hinna gans
mannes häas
hemba räas
hunnat hemba
hinna gans
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 


Schwarzweiße Regenbögen - stille, rauhe Wörter aus dem Hinterland.

Wer aus dem „Blauen Bock" seine Kenntnisse des Hessischen bezogen hat, wird die lyrischen Gedichte, die Burlesken und Satiren Kurt W. Sängers wohl kaum verstehen. Denn außerhalb Hessens, ja sogar in weiten Teilen Hessens selbst - vor allem in den Industrieregionen des Rhein-Main-Gebietes -, kann sich kaum jemand vorstellen, dass es sich bei Sängers Sprache um einen hessischen Dialekt handelt. „Nordwestliches Mittelhessisch" nennt die Sprach-wissenschaft die Mundart des „Hessischen Hinterlandes", und das Mittelhessische gehört zu den altertümlichen Mundarten in Hessen. Literarisch produktiv in der „Neuen deutschen Dialektliteratur" stellte sich bislang nur das Südhessische und auf dem Südhessischen besierende „Ausgleichssprache" des Rhein-Main-Gebietes, das Neuhessische, dar. Gestürzte Diphtonge, Tripthonge, Lautverbindungen, die in der Stan-dardsprache unbekannt sind, ver-leihen dem Mittelhessischen seinen eigenartigen Reiz. Doch dies kann die Qualität der Gedichte Kurt W. Sängers nicht erklären. Es sind die Themen, die Sänger aufgreift, es ist die Wortwahl, es ist der gekonnte Umgang mit der Sprache, in der er seine ersten sprach-lichen Erfahrungen gemacht hat, in der er die Welt sprachllich begreifen lernte, in der er Wi-dersprüchlilches zuallererst zu denken, zu formulieren vermag.

Verhältnismäßig wenige Menschen sprechen sprechen und verstehen eine mittelhessische Mundart. Und diese Menschen leben nicht im Herzen einer pulsierenden Industrieregion. In weiten Teilen des mittelhessischen Dialektgebietes tragen Frauen der älteren Generation noch ihre Tracht. „Hinterland" ist Hinterland, obwohl das moderne Imagepfleger und Fremdenver-kehrspolitiker nicht allzu gerne hören werden. Aber dieses Hinterland ist nicht die beschauliche Idylle, das „liebliche Tal mit den sprudelnden Bächlein", obwohl es auf den ersten Blick so zu sein scheint. Da ist zuallererst einmal wenig Industrie, die den Leuten ein sicheres Auskommen garantieren würde; und dann mag auch da und dort hinter „maiengrünen" Büschen ein Giftfaß versteckt liegen. Der Nitratgehalt der Böden ist auch niedriger als in anderen Regionen, in denen um ihre Existenz besorgte Landwirte mit chemischer Hilfe das Letzte aus den Böden herausholen. Und die „Tugend" der dörflichen Nachbarschaft hat ihre Kehrseite in Vorurteilen, Getuschel und Illiberalität. Genug Stoff also, um Gedanken sprachlich zu verdichten. Dies so zu können, dass die Sprache authentisch bleibt, dass sie mehr noch Authentizität durch Einsicht schafft, ist Kunst, ist Dichtung.

Diese Kunst beherrscht Sänger. Das Spektrum seiner sprachlichen Möglichkeiten ist breit. Spruchgedichte von fast aphoristischer Kürze vermag er ebenso zu formulieren wie Balladen. Abgegriffene Stilformen, wie Kreuzreim, Hexameter u.a. kennt er, benutzt sie auch ab und an - nicht zuletzt als satirisches Zitat der „herkömmlichen Mundartdichtung" -, aber seine Sprache vermag zu schildern, zu analysieren und Analysen nahezulegen, ohne dabei dogmatisch, ideologisch zu werden. Unpolitisch ist dabei nichts. Aber Sängers Standpunkt ist kein parteipolitischer Standpunkt, sondern eher ein parteiischer. Er ist Partei für die Denkenden, Zweifelnden, fast Resignierenden, dennoch Kämpferischen, bei aller zum Pessimismus drängenden Einsicht Zukunft Schaffenden. Witz und Schwermut vermitteln seine Gedichte - wahrlich kein Zerrspiegel, eher ein Vergößerungsglas unserer widersprüchlichen Wirklichkeit. Und die Resonanz derjenigen, die Mittelhessisch verstehen können, ist entsprechend. Es scheint, als ob hier eine ganze Region ihre Stimme wiedergewonnen hätte. Eine Stimme, die mit Fug und Recht als Glied der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in die Kette Hinterländer Volkskunst eingeflochten werden kann - wenngleich sie (noch?) alles andere als "Volkes Stimme" ist.

Heinrich Dingeldein, Marburg / Lahn.



Um den von Sprache vollen Mund

Meine ersten Jahre, die Jahre, in denen ich Sprache und sprechen lernte, verbrachte ich in einem sächsischen Dorf, nahe bei Chemnitz. Demnach hätte es ganz selbstverständlich sein müssen, daß ich - so es meine Umgebung tat - das weiche, schlunddumpfe Sächsisch redete. So war es nicht. Es war mir nicht erlaubt. Unter sächsischen Bürgern, die etwas auf sich hielten, galt es als äußerst unschicklich, "so wie die auf der Straße" zu sprechen. Zuhause wurde Hochdeutsch gepflegt. Mein Mund, meine Zunge, mein Gaumen, die sich schon aufs Sächsische eingelassen hatten, wurden diszipliniert und umerzogen. Jeder Ausdruck, der mich in seiner Farbigkeit entzückte, mit dem es sich spielen ließ, wurde mir von den Lippen ge-wischt. Als ich zum Beispiel eine Ameise, wie ich es von Kindern im Hof gehört hatte, "Seechamsel" nannte, war meine Mutter einer Ohnmacht nahe. Das sei nicht nur sächsisch, sondern darüber hinaus auch noch unanständig.

Wir zogen fort, nach Olmütz in Mähren, ich hörte ein vom Tschechischen eingefärbtes Deutsch; doch die Zeit war zu kurz, ich konnte mich nicht einüben, obwohl meine Eltern hier weniger streng urteilten. Ein paar Jahre später, 1946, konnten sie mir - beide lebten nicht mehr -nicht ins erste, zögernd nachgesprochene schwäbische Wort fallen. DieseMundart beherrsche ich. Keine Muttersprache, keine, die am Anfang steht. Eher ein Idiom, das ich mir erst einmal lieh, um zu mir zu finden. Eine zweite Sprache als Tarnung. Ich wollte nicht auffallen, nicht anders sein, dazu gehören. Vielleicht, denke ich heute, wünschte ich mir Heimat, wenigstens in der Sprache. Eine Sprache wiederum, mit der ich Landschaft entdeckte, sie mir eigen machte. Plötzlich konnte ich die Umgebung, die spröd und fremd schien, anreden. Den Neckar, die Alb. Aber immer, bis auf den Tag, war ich mir der Enge bewußt. Die gefundene Sprache, deren zärtliche und zornige Wendungen mir halfen, zu leben und zu lieben, diese zweite, nicht eingeredete sondern aus Not nachgeredete Sprache, domestizierte mich auch.

Und ich spürte sie. Mit jedem Wort. Sie nistete sich ein unter der Zunge, drückte gegen den Gaumen, rieb die Lippen, veränderte den Kiefer. Sie setzte sich fest und ich würde sie, das begriff ich, nie mehr aus dem Mund verlieren. Selbst dann, wenn ich sie verleugnen wollte, würde sie sich sperrig ins "Hochdeutsch" stehlen. Damit habe ich mich abgefunden. Mehr noch. Damit habe ich, verspätet und nach einer Phase des un-red-lichen Widerwillens, endlich meinen zweiten Anfang akzeptiert: nicht den des Lebens, den des Schreibens. Ich höre mich, wenn ich nach Sätzen suche, zwiefach sprechen. Ich flüchte nicht in die Mundart - dann nähme sie mich im Sinne des Wortes gefangen - ich gebrauche sie, weil ich sie brauche, um einer Gestalt nah zu kommen.

Mörike kann, wenn ich von ihm erzähle, nur "I mueß hoim" sagen. Das ist eine andere Heimat. Von der weiß ich viel, soviel wie er, nur hab ich sie so wenig wie er sie hatte. Die Leserin, der Leser, die mir bis hierher folgten, werden sich verblüfft fragen, was diese Bemerkungen mit der mittelhessischen Poesie von Kurt W. Sänger zu tun haben. Ich meine sehr viel. Der Begriff Mundart bezeichnet genau, worum es geht. Um den von Sprache vollen Mund, um die Art des Sprechens. Sie zeugt von dem, woher man kommt.Und manchmal auch davon, wie.

Peter Härtling, Mörfelden-Walldorf.



Der Autor, bisher vor allem bekannt als Texter der mittelhessischen Dialektgruppe Odermennig und aus Sammelwerken, legt seinen ersten selbständigen Gedichtband vor. Namhafte Autoren geben den Gedichten das Geleit: voraus der Marburger Dialektologe Heinrich J. Dingeldein mit einem sehr prägnanten, aufschlussreichen und bemerkenswerten Essay: "Der Alltag als Sensation über Kurt Werner Sängers mittelhessische Dialektdichtung", am Schluss Peter Härtling mit einem autobiographischen Bekenntnis: "Mund-Art" - für Kurt W. Sänger. Das sollte dem Buch gut tun, das außerdem durch einen gefälligen Druck und durch acht Graphiken von Klaus Schlosser alle äußeren Voraussetzungen hat, um den anspruchsvollen Leser zu erfreuen.

Nicht, daß die Gedichte all das nötig hätten. Das Bändchen wäre vielleicht etwas schmal ausgefallen. Aber die Gedichte samt der Geschichte vom Mäuserisch Emil können durchaus für sich bestehen. Nicht nur, daß der Autor einer vergessenen Landschaft, dem "hessischen Hinterland" (zwischen Rothaargebirge und Wetzlar, Siegerland und Marburg) und seiner Sprache, ein literarisches Denkmal setzt. Es gelingt ihm auch, mit sparsamen Strichen ein erstaunlich differenziertes Bild von diesem Hinterland zu skizzieren: von den Stimmungen der Landschaft, von der Arbeit auf dem Bauernhof und in der Fabrik, von der Arbeitslosigkeit, von den Möglichkeiten einer "Selbstverwirklichung" im Dorf, von sozialer Kontrolle, den Machtgelüsten, den Ängsten und Agressionen.

Sänger greift nicht an, stellt nicht bloß. Er beschreibt, erzählt, ruhig und scheinbar distanziert, fast lakonisch, wie es dem Dialekt entspricht. Aber man spürt die Anteilnahme, das Mitleiden. Der Autor identifiziert sich mit diesem "Hinterland", das er in einem Gedicht als unzugängliche Geliebte personifiziert. Da wird nichts vorgeführt, weder exotisch unterhaltsam, noch sozialkritisch-dokumentarisch. Es ist eine Art "Ortsvermessung", eine Bestandsaufnahme, deren Ergebnis gleichermaßen den Wunsch nach Veränderung und das bittere Gefühl der Ohnmacht hervorruft. Das Ganze wird vorgetragen in einem klangvollen, bildkräftigen Dialekt, der sich gegen jeden schnellmäuligen Gebrauch sperrt, der in oberdeutschen Ohren reizvoll, aber ganz und gar fremd klingt und infolgedessen auch nicht gerade leicht zu lesen ist, wie schon der Titel zeigt: "Schwarzweiße Regenbögen".

Der Autor bietet dem Leser eine Verständnishilfe an, die ich anderen Mundartdichtern zu leidigen Problem der Übersetzung geradezu als das Ei des Kolumbus empfehlen möchte: Zu jedem Text gibt es auf der gleichen Seite eine Hilfe, die aber jedes mal anders ausfällt, von der Worterklärung über die Zusammenfassung bis zur Übersetzung, die aber nie vollständig Wort für Wort geboten wird. So fühlt sich auf der einen Seite der Leser nie hilflos, auf der anderen Seite kann er sich aber auch nicht mit diesen Hilfen begnügen, sondern er muß sich in jedem Fall selbst mit dem mundartlichen Text abmühen, wenn er diesen ganz erfassen will. So bleibt das dichterische Wort in seinem Recht, ohne daß es deswegen der Sprachbarriere zum Opfer fällt. Und genau das ist den Gedichten sehr zu wünschen, die in ihrem subtilen Rhythmus, in ihrem Klangreichtum und in der Bildkraft der Landschaftsschilderungen einen hohen poetischen Reiz haben.

Norbert Feinäugle, Weingarten.
___________________________________

schwortswaise raabooche - Mit Radierungen von Klaus Schlosser und Beiträgen von Peter Härtling und Heinrich J. Dingeldein, Jonas Verlag Marburg, 1987, ISBN 3-92-2561-53-5.


Top