hinna gans
hemba räas
mannes häas
hunnat hemba
hinna gans
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 


Anmerkungen zur Geschichte der Industrialisierung und Landflucht in Mittelhessen.

Die Dialekte in Hessen unterliegen nicht erst seit heute einem Sprachwandel. Der einst in sich geschlossene Arbeitsplatz "Dorf" als sprachlicher und kultureller Lebensmittelpunkt ist bereits mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der Wanderbewegung der Arbeiter in die Industriemetropolen obselet geworden. Die menschliche Arbeitskraft wird zur Ware wie der Arbeiter selbst. Es entstehen neue Berufe, deren Begrifflichkeiten und Inhalte in die Dialekte übernommen werden müssen. Größtes Unternehmen in der Eisenverhüttung, dem Bau von Hochöfen und der Gießereien wird das Mitte des 18. Jahrhunderts in Hirzenhain im Vogelsberg gegründete Buderus-Unternehmen. Mit späterem Hauptsitz Mitte des 19. Jahhunderts in Wetzlar erlangt das Unternehmen auf den europäischen Stahlmärkten eine Spitzenposition.

Georg Büchner
- 1813 - 1837 (Bleistiftzeichnung von August Hoffmann um 1835). Der Mitautor des "Hessischen Landboten" setzt in seinem Sozialdrama "Woyzeck" bewusst die Umgangssprache ein. Das Ineinanderschieben der verschiedenen Sprachebenen von Herrschaftssprache und der dialektal ausgerichteten Umgangssprache von Woyzeck wird zum Stilmittel des Dramas, das erst 1913 in München uraufgeführt wird.

Die Hochöfen und Gießereien werden im Lahn-Dill-Gebiet sowie der Erzabbau von Roteisen, unter anderem im Schelderwald, systematisch ausgebaut. Das alles wird nur möglich durch den Bau der Eisenbahn, die selbst auf die Stahlproduktion als Eisen-Bahn angwiesen ist. Mittelhessen wird zum Industriestandort mit Anschluss an den europäischen Markt. Der Baubeginn der bereits 1838 geplanten Main-Weser-Bahn von Frankfurt über Gießen und Marburg nach Kassel datiert auf das Jahr 1845, vollendet wird die zweigleisige Strecke im Jahr 1865.

Die Industrialisierung steht unter Dampf und kommt mächtig in Fahrt. Das abseits gelegene Dörfchen tickt nun auf die Minute gleich mit den Bahnhofsuhren der Industriestädte. Die Provinz wird neu vermessen, deren Mäuler aufs Neue geschliffen. Entlang den Bahnlinien wird die vertraute Landschaft radikal umgekrempelt. Berge werden untertunnelt, Täler mit mächtigen Viadukten überbrückt, und nicht selten werden die bis dahin geschlossenen Landschaften und Kulturräume durch Bahndämme zerteilt. Des Weiteren werden die Zeit- und Raumbegriffe durch den Bau der Eisenbahn einer radikalen Wandlung unterzogen. Verknüpft die Zeitangabe "Mia winn baim Kornoabmache werra do sai" (Wir wollen zur Getreidernte wieder daheim sein) noch Landschaft, Arbeit und Lebensraum, so dürfte der Schalterbeamte Schwierigkeiten haben, danach ein "Retour Billett" nach Fahrplan, Uhrzeit und Zugnummer auszustellen.

Entsprechend wird die bisherige fassbare Landschafts-Erfahrung mit dem Blick aus dem noch in drei Klassen ausgerichteten Abteilfenster zum Erlebnisraum einer fotografischen Fläche und der originären Erfahrung entzogen und neu definiert, ganz ähnlich dem heutigen Blick aus dem Orbit auf den Planeten Erde. Die Moderne findet ihren Rahmen, währenddessen die Romantik in ihrer schnulzigen Glückseligkeit eines Caspar David Friedrich (1774 - 1840) und seinen Epigonen versinkt. Am Ende ist es Heinrich Heine, der ihnen mit seinen Essays zur "Romantischen Schule" journalistisch aus dem Pariser Exil die Leviten liest.

Siedlungsdruck in den Städten und vermehrter Landverbrauch in den Provinzen an den neuen Bahnhöfen bewirken einen Bauboom bis dahin unbekanntem Ausmaß. Der Bahnhof läuft mit seiner obligatorischen Kneipe der Kirche den Rang als Mittelpunkt des Provinzstädtchens ab. Die Bahnhöfe selbst werden Kathedralen und der Bahnhofskiosk wird mit seinen überregionalen Zeitungen zum Kulturvermittler. Die bodenständige Scholle wird als Pachtland zur Immobilie und selbst zur Ware wie die Lebensmittelproduktion durch Mechanisierung und durch die Entwicklung der mineralischen Düngung und der Agrochemie durch den in Gießen lehrenden Chemieprofessor Justus von Liebig (1803 - 1873) zur Agrarindustrie umgewandelt. Der Dampfpflug ersetzt das Pferdegespann in der Furche. Aus dem Wetterauer Stallknecht wird ein Maschinist und die lokomotive Dreschmaschine macht die Wander- und Saisonarbeiter aus dem Hinterland, dem Vogelsberg und der Rhön, die Fulder und Schnitter, arbeitslos. Sie werden rechtlose Fabrikarbeiter - oder Landstreicher. Andere reihen sich in die Masse der Auswanderer nach Amerika ein.  

Die Industrialisierung verändert nicht nur nur die Lebens- und Wirtschaftsräume auch in Hessen, sie manifestiert sich auch in den Köpfen und in den Dialekten, die je nach ihren lokalen Besonderheiten in Ungleichzeitigkeiten ihrer Butzenscheibenromantiken verharren oder sich anpassen, wollen sie ihren Verkehrswert erhalten. Das kapitalistische Geschäftsmodell löst die alten feudalen und restaurativen Herrschaftsstrukturen auf - auch in der Obrigkeitssprache in den Provinzen. Aber Heinrich Heine (1797 - 1858) traut der Sache nicht. Ihm ist das alles ein "Wintermärchen" (1843) und lästert aus dem Pariser Exil: "Ja ganz verschwand die Fuchtel nie, sie tragen sie jetzt im Innern, das trauliche Du wird immer noch an das alte Er erinnern." Doch mit den Verwaltungs- und Schulreformen wird schließlich die Zweisprachigkeit auch in Hessen etabliert wie die nachgehende Entwicklung des Verkehrswesens und der Medien bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts die moderne Standardsprache als Hauptsprache faktisch durchsetzt.

Die Kehrseite der Industrialisierung liegt in der massenhaften Verarmung (Pauperismus), in politischer Unterdrückung und im Niedergang des Handwerkes, insbesondere in der Textilverarbeitung der Weber. Nach der Julirevolution 1830 in Frankreich kommt es auch in Hessen, insbesondere in der Wetterau und im Vogelsberg, zu Aufständen und blutigen Revolten wie das "Blutbad in Södel" (1830) in der Wetterau, verfassen Georg Büchner (1813 - 1837) und Ludwig Weidig (1791 - 1837) den "Hessischen Landboten", der 1834 zum Umsturz auffordert. In Gießen gründen Büchner und Studenten mit Handwerkern und Gesellen eine Geheimgesellschaft - die Gesellschaft für Menschenrechte. Die Dialekte werden in den Dörfern mit demokratischen Inhalten und Begriffen infiltriert und in den Katschemmen und Spelunken beim "Dispedäiern" (Disputieren) weitergetragen.

Die Verfechter der Restauration und deren Polizeibüttel treffen auf die Revolutionäre des Vormärz, wo andere sich in der bräsigen Bie(r)dermeierlichkeit bequem machen. Doch politische Verfolgung und Kerker, Folter und Tod sind das Tagesgeschäft. Nicht zuletzt sind es Karl Marx (1818 - 1883) und Friedrich Engels (1820 - 1895), die mit einem Paukenschlag ihr Kommunistisches Manifest (1848) auf den Schanktisch der Geschichte schmettern. Ein politisches Gespenst geht um, das auch den gebürtigen Gießener Wilhelm Liebknecht (1826 - 1900) erfasst. Er wird zum Mitbegründer der Sozialdemokratie.

Mitte des 19. Jahrhunderts und nach der vergeigten 1848-er Revolution kommt es zu Massenauswanderungen nach Amerika. Ganze Weiler werden aufgegeben, Dörfer entlehrt mit dem Ziel, in der Fremde eine neue Heimat aufzubauen. Geschäftige Auswanderungs-Agenten in den Provinzen - heute würde man von "Schleppern" reden - verdienen sich hierbei mit den Reedereien überladener Auswanderungsschiffe über den Atlantik eine goldene Nase. Doch diese neue Heimat wird nur durch den Raub an Land der Ureinwohner und der nachfolgende Reichtum erst durch die Arbeit rechtloser Sklaven möglich, deren Heimat wiederum in Ketten gelegt wird. Insofern ist die Freiheitsstatue in New York der blanke Hohn.


Von Heinrich Dingeldein, Leiter der Arbeitsstelle "Hessen-Nassauisches Wörterbuch" an der Philips-Universität Marburg (1986).


"Stadtflucht als Reaktion auf die immer noch aus ökonomischen Gründen fortwährende Landflucht, „zurück zur Natur", freilich mit Spülmaschine und Wäschetrockner im Anhänger, das sind Symptome einer Zeit, die wohl noch nicht weiß, was sie will. Zuvieles steht in Frage: Schon der Friede ist bedrohlich, wie es früher nur der Krieg sein konnte. Einen kalten Frieden erleben wir, einen Frieden voller Angst vor dem Morgen, vor der Zukunft. Ratgeber, Zeichen, sind in solchen Zeiten gefragt, sie sind unentbehrlich. Jedoch nicht solche, wie sie als Dutzendware von den Politikern angeboten werden, laut und Applaus heischend. Es sind die leisen Töne, aus denen die Angst spricht, vielleicht auch die Zuversicht, die Menschen könnten es aus eigenem Antrieb packen. Wieder einmal sind es


Klaus Schlosser, Radierung 1986.
Gedichtzyklus "Innam Dach" aus "schwortswaise raabooche".

die Literaten, die sich als Seismographen ankündigender gesellschaftlicher Beben erweisen, wieder einmal sind es die Dichter, die Ängste und Hoffnungen nicht unter wissenschaftlicher Formelsprache oder hinter phrasenreichem Politikerdeutsch zu verbergen trachten. Doch wer hört auf sie? In der Regel doch nur die, welche es bereits wissen. Denn die Sprache der Literatur ist nicht jedermanns Sache; sie zu verstehen will ebenso gelernt sein wie der Jargon Hamburger Hafenarbeiter. (Wieviele geschriebene Bücher werden gedruckt, wieviele gedruckte gelesen, wieviele gelesene verstanden?) So wird es verständlich, daß ein von Ideen voller Kopf nach Wegen sucht, mit der Sprache des Volkes Wesentliches auszudrücken, ohne dem Volk nach dem Munde zu reden. Da mag es sinnvoller erscheinen, von wenigen, für Literatur sonst Tauben gut als von vielen schlecht verstanden zu werden, zumal wenn das Engagement den Wenigen gilt.

Kurt Werner Sängers Interesse gilt der Heimat, seine Sprache ist die ihre. Richtig: Heimat, auch wenn dieses Wort für Sänger ein Fremdwort bleibt. Nicht das Traumgebilde „Heimat", das einen gewissen Marktwert besitzt, dem so viele aufsitzen, „Heimat" als Synonym für Geruhsamkeit, Gleichgewicht aller Kräfte, süße Frieden. Die Beweggründe dieses Heimatbegriffs sind längst durchschaut: „Heimat" soll Trost sein für das bedrängende, bedrückende Hier und Jetzt, quasi eine Option auf ein irdisches Paradies ohne realen Kunstwert. Sängers Heimat ist die Welt der arbeitenden, schwitzenden, frierenden, hoffenden, zagenden Menschen, der Ort, die Landschaft, in denen sich Menschen lieben und streiten, sich hassen und sich versöhnen. Der Ort also, in dem alle Menschen leben, in dem sie sich auskennen und in dem sie sich zurechtfinden müssen, in dem sie sich vor dem Heute ängstigen und auf den nächsten Tag hoffen, ohne dabei die Angst zu verlieren.

Nur der Heimatlose braucht sich um nichts zu ängstigen, und nur der Heimatlose kann alle Hoffnung verlieren. Denn „heimatlos" ist nicht der, welcher sein Zuhause verlassen muß, sondern derjenige, dem die Erinnerungen an gemeinsame Werte - und seien sie noch so fragwürdig - verlorengegangen sind, derjenige, der ohne Wurzeln durch die Zeit treibt. Auf einen geographischen Namen muß ein solcher Heimatbegriff nicht fixiert sein, er kann ihn aber individuell besitzen. Kurt Werner Sängers Heimat heißt Hinterland. Oh Treppenwitz der Namengeschichte: ausgerechnet Hinterland! Ursprünglich „Hinterland" nur von der fernen Residenz Darm stadt aus gesehen, heute fast schon Synonym für die andere, „hintere" Hälfte des Landes, die Kehrseite des kraftstrotzenden und menschenbedrohenden „Vorderlandes" unserer Städte und Ballungsgebiete. Dem hessischen Hinterland zwischen dem Rothaargebirge im Norden und der Industriestadt Wetzlar im Süden, zwischen Wittgenstein und Siegerland im Westen und dem Marburger Land im Osten gilt Sängers Liebe und Kritik.

Es ist ihm - wie er es in einem seiner Gedichte ausdrückt - eine liebliche Frau, die ihn nicht will, aber dennoch sein Schatz ist. Die Sprache, die Mundart dieses Landstrichs, seine sprachlichen Bilder und Metaphern, hat er mit der Muttermilch eingesogen, die raue Melodie des Dialekts liegt ihm auf der Zunge, mit ihm vermag er die Partituren seiner Geschichten und Gedichte zu setzen: schleppend und mühsam wie der Gang des Schichtarbeiters aus dem Werkstor der Eisenhütte oder jauchzend und vergnügt wie die Kirmesburschen früherer Zeiten und die Disco-Queens unse rer Tage. Es ist eine nackte Sprache, die sagt, was gemeint ist, die ausdrückt, was gespürt wird. Es ist die Sprache der sonst Stummen. Bei ihr muß nicht erst die dicke Kruste eingängiger, papierner Floskeln abgeklopft werden, um den Kern freizulegen.

Und wovon erzählt Sänger? Von all dem, wovon Menschen träumen, worüber sie sich freuen, was ihnen Kummer bereitet, vor allem, worüber geredet wird: Vom Außenseiter, der im Alkohol ertrinkt, vom Festzug des Feuerwehrfestes, von schlechter Zeit und Schulden, von guter Zeit und Frieden. Aber auch vom Mäuserich Emil - unser aller Großmutter könnte die Geschichte erzählt haben! -, der es ver steht, der eitlen Katze ein Schnippchen zu schlagen (a.a.O.). Eine ganze Welt erschließt sich, klein, aber komplett, eine enge Welt, deren Fesseln spürbar werden, eine enge Welt, deren Wärme spürbar wird, ein Kosmos von Gefühlen. Es sind die Wörter und die Laute der mittelhessischen Mundart des Hinterlandes, die Sänger benutzt, es ist aber nicht die Sprache des Hinterländer Alltags.

Sängers Sprache, seine Sätze, Bilder und Reime wirken wie eine Lupe: Sie vermögen Dinge, die leicht übersehen werden, hervortreten, in ihren Konturen begreifbar werden zu lassen. Sie vermögen - ins rechte Licht gesetzt -wie ein Brennglas zu wirken: Feuer und Wärme spendend oder auch verletzend. Sie vermögen aber auch - und zu hoffen steht, daß sie dies breit bewirken - den Menschen des Hinterlandes ein Stück ihres Selbstvertrauens zurückzugeben, das man ihnen (oft genug gemeinsam mit der Mundart) in der Schule ausgetrieben hat. Wer einmal begriffen hat, welch breites Spektrum von Ideen mit welcher Schärfe in der sonst verachteten und verlachten Sprache der Region ausgedrückt werden kann, wird schwerlich in den Phrasen professioneller Sprücheklopfer der Medien das allein seligmachende Mittel des sprachlichen Ausdrucks suchen.

„Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft", schrieb Johann Wolfgang Goethe in seinem siebten Buch Von Dichtung und Wahrheit. Es liegt wohl an der Atemlosigkeit unserer Zeit, daß nicht mehr jede Provinz ihren Dialekt liebt, ja daß das Atemschöp fen der Seele selbst vergessen zu sein scheint. Das Atemholen der Seele, das Nachdenken auch in überkommenen, gleichwohl kritikwürdigen Kategorien ist aber eine Voraussetzung für die Gedankenkraft und Phantasie, die die Menschheit benötigt, um ihre Gegenwart auf der Erde zu bewältigen. Wir brauchen die Idylle, auch wenn sie sich uns als eine Fata Morgana offenbart, wir siegen soll. Wir brauchen den Schrei, der uns aufweckt, wenn wir vor Zufriedenheit schlaftrunken die Augen schließen. Wir brauchen Menschen, die uns einen Spiegel vorhalten, damit wir uns selbst erkennen, wenn es darauf ankommt.

Vielleicht, nein, sicher ist es Kurt Werner Sänger geglückt, ein sprachliches Panorama eines Landstrichs zu entwerfen, aus dem man sonst kaum ein Wort vernimmt. Daß er es in der notwendig kritischen, gleichwohl liebenswerten Art getan hat, daß er es für die Menschen in ihrer Sprache getan hat, sollten sie ihm hoch anrechnen; auch dann, wenn sie die eine oder andere Ansicht nicht teilen können, vor dem einen oder anderen Wort gar gehörig erschrecken. Sie sollten das Risiko der Auseinandersetzung ein gehen, mitdenken, mitfühlen, mitweinen, mitlachen, nicht zurückschrecken vor ungewohnter Schreibe, vor der Mühe des Lesens. Kurt Werner Sängers Schreie aus der Idylle, seine Präsentation des Alltags als Sensation, sind reiner Sauerstoff für das „Atem schöpfen der Seele" - nicht nur für „echte" Hinterländer, sondern für alle, die in dem einen oder dem anderen Hinterland leben. Kurt Werner Sängers Verse und Geschichten sind - wie es „Regenbögen" zu sein pflegen - Hoffnungszeichen für die Zukunft, wenn auch in den Farben der Trauer: schwarz und weiß."




















Zwischen Alptraum und Sehnsucht: Hinterländer Sommerlandschaft.
Obereisenhausen in Steffenberg, Autorenfoto 2010.


Siehe hierzu auch "Reinekes Ende" in hochdeutscher Fassung.

Es woa emool ean Foks, dea wollt e Huingel freasse. Äawwa doas Huingel wollt nit gefreasse wean. Do säät doas Huingel deam Foks, he sillt´n aal Giggel freasse. Dea wea suwisu baal droo un raif fean Kochgrobbe. Do moschd sisch dea Foks noom Giggl. Wäi dea Foks baim Giggel woa un den freasse wollt, froot dea Giggel den Foks, worim deere da nit däi Gense freasse? He wea´s Leewe lang nua hinnan Hoinga häagelaafe un dobai su dorr woan, wäi nirremool e Gebinsche Schdruu gesai kinnt. O eam wea näad ze freasse, nua Fearran un Gnoche. Do moschd sisch dea Foks bai de Gense. Däi sääre äawwa, he sillt doch nochemool of Kreastdoag werrakomme, da wean se da aach oddlisch fädde un goa noch ze broore. He sillt sisch doch däi Däwwe foom Dach lange, wann he groat suu´n uuflerischde Hunga hät. Däi Däwwe wean zöu näat göut, nua zöum Freasse. Do schdäig dea Foks noon Däwwe nof. Däi Däwwe äawwa flooche fut un räife´m äas de Loft, he sillt sisch doch doas Huingel lange. Do sucht dea Foks werra doas Huingel. Doas Huingel woa äawwa näad mie do. Doas hat de Giggel allwail duutgepeggd, wail doas Huingel deam Giggel de Foks geschischd hat. Ai wäi kunnt dea Giggel doas da wesse? - froot dea Foks. Doas woan däi Däwwe. Däi Däwwe harre´s deam Giggel heannerim faroore. Do sucht dea Foks werra den Giggel. Dea Giggel woa äawwa näad mie do. Den harre de Gense allwail ie´n Wassagroawe geschdumbt un äasoffe, wail dea Giggel den Gense de Foks geschischd hat. Ai wäi kunnte däi Gense doas da wesse? - froot dea Foks. Doas woan däi Däwwe. Däi Däwwe harre´s den Gense heannerim faroore. Do sucht dea Foks werra de Gense. Däi Gense woan äawwa näad mie do. Däi harre de Däwwe allwail foo uuwe met Schdeecha zöugeschmeasse un ärschloo, wail de Gense den Däwwe de Foks geschischd harre. Do sucht dea Foks werra de Däwwe. Däi Däwwe woan äawwa näad mie do. Däi Däwwe woan schu werramool futgeflooche. Doas ärjerte den Foks, wail su 'e Imbrengerai woa jo keam foom Noddse. Un do kreeschd dea Foks ean gruuse Rappel, bäis sisch in ääjene Äarsch un frass sisch fo heanne häa sealbsd of. Bes näad mie foom do woa. Nua sai Mäal, doas bläib foom laije. Es kunnt sisch jo aach schlaaschd noch sealbsd gefreasse. Un däi Däwwe? - Of däi luurte schu de Habischd! Äawwa doas eas werramool e aanare Geschischde.


Zum Üben mit dem gedanklichen Behelf einer Kanne Murmelsteine im Maul.

Das Hinterländer Platt, eine Varietät des Oberhessischen, zählt noch zu den älteren Dialekten in Hessen, deren Strukturen teilweise aus dem Althochdeutschen ableitbar sind und deren Lautsystem noch mit dem Mittelhochdeutschen verbunden ist. Der für fremde Ohren eigentümlich klingende Dialekt gehört den westmitteldeutschen-fränkischen Sprachgruppen an. Er bildet eine Brücke zwischen dem mittelhessischen rhreinfränkischen Süden sowie dem niederhessischen und niederdeutschen Norden. Verbreitungsgebiet dieser Mundart ist die alte hessen-darmstädtische Provinz Oberhessen mit benachbarten Gebieten im alten Kurhessen und Nassau. Das stimmlose "s" wird zu "sch“ verschliffen, das "r" wird mit der Zunge an den Gaumen gedrücktes und gerolltes retroflexes Zungen-"r"  gesprochen. Zu den weiteren Besonderheiten gehört der Wandel der stimmlosen Laute "k", "p" und "t" zu stimmhaften "g", "b" und "d", sowie das Verschleifen des "er" zu "a" vor allem in der Endsilbe (Wetterau - Wearrera). Besonders auffällig sind die sogenannten gestürzten Diphtonge. Die mittelhochdeutschen fallenden Zwielaute "ie", "üe", und "uo" erscheinen als steigende Zwielaute "äi", "oi" und "ou". Alle Diphtonge werden eindeutig betont, so dass es nicht zu einer Verwechselung beispielsweise von "ai" und "äi" kommt. Der Laut zwischen "a" und "o" wird durch "oa" realisiert. Der Buchstabe „v“ wird zum „w“ oder „f“ je nach dem Lautstand des Wortes (Vogel - Fuchel, Blumenvase - Bleammewase) und "äu" und "eu" wird zu "oi" (Kräuter - Kroira, Leute - Loire), "ch" wird zu "k" oder zu "x". Bei Eigennamen oder Sonderformen bleiben in der Regel die Standardformen der Schreibweisen bestehen.


Szenische Lesung mit einem Takt gebenden Metronom.

lischd oomache wägga äasmache offschdie raadjo oomache kaffee offschdänn säa föuran noon hoinga gugge noom wearra gugge bottan schmean tärmoskann follmache ean muffel froischdegge ofn oabtret gie raadjo äasmache of de äawwa gugge däsche neamme gie ofn fritz woate oos loddogeald denke zigarädde schdäpseln ofn fritz woate raache ieschdaie schwaie raache of de äawwa gugge of de äabt foan äasschdaie ie de halle gie schdeache imzäie raache of de äawwa gugge maschin oomache schräwwe driä maschin äasmache of de äawwa gugge päase mache bildzairung lange ean muffel froischdegge of de äawwa gugge maschin oomache schräwwe driä maschin äasmache of de äawwa gugge meddoag mache rimschdie noom wearra gugge loddo mache rimschdie maschin oomache schräwwe driä maschin äasmache kiste schdänn kiste futfoan schdeggzoan äasräacheln lesse schdeggzoan ofschraiwe lesse schdeggzoan schdempeln lesse schdeggzoan innaschraiwe lesse maschin of null schdänn noo ́m ööl gugge schdeache of de äawwa gugge äas de halle gie ofn fritz woate raache ofn fritz woate ieschdaije werran doag rim sa heemfoan säa föuran ean muffel easse deam frieda ea kwäddsche blegge groas miäe noom gesangfaain gie of de äawwa gugge färnseh oomache bäia lange brogramm ennan bäia lange brogramm ennan bäia lange brogramm ennan bäia lange bäia lange färnseh äasmache of de äawwa gugge hoinga zöumache noo de säa gugge noom wearra gugge sisch wäsche zöuschläise ofn oabtrett gie sisch lääje wägga oomache lischd äasmache


Nachdem es die Gassen und Winkel einige Male durchschritten hatte ohne einer Menschenseele gewahr zu werden, traf es auf den stummen Tischlermeister Trenkel, der mit einem rumpelnden Wägelchen seine frisch gezimmerten Schemel und Särge über das grobe Pflaster bugsierte. Ob es eine Einkehr gebe, unterbrach das Männchen den Tischlermeister bei seiner Arbeit, der ihm mit einem frohen Gesicht und einem wippenden Zigarrenstumpen zwischen den Lippen und wohlmeinenden Gesten den Weg zum Wirtshaus zeigte. Zum Dank für dessen Herzlichkeit kramte das Männchen aus seinem Rucksack einen der Sonne nach funkelnden Stein heraus, den er Trenkel schenkte. Er möge diesen Stein in gute Verwahrung nehmen, mahnte das Männchen, denn er besitze die Kraft, in Zeiten der Not sich zu vermehren aber auch den hässlichen Neid und das grobe Geschwätz unter den Menschen zu schüren. Dann ging es mit festem Schritt auf das Wirtshaus zu, dessen schiefes und von der Sonne gebleichtem Türschild „Zum Vetterleswirt“ auf die Geschäfte vergangener Zeiten hindeutete. Den Wirt, ein mit einem blaugelben Wams bekleideter hemdsärmeliger, stämmiger Kerl mit auffallendem rosa Gesicht und einer an eine elektrische Steckdose erinnernde Stuppelnase, fand es, wie alles Leben in Liewletrod, in einem dumpfen Dämmerzustand vor. Nur der Zapfhahn machte sich durch ein gelegentliches Glucksen und Röcheln bemerkbar, einem Rülpsen ähnlich, als wollte er sich der noch verbliebenen sauren Luft im Bierfass vergangener Trinkgelage entledigen.

Es bedurfte einiger Mühe des Männchens, sich dem Wirt gegenüber bemerkbar zu machen. Durch kräftiges Poltern mit der Faust auf den Schanktisch und mit heftigen Tritten gegen die Schanktür, wodurch deren gläserne Fassung entzwei sprang, gelang es ihm, den Wirt zu erwecken, der im Augenblick des Schreckens mit weit geöffneten Augen und mit nicht minder offenem Maule das sonderbare Geschöpf anstarrte. Durchaus hätte es dem Wirt auch scheinen können, wollte man seinem Entsetzen im Gesicht nach urteilen, dass er für sich selbst einen Augenblick geglaubt haben mochte, in einer ihm entrückten Welt angekommen zu sein, doch war er längst in derselben anwesend, ohne dies seinem Verstand nach gegenwärtig zu sein. Mit keuchendem Atem um Fassung ringend läutete er nach seiner hageren und mit einer blau geblümten Schürze bekleideten Frau, die mit müden Schritten herbei schlurfte. Auch ihr widerfuhr beim Anblick des Männchens ein großes Schaudern, dass ihr zu einem Dutt aufgebundenen grauen Haarschopf ins Wanken geriet.

Aber all dies kümmerte das Männchen nicht. Es war sich der Fremdheit seiner Erscheinung wohl bewusst wie in der Überzeugung sicher, dass es, wenn es nur seine Angelegenheit gemacht und als ziviler Mensch in angemessenem Aussehen jede Verwirrtheit, die den Augenblick bestimmte, geglättet habe, sei auch der Schrecken gebannt, den es einstweilen verbreitete. Allein nur die Beobachtung, dass sowohl der Wirt als auch dessen Frau zwar des Hörens so doch nicht des Sprechens imstande waren, weckte seine ganze Aufmerksamkeit. Denn sie unterhielten sich in einer stummen Sprache mit wirbelnden Gesten und Handzeichen, jedoch in einer heftigen Art, danach man glauben mochte, sie verprügelten sich zugleich. Ihre Gebärden erinnerten an ein Fechten oder Stoßen, derart, hätte man es in Worte übersetzt, eher einem lauten Geplärre oder einem heftigen Ringen gleichgekommen wäre. Doch in ihren Augen glänzte zugleich ein tiefes Verlangen nach einem Schäufelchen voll von Glück und einem heiteren Leben des Sprechens.
 
Ob ein Kanten Brot zu haben sei, mischte das Männchen sich in den lautlosen Zwist ein, auch sei ihm ein Schluck Wasser willkommen. Bezahlen könne es einstweilen nur mit Steinen, die es freilich in reichlicher Anzahl und in verschiedenen Größen und Farben anzubieten habe, betonte das Männchen und fügte hinzu, dieses Geschäft solle dem Wirt nicht zum Schaden sein. Wenn auch die Wirtsfrau diesem seltsamen Handel, Brot gegen Steine, mit Neugierde gegenüber stand, so lehnte der Wirt dieses sonderbare Angebot mit einer schroffen Geste der Verachtung ab und stieß den Sonderling aus dem Wirtshaus hinaus. Gewiss, es hätte die Sache gescheiter angehen können, dachte das Männchen, wenn es die besonderen Umstände der Steine deutlicher mitgeteilt hätte, aber dies schien ihm angesichts des groben Benehmens des Wirtes nicht mehr der Mühe wert. So ging es des Wegs ohne besonderes Ziel und gescheiten Nutzen für sich selbst und für jedermann dahin.

Als es einige hundert Schritte später die Dorfmauer von Liewletrod hinter sich gelassen hatte, stieß es am Wegrand auf einen vermoderten Wurzelstock, dessen Unterseite sich in nasser Fäulnis darbot. In den Kuhlen des faulenden Holzes hoffte es auf Wasser, auf das es seit Stunden schon dürstete und das ihm im Wirtshaus so grob verwehrt worden war. Mit bloßen Händen begann es das moderige Holz aufzubrechen, das, je tiefer es fasste, tatsächlich eine kühle Feuchte, gar noch eine Quelle verhieß. Doch plötzlich sprach eine leises aber barsches Stimmchen aus dem Holzstumpf heraus: „Was hast du da zu kratzen!?“ - „Ich suche eine Handvoll Wasser zu finden, wenn´s recht ist!?“ - antwortete das Männchen und blickte mit Erstaunen um sich. 

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