hinna gans
hemba räas
mannes häas
hunnat hemba
hinna gans
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 


Ansprachen der Lebenden an den Tod.

Die Gewissheit des Todes wird seit dem frühen Mittelalter in Allegorien der bildenden Künste thematisiert. Der Tod tritt als personifiziertes Gerippe in Erscheinung, als Sensenmann, der die Seelen von den Leibern trennt und den Tod herbeiführt. Ausgehend von einem Fotoprojekt des Hinterländer Landarztes Rudolf Kraft entstanden bisher sieben Oden im Hinterländer Dialekt.


Foom Duud e Bild mache - Hinnalenna Duuredaans
Vom Tod ein Bild machen - Hinterländer Totentanz
Foto: Dr. Rudolf Kraft, Angelburg-Gönnern (2006).

Der Totentanz in Fotografien ist unter www.totentanz-online.de abrufbar.

Zweiter Gesang (Auszug)
Der Tod und die Gewissheit

Orgelspiel
Der Chor (im Sprechgesang)

Duud - Döu beasd ois de gruuse Meesta
Tod - Du bist uns der große Meister
 
Der Prediger (auf der Kanzel)
 
Döu schledst de Takt - kea soiht den Trummla
Du schlägst den Takt - keiner sieht den Trommmler
No deam mia daanse und Dia fafann
Nach dem wir tanzen und Dir verfallen
Deam Daans sai mia Dia faschbroche
Diesem Tanz sind wir Dir versprochen
Beast Döu ois schu baigegeawe
Bist Du uns schon beigegeben
Wäi mia Dasch ie ois tra
Wie wir Dich in uns tragen
Ie Daim kaale Häas ze wuun
In Deinem kalten Haus zu wohnen
Ie doas mia ietreere mirre
In das wir eintreten müssen
Wann Döu ois ieledst un roifst: Kommt häa!
Wenn Du uns einlädst und rufst: Kommt her!

Met leere Däsche un Henn
Mit leeren Taschen und Händen
Als de lädste Besuch of deen mia ois
Als den letzten Besuch auf den wir uns
E Leewe lang ofmache
Ein Leben lang aufmachen

Uune oozeklobbe
Ohne anzuklopfen

Hinna deam Döu de Dea zöuschledst
Hinter dem Du die Tür zuschlägst
Wann ma do sai
Wenn wir da sind
Ean jeeda no saim Weeg - wäi wait un
Ein jeder nach seinem Weg - wie weit und
Schdeenisch aach imma
Steinig auch immer

Der Prediger
(heftig, erregt mit aufgekrempelten Talarärmel zum Himmel gestikulierend)

Döu triumfiasd eawa Gott un de Doiwel
Du triumpfierst über Gott und den Teufel
Alee - Döu beast ois geweass!
Allein - Du bist uns gewiss!
Dasch mirre ma oneamme
Dich müssen wir annehmen
Als dea Eezischde
Als der Einzige
Deen mia nit beträie kinn
Den wir nicht betrügen können

Döu nimmsd ois foom Plooche, Schachan un Schean
Du nimmst uns vom Plagen, Schachern und Schinden
Uune Häas, Geald un Schoia kimmt Dai Raisch
Ohne Haus, Geld und Scheuer kommt Dein Reich
Döu nimmsd ois o de lädste Haand
Du nimmst uns an die letzte Hand
Giast merr ois naggischd
Gehst mit uns nackt
Ofn lädste Weeg boarwes - uune Hemd un alles
Auf den letzten Weg barfuß - ohne Hemd und alles
Wäi ma gekomme sai - gie ma
Wie wir gekommen sind - gehen wir
Nimmsd Döu ois foom lädste Desch un Schoabbe weg
Nimmst Du uns vom letzten Tisch und Schoppen weg
Uune nochmool Loft ze schnappe groat su
Ohne noch einmal Luft zu schnappen gerade so
Wäi ma de lädste Bleamme bleggd
Wie man die letzten Blumen pflückt

Un im lädste Soifza
Und im letzten Seufzer
Ärschdeggd de Sunn im Himmel
Erstickt die Sonne im Himmel
Fällt de Weand of de Ea roab un
Fällt der Wind auf die Erde herab und
Hält sain Oore o - fea imma un alles eas schdell
Hält seinen Odem an - für immer und alles ist still

Orgelspiel
Der Chor (im Sprechgesang)

Duud - Döu beast ois de gruuse Meesta
Tod – Du bist uns der große Meister
 
Der Prediger
Amen


"Man mutet sich so leichtfertig anderen Menschen zu, und dabei kann man sich kaum selbst ertragen." Wolfgang Borchert, Heimat- und Trümmerdichter (1921 - 1947).

Entschuldigung – Kennen wir uns?
Nein, nicht dass ich wüsste!
Bin sicher, wir sind uns schon mal begegnet.
Wie das?
Von früher her, bin sicher.
Dann hinter meinem Rücken, müsste ich wissen.
Möglicherweise unwissentlich.
Ach, wissen sie, sie stehlen mir die Zeit.
Fahren sie auch mit der Dreiundzwanzig?
Schon seit Jahren.
Ich auch - bis auf sonntags.
Dann heben sie ihre Fragen bis zum Sonntag auf.
An Sonntagen habe ich keine Gelegenheit sie anzusprechen.
Gerade deswegen, ja – verstehen sie?
Die Bahn kommt!
Das sehe ich auch – Auf Wiedersehen!
Steigen sie immer zuerst mit dem rechten Bein ein?
Mein Gott! - Was sind sie lästig!?
Dann machen sie mir doch nicht alles nach.
Hör´n sie mal!? - Sie gehen mir auf die Nerven!
Und jetzt stehen sie genau so neben mir wie ich neben ihnen stehe.
Ja, leider! Das lässt sich nicht vermeiden.
Es ist eng um uns herum – nicht wahr?
Zutreffend beobachtet.
Deswegen müssen sie mir noch lange nicht auf den Füßen stehen.
Was denn? - Sie stehen mir doch auf den Füßen!
Ach was! - Rutschen sie mir doch den Buckel runter!
Wo sie schon auf meinem drauf hocken!?
Um besser den Waggon zu überblicken.
Dann glotzen sie nicht die Frau so an!
Die Stielaugen machen doch sie.
Weil sie unwissentlich mich ihres Blickes bemächtigt haben.
Der Kontrolleur: Ihren Fahrschein bitte!
Bitteschön, Einzelfahrschein, der Herr neben mir fährt schwarz.
Der Kontrolleur: Ich sehe keinen Herrn neben ihnen.
Nächster provisorischer Halt: Siegmund-Freud-Institut, Myliusstraße.
Beim Aussteigen bitte nicht drängeln.

Fragment aus den gestaltpsychologischen Wanderjahren (1973).


Kaum, dass es Liewletrod hinter sich gelassen und entlang der alten Dorfmauer wieder ungewissen Wegs dahin schritt, vernahm es aus der Ferne ein großes Gezeter und Geschrei. „Gold! Gold! Gold!“ - lärmte es aus dem Wirtshaus heraus, und alle brüllten ihren Schatz weit ins Land hinaus. Augenblicke danach klirrten die Fensterscheiben. Ein


"Zum Lärmenmachen wählt man die kleinsten Leute - die Tambours."
Georg Christoph Lichtenberg (1742 - 1799)
Das große Ufftatawumm, Klaus Schlosser, Radierung (1986).

Kreischen und Grölen setzte ein, das wie ein Rauschen mit dem Wind weit durch die Lüfte ging und überall im Wurzenauer Lande vom plötzlichen Reichtum der Liewletroder verkündete. Ein jeder, der etwas auf sich hielt oder im Glauben darin berauscht war, künftig etwas auf sich halten zu dürfen, eilte mit der Wurzenauer Hautevolee zum späten Nachmittage in einem auf der Rolltreppe fahrenden Umzug entlang den Rübenfeldern nach Liewletrod zum Vetterleswirt.

Vorne weg die Journalisten vom Lebliver Halbtageblatt, dem Wurzenauer Amtsblatt „Regiezna“ des windigen Simonisten und verminkelten Nosmastikers, dahinter die begnadelten Sparkassendirektoren aus Zinsenhain wie deren oswinischen Veitstänzer von der Partei der Butzenheimer aus Lachmannshausen, und nach ihnen die Spekulanten, die frommen Prälaten mit ihren pastoralen Breesterianern, bischöflichen Haraldinern und utteristischen Präservativisten. In deren Gefolge die gewiecherten Landdiebe, die geheimen Gellingser und bodirskyschen Falschmünzer und Ordensträger, allerlei Hausierer und Besenbinder in einer Reihe mit den freiheitlich kriechenden Gelbbauchunken im Getöse eines krächzenden Kapauns nebst glucksender Henne im dicken Geplustere eines verrotterten Andersens aus der schwarzen Vereinsmeierei. Dazwischen mit trippelnden Schrittchen deren Tanzmariechen, die grünen Kathrinchen, und die verminkelten Advokaten sowie deren rote Landvermesser, die beflügelten Arnoldisten sowie, noch zum Lärmenmachen des Ganzen, mit großem Tamtam die gebenderten Hanswürstchen, die kleinen Offizierchen und Tambours aus den Untergassen, die Fleischhauers mit den blechernen Schalmeien des roten Kapellmeisters Hajo. Zu guter Letzt in voraus eilender Weitsicht noch der Gerichtsvollzieher in schlaksiger Gestalt mit dezentem Aktenköfferchen und dem amtlichen Gesicht eines Vollstreckers des Wurzenauer Landgerichts.
 
Doch des Aufmarsches derlei Obrigkeiten, Pomeranzen und Dorfschranzen allein nicht genug. In den Gassen hatten die fetten Waschweiber wieder ihren Einzug gehalten. Sie klatschten ihre Wäsche in die Zuber hinein, schrubbten vor aller Leute Augen die Schmutzflecken heraus, dass ein jeder sich des Ferkels in der Leibwäsche des anderen beim Aufklatschen der nassen Lumpen gewahr wurde. Auch die Waschweiber waren wieder mit den Wörtern ins Geschäft gekommen und gaben sich mit ihren groben Mäulern fleißig im Klatsch und Tratsch ein gebührliches Stelldichein. Die Wörter klatschten aus ihren Zubern in die Gassen hinaus und krachten im Wirtshaus erneut aufeinander, torkelten wild einher und stolperten über die Schanktische, dass sie abermals zwischen den aufgestoßenen Bierkrügen zerbarsten und im Gerangel einer sich anbahnenden Wirtshausschlägerei erneut im groben Unflätigen entzwei gingen. Je mehr sie mit zerbrochenen Schemeln aufeinander einschlugen und sich auf das Gröbste beschimpften und nach ihren geglaubten Geschäften sich hinterrücks betrogen und einander verfluchten, umso mehr begannen die Wörter aus ihren wieder in der Trunkenheit speichelnden Mäulern abermals und für immer zu verschwinden.

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