nit gefreasse wean. Do säät doas Huingel deam Foks, he sillt´n aal Giggel freasse. Dea wea suwisu baal droo un raif fean Kochgrobbe. Do moschd sisch dea Foks noom Giggl. Wäi dea Foks baim Giggel woa un den freasse wollt, froot dea Giggel den Foks, worim deere da nit däi Gense freasse? He wea´s Leewe lang nua hinnan Hoinga häagelaafe un dobai su dorr woan, wäi nirremool e Gebinsche Schdruu gesai kinnt. O eam wea näad ze freasse, nua Fearran un Gnoche. Do moschd sisch dea Foks bai de Gense. Däi sääre äawwa, he sillt doch nochemool of Kreastdoag werrakomme, da wean se da aach oddlisch fädde un goa noch ze broore. He sillt sisch doch däi Däwwe foom Dach lange, wann he groat suu´n uuflerischde Hunga hät. Däi Däwwe wean zöu näat göut, nua zöum Freasse. Do schdäig dea Foks noon Däwwe nof. Däi Däwwe äawwa flooche fut un räife´m äas de Loft, he sillt sisch doch doas Huingel lange. Do sucht dea Foks werra doas Huingel. Doas Huingel woa äawwa näad mie do. Doas hat de Giggel allwail duutgepeggd, wail doas Huingel deam Giggel de Foks geschischd hat. Ai wäi kunnt dea Giggel doas da wesse? - froot dea Foks. Doas woan däi Däwwe. Däi Däwwe harre´s deam Giggel heannerim faroore. Do sucht dea Foks werra den Giggel. Dea Giggel woa äawwa näad mie do. Den harre de Gense allwail ie´n Wassagroawe geschdumbt un äasoffe, wail dea Giggel den Gense de Foks geschischd hat. Ai wäi kunnte däi Gense doas da wesse? - froot dea Foks. Doas woan däi Däwwe. Däi Däwwe harre´s den Gense heannerim faroore. Do sucht dea Foks werra de Gense. Däi Gense woan äawwa näad mie do. Däi harre de Däwwe allwail foo uuwe met Schdeecha zöugeschmeasse un ärschloo, wail de Gense den Däwwe de Foks geschischd harre. Do sucht dea Foks werra de Däwwe. Däi Däwwe woan äawwa näad mie do. Däi Däwwe woan schu werramool futgeflooche. Doas ärjerte den Foks, wail su 'e Imbrengerai woa jo keam foom Noddse. Un do kreeschd dea Foks ean gruuse Rappel, bäis sisch in ääjene Äarsch un frass sisch fo heanne häa sealbsd of. Bes näad mie foom do woa. Nua sai Mäal, doas bläib foom laije. Es kunnt sisch jo aach schlaaschd noch sealbsd gefreasse. Un däi Däwwe? - Of däi luurte schu de Habischd! Äawwa doas eas werramool e aanare Geschischde.

Hinterländer Platt

Das Hinterländer Platt, eine Varietät des Oberhessischen, zählt noch zu den älteren Dialekten in Hessen, deren Strukturen teilweise aus dem Althochdeutschen ableitbar sind und deren Lautsystem noch mit dem Mittelhochdeutschen verbunden ist. Der für fremde Ohren eigentümlich klingende Dialekt gehört den westmitteldeutschen-fränkischen Sprachgruppen an. Er bildet eine Brücke zwischen dem mittelhessischen rhreinfränkischen Süden sowie dem niederhessischen und niederdeutschen Norden. Verbreitungsgebiet dieser Mundart ist die alte hessen-darmstädtische Provinz Oberhessen mit benachbarten Gebieten im alten Kurhessen und Nassau. Das stimmlose "s" wird zu "sch“ verschliffen, das "r" wird mit der Zunge an den Gaumen gedrücktes und gerolltes retroflexes Zungen-"r"  gesprochen. Zu den weiteren Besonderheiten gehört der Wandel der stimmlosen Laute "k", "p" und "t" zu stimmhaften "g", "b" und "d", sowie das Verschleifen des "er" zu "a" vor allem in der Endsilbe (Wetterau - Wearrera). Besonders auffällig sind die sogenannten gestürzten Diphtonge. Die mittelhochdeutschen fallenden Zwielaute "ie", "üe", und "uo" erscheinen als steigende Zwielaute "äi", "oi" und "ou". Alle Diphtonge werden eindeutig betont, so dass es nicht zu einer Verwechselung beispielsweise von "ai" und "äi" kommt. Der Laut zwischen "a" und "o" wird durch "oa" realisiert. Der Buchstabe „v“ wird zum „w“ oder „f“ je nach dem Lautstand des Wortes (Vogel - Fuchel, Blumenvase - Bleammewase) und "äu" und "eu" wird zu "oi" (Kräuter - Kroira, Leute - Loire), "ch" wird zu "k" oder zu "x". Bei Eigennamen oder Sonderformen bleiben in der Regel die Standardformen der Schreibweisen bestehen.


Der Alltag als Sensation
Über Kurt Werner Sängers mttelhessische Dialektdichtung-

Von Heinrich J. Dingeldein, Deutscher Sprachatlas, Leiter der Arbeitsstelle Hessen-Nassauisches Wörterbuch, Philipps-Universität Marburg 1986

"Stadtflucht als Reaktion auf die immer noch aus ökonomischen Gründen fortwährende Landflucht, „zurück zur Natur", freilich mit Spülmaschine und Wäschetrockner im Anhänger, das sind Symptome einer Zeit, die wohl noch nicht weiß, was sie will. Zuvieles steht in Frage: Schon der Friede ist bedrohlich, wie es früher nur der Krieg sein konnte. Einen kalten Frieden erleben wir, einen Frieden voller Angst vor dem Morgen, vor der Zukunft. Ratgeber, Zeichen, sind in solchen Zeiten gefragt, sie sind unentbehrlich. Jedoch nicht solche, wie sie als Dutzendware von den Politikern angeboten werden, wohlfeil und geschliffen, laut und Applaus heischend. Es sind die leisen Töne, aus denen die Angst spricht, vielleicht auch die Zuversicht, die Menschen könnten es aus eigenem Antrieb packen.

Klaus Schlosser, Radierung 1986.
Gedichtzyklus "Innam Dach" aus "schwortswaise raabooche".

Wieder einmal sind es die Literaten, die sich als Seismographen sich ankündigender gesellschaftlicher Beben erweisen, wieder einmal sind es die Dichter, die Ängste und Hoffnungen nicht unter wissenschaftlicher Formelsprache oder hinter phrasenreichem Politikerdeutsch zu verbergen trachten. Doch wer hört auf sie? In der Regel doch nur die, welche es bereits wissen. Denn die Sprache der Literatur ist nicht jedermanns Sache; sie zu verstehen will ebenso gelernt sein wie der Jargon Hamburger Hafenarbeiter. (Wieviele geschriebene Bücher werden gedruckt, wieviele gedruckte gelesen, wieviele gelesene verstanden?) So wird es verständlich, daß ein von Ideen voller Kopf nach Wegen sucht, mit der Sprache des Volkes Wesentliches auszudrücken, ohne dem Volk nach dem Munde zu reden. Da mag es sinnvoller erscheinen, von wenigen, für Literatur sonst Tauben gut als von vielen schlecht verstanden zu werden, zumal wenn das Engagement den Wenigen gilt.

Kurt Werner Sängers Interesse gilt der Heimat, seine Sprache ist die ihre. Richtig: Heimat, auch wenn dieses Wort für Sänger ein Fremdwort bleibt. Nicht das Traumgebilde „Heimat", das einen gewissen Marktwert besitzt, dem so viele aufsitzen, „Heimat" als Synonym für Geruhsamkeit, Gleichgewicht aller Kräfte, süße Frieden. Die Beweggründe dieses Heimatbegriffs sind längst durchschaut: „Heimat" soll Trost sein für das bedrängende, bedrückende Hier und Jetzt, quasi eine Option auf ein irdisches Paradies ohne realen Kunstwert. Sängers Heimat ist die Welt der arbeitenden, schwitzenden, frierenden, hoffenden, zagenden Menschen, der Ort, die Landschaft, in denen sich Menschen lieben und streiten, sich hassen und sich versöhnen. Der Ort also, in dem alle Menschen leben, in dem sie sich auskennen und in dem sie sich zurechtfinden müssen, in dem sie sich vor dem Heute ängstigen und auf den nächsten Tag hoffen, ohne dabei die Angst zu verlieren.

Nur der Heimatlose braucht sich um nichts zu ängstigen, und nur der Heimatlose kann alle Hoffnung verlieren. Denn „heimatlos" ist nicht der, welcher sein Zuhause verlassen muß, sondern derjenige, dem die Erinnerungen an gemeinsame Werte - und seien sie noch so fragwürdig - verlorengegangen sind, derjenige, der ohne Wurzeln durch die Zeit treibt. Auf einen geographischen Namen muß ein solcher Heimatbegriff nicht fixiert sein, er kann ihn aber individuell besitzen. Kurt Werner Sängers Heimat heißt Hinterland. Oh Treppenwitz der Namengeschichte: ausgerechnet Hinterland! Ursprünglich „Hinterland" nur von der fernen Residenz Darm stadt aus gesehen, heute fast schon Synonym für die andere, „hintere" Hälfte des Landes, die Kehrseite des kraftstrotzenden und menschenbedrohenden „Vorderlandes" unserer Städte und Ballungsgebiete. Dem hessischen Hinterland zwischen dem Rothaargebirge im Norden und der Industriestadt Wetzlar im Süden, zwischen Wittgenstein und Siegerland im Westen und dem Marburger Land im Osten gilt Sängers Liebe und Kritik.

Es ist ihm - wie er es in einem seiner Gedichte ausdrückt - eine liebliche Frau, die ihn nicht will, aber dennoch sein Schatz ist. Die Sprache, die Mundart dieses Landstrichs, seine sprachlichen Bilder und Metaphern, hat er mit der Muttermilch eingesogen, die raue Melodie des Dialekts liegt ihm auf der Zunge, mit ihm vermag er die Partituren seiner Geschichten und Gedichte zu setzen: schleppend und mühsam wie der Gang des Schichtarbeiters aus dem Werkstor der Eisenhütte oder jauchzend und vergnügt wie die Kirmesburschen früherer Zeiten und die Disco-Queens unse rer Tage. Es ist eine nackte Sprache, die sagt, was gemeint ist, die ausdrückt, was gespürt wird. Es ist die Sprache der sonst Stummen. Bei ihr muß nicht erst die dicke Kruste eingängiger, papierner Floskeln abgeklopft werden, um den Kern freizulegen.

Und wovon erzählt Sänger? Von all dem, wovon Menschen träumen, worüber sie sich freuen, was ihnen Kummer bereitet, vor allem, worüber geredet wird: Vom Außenseiter, der im Alkohol ertrinkt, vom Festzug des Feuerwehrfestes, von schlechter Zeit und Schulden, von guter Zeit und Frieden. Aber auch vom Mäuserich Emil - unser aller Großmutter könnte die Geschichte erzählt haben! -, der es ver steht, der eitlen Katze ein Schnippchen zu schlagen (a.a.O.). Eine ganze Welt erschließt sich, klein, aber komplett, eine enge Welt, deren Fesseln spürbar werden, eine enge Welt, deren Wärme spürbar wird, ein Kosmos von Gefühlen. Es sind die Wörter und die Laute der mittelhessischen Mundart des Hinterlandes, die Sänger benutzt, es ist aber nicht die Sprache des Hinterländer Alltags.

Sängers Sprache, seine Sätze, Bilder und Reime wirken wie eine Lupe: Sie vermögen Dinge, die leicht übersehen werden, hervortreten, in ihren Konturen begreifbar werden zu lassen. Sie vermögen - ins rechte Licht gesetzt -wie ein Brennglas zu wirken: Feuer und Wärme spendend oder auch verletzend. Sie vermögen aber auch - und zu hoffen steht, daß sie dies breit bewirken - den Menschen des Hinterlandes ein Stück ihres Selbstvertrauens zurückzugeben, das man ihnen (oft genug gemeinsam mit der Mundart) in der Schule ausgetrieben hat. Wer einmal begriffen hat, welch breites Spektrum von Ideen mit welcher Schärfe in der sonst verachteten und verlachten Sprache der Region ausgedrückt werden kann, wird schwerlich in den Phrasen professioneller Sprücheklopfer der Medien das allein seligmachende Mittel des sprachlichen Ausdrucks suchen.

„Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft", schrieb Johann Wolfgang Goethe in seinem siebten Buch Von Dichtung und Wahrheit. Es liegt wohl an der Atemlosigkeit unserer Zeit, daß nicht mehr jede Provinz ihren Dialekt liebt, ja daß das Atemschöp fen der Seele selbst vergessen zu sein scheint. Das Atemholen der Seele, das Nachdenken auch in überkommenen, gleichwohl kritikwürdigen Kategorien ist aber eine Voraussetzung für die Gedankenkraft und Phantasie, die die Menschheit benötigt, um ihre Gegenwart auf der Erde zu bewältigen. Wir brauchen die Idylle, auch wenn sie sich uns als eine Fata Morgana offenbart, wir siegen soll. Wir brauchen den Schrei, der uns aufweckt, wenn wir vor Zufriedenheit schlaftrunken die Augen schließen. Wir brauchen Menschen, die uns einen Spiegel vorhalten, damit wir uns selbst erkennen, wenn es darauf ankommt.

Vielleicht, nein, sicher ist es Kurt Werner Sänger geglückt, ein sprachliches Panorama eines Landstrichs zu entwerfen, aus dem man sonst kaum ein Wort vernimmt. Daß er es in der notwendig kritischen, gleichwohl liebenswerten Art getan hat, daß er es für die Menschen in ihrer Sprache getan hat, sollten sie ihm hoch anrechnen; auch dann, wenn sie die eine oder andere Ansicht nicht teilen können, vor dem einen oder anderen Wort gar gehörig erschrecken. Sie sollten das Risiko der Auseinandersetzung ein gehen, mitdenken, mitfühlen, mitweinen, mitlachen, nicht zurückschrecken vor ungewohnter Schreibe, vor der Mühe des Lesens. Kurt Werner Sängers Schreie aus der Idylle, seine Präsentation des Alltags als Sensation, sind reiner Sauerstoff für das „Atem schöpfen der Seele" - nicht nur für „echte" Hinterländer, sondern für alle, die in dem einen oder dem anderen Hinterland leben. Kurt Werner Sängers Verse und Geschichten sind - wie es „Regenbögen" zu sein pflegen - Hoffnungszeichen für die Zukunft, wenn auch in den Farben der Trauer: schwarz und weiß."



















Idyll zwischen Alptraum und Sehnsucht: Hinterländer Landschaft
Obereisenhausen in Steffenberg, Autorenfoto 2010.

 
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