hinna gans
hemba räas
mannes häas
hunnat hemba
hinna gans
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 


Allerlei garstige Geschichten hinter dem Land.

"Ich spreche von rauhen, stillen Wörtern, dem Geschwätz aus ihnen, von Augen und Mädchen, von Pflaumenbäumen und dem verrückten Wilhelm, von grauen Gesichtern aus den Erzgruben des Schelderwaldes, von Gesichtern der Armut und Geduld in den geduckten Stuben und Ställen hinter dem Land, von Arbeit und Brot, von Raben, dem Geschmack des Wassers, vom Schnee und dem Wind und dem Licht der Mittagshimmel über schiefen, steinernen Äckern, spreche von den Begierden der Macht, der Liebe und der Lust, dem Geschrei, dem Suff und den Stiefeln im Kreuz, und ich verweile trotzdem und so, wie es die Sommervögel allenthalben tun, und ich streite um meine Wörter, wohl ahnend ihrer Vergänglichkeit, wohl ahnend der kommenden Stille und der dumpfen Sprachlosigkeit - ich spreche von daheim, vom Himmelreich der Heimatpriester und deren giftigen Ideologen spreche ich nicht."

Open Air Fest im Hinterland
Schloss Breidenstein 1981, Plakat: Wolfgang Rudelius.
(Privatbesitz des Autors)

Autoren schreiben nicht zum Selbstzweck. Sie bestreiten damit ihre Kosten und finanzieren ihren Lebensunterhalt. Entsprechend sind mit Lesungen Honorare verbunden. Diese setzen sich zusammen aus dem Grundhonorar, den Reisekosten und der Steuer. Sollten sie an einer Lesung interessiert sein, so bedenken sie vorher die Kosten. Lesungen in Festzelten und populistischen Folkloreveranstaltungen sind ausgeschlossen. Aus Gründen des Urheberrechtes und des informationellen Selbstbestimmungsrechtes sind private Bild- und Tonaufzeichnungen von Lesungen und deren Verbreitung in Internetforen (Facebook, YouTube) nicht gestattet. Dies gilt nicht für ausgewiesene Pressevertreter entsprechend der Anerkennung seitens des Deutschen Presserates und für Verlage sowie deren Medien und Internetforen. Die Vorlage eines offiziellen Presseausweises ist nicht zwingend, jedoch wünschenswert.


schnaddsemogel daucht näad
mirrem de noos fakraddse
dn frack fahaache
ofs scheabe mäal haache
alls de knebbel droff
ofn kobb schloo
hie un däa treere
dn kobb roabhaache
näad wäin roabhaache
dn kobb oabhaache
ie de rebbe treere
de zung oabschnaire
dn frack fahaache
mirrem de noos fakraddse
schnaddsemogel daucht näad

Schnatzenmogel taugt nichts / müssen ihm die Nase verkratzen / den Frack verhauen / auf´s schiefe Maul hauen / immer die Knüppel drauf / auf´n Kopf schlagen / hin und her treten / den Kopf herunter hauen / nichts wie ihn herunter hauen / den Kopf abhauen / in die Rippen treten / die Zunge abschneiden / den Frack verhauen / müssen ihm die Nase verkratzen / Schnatzenmogel taugt nichts.

Der Begriff "Schnatzemogel" steht als Schimpfwort für einen Menschen einer sozialen Randgruppe, die außerhalb der Ortsrandlagen in einfachen Behausungen und Baracken wohnte, in der Regel verarmte Schausteller, Artisten und Gaukler, Altwarenhändler und regionale Sintifamilien. Sie waren häufig Opfer von Aggressionen, projizierten Vorurteilen, Ausgrenzungen und sozialer Verachtung. Nicht selten waren sie schutzlos als "Gesindel" der Willkür ausgeliefert, auf das der reiche Bauer ungestraft seine Hunde hetzen konnte. Die Sintis selbst - ebenfalls Opfer von Naziverbrechen - sprachen einen eigenen Dialekt, ein dialektales Romanes, ein Soziolekt mit Wurzeln in den indoarischen Sprachen, der als das "Manische" im Mittelhessischen und im Wittgensteinerischen bezeichnet wurde. Eine heute ausgestorbene Geheimsprache. Überregional wurde diese soziale Randgruppe mit dem Quartier "Gummiinsel" in Gießen bekannt.
 


Dies ist die Ballade vom zweimaligen Begräbnis des Wegewärters Hannes und seinen Pflaumenbäumen recht frei und im artigen Vers nach dem Motiv des Herrn Ribbek auf Ribbek im Havelland von Theodor Fontane.

De Kwäddschehannes foom Hinnalaand
Der Quetschenhannes vom Hinterland
Woa jerem Keand un Roawe bekaant
War jedem Kind und Raben bekannt
He gaal d ́n Loire alls dumm un farreggd
Er galt den Leuten immer dumm und verrückt

Wail he de Kwäddschekärna hat alls faschdeggd
Weil er die Quetschenkerne hat immer versteckt

Links un raaschts de Schossee näas
Links und rechts die Chaussee hinaus

Koame im Froijoa werra Kwäddschebeeme räas
Kamen im Frühjahr wieder Quetschenbäume heraus
 

Kean Mensch kunnt sufiel Kwäddsche easse
Kein Mensch konnte soviel Quetschen essen

Su harre se ́m de Beeme alls werra äasgereasse
So haben sie ihm immer wieder die Bäume ausgerissen
Doch koam de Härbst met saim goldne Lischd
Doch kam der Herbst mit seinem goldenen Licht

Un do harre werra all sai Kwäddsche geschdichd
Und da hatte er wieder alle seine Quetschen gesteckt

Su ging doas da Joa und Doag fea Joa dohie
So ging das dann Jahr und Tag für Jahr dahin

Groat äasgeräasse moschd de Hannes se werra nie
Gerade ausgerissen macht der Hannes sie wieder rein
 
Es half ́m ke Schealle un ke Schmess
Es half ihm kein Schimpfen und keine Schmiss
Berre aalt woa un duut imfäil - of ́r dorre Wess
Bis er alt war und tot umfiel – auf ́ner dürren Wies

Deat harre se ́n met all sain Kwäddsche begroawe
Dort hatten sie ihn mit all seinen Quetschen begraben

Un im Härbst schu schalle de Roawe
Und schon im Herbst schimpften die Raben
Edst deet ́s im Weanta oon Kwäddsche gnunk feeln
Jetzt tät ́s im Winter an Quetschen genug fehlen

Säi misste bain Hoinga da ́s Freasse schdeeln
Sie müssten bei den Hühner dann das Fressen stehlen
 
Un aach däi Kean woan goschdisch oom Plärrn
Und auch die Kinder waren garstig am Plärren

Se härre däi Kwäddschemennscha goa su gärn
Sie hätten die Quetschenmännchen gar so gern

Doas woa den Loire da aach nit raascht
Das war den Leuten dann auch nicht recht

Säi sääre: de Hannes woa goanit su schlaaschd
Sie sagten: der Hannes war gar nicht so schlecht

Un kreeschte do all e schlaaschtes Geweasse
Und kriegten dann alle ein schlechtes Gewissen
Se harre jo lang näad mie ke Kwäddschehuink geasse
Sie hatten ja lange nicht mehr kein Pflaumenmus gegessen
 
Do harre se ́n Hannes werra äas de Wesse gegroawe
Da hatten sie den Hannes wieder aus der Wiese gegraben

Un of ́n Kerschehoob ie ́n Kwäddschebaamsarsch gehoowe
Und auf dem Kirchhof in einen Quetschenbaumsarg gehoben
Un äas ́m Kwäddschebaamsarsch äas dungla Groft
Und aus dem Quetschenbaumsarg aus dunkler Gruft
Raiggte im Froijoa werra Kwäddscheraisa ie de Loft
Reckten im Frühjahr wieder Quetschenreiser in die Luft

Un wäi da de Härbst koam werra merrem goldne Lischd
Und wie der Herbst kam wieder mit dem goldenen Licht

Räif ́s äas ́m Groab: „Edst wean de Kwäddsche geplischd!“
Rief ́s aus dem Grab: „Jetzt werden die Quetschen gepflückt!“
 
Ma kunnt ́n Hannnes un sai Kwäddsche nit faschdegge
Man konnte den Hannes und seine Quetschen nicht verstecken

Nit im Groab nit un nit de Schossee noab farregge
Nicht im Grab nicht und nicht die Chaussee hinab verrücken

Un jeerem woa gnunk gedoo - den Roawe un den Kean
Und jeden war genug getan – den Raben und den Kindern

Doch baal koam Schdrait of un werra woa alles oom Scheann
Doch bald kam Streit auf und wieder war alles am schimpfen

Im näawwe Aldi goabs heefwais Kwäddsche ze kaafe
Im neuen Aldi gab ́s haufenweise Quetschen zu kaufen

Niemeds breachte mie noom Hannes sain Beeme ze laafe
Niemand brauchte mehr nach Hannes Bäumen zu laufen
 
Do huu se ́m werra all sai Beeme äasgereasse
Da haben sie ihm wieder all seine Bäume ausgerissen

Un deam Hannes sai Kwäddsche fea imma fageasse
Und dem Hannes seine Quetschen für immer vergessen

Of sai Groab koam hie e schwiare, grooe Bäddongplatte
Auf sein Grab kam hin eine schwere, graue Betonplatte

Drof schdaan: Häi lait dea ́s merren Kwäddsche hatte
Drauf stand: Hier liegt der es mit den Pflaumen hatte



In den Kräuterwiesen, Angelburg-Lixfeld
Foto: Malte Sänger, Hasselblad analog, (2017).


Übersetzung aus "Und olm di weissn leenen" von Hans Haid, österreichischer Volkskundler, Publizist und Schriftsteller aus dem Ötztal (Tirol) ins Hinterländer Platt. Haid zählt zu den profiliertesten Kritikern des kommerzialisierten Tourismus im alpenländischen Raum. Er war langjähriger Vorsitzender des Internationalen Dialektinstitutes, einem Institut für regionale Sprachen und Kulturen mit einstigem Sitz in Wien.

keemet kommt
keemet kommt
losset enk lest och
di zungen de zunge
asnondrschneidn äaseneeschnaire
is maul es mäal
vrpoppm fababbe
is hiirn vrklebm es hean fakleewe
keemet kommt
keemet kommt
und donket un dankt
fiers schintn feas schean
und ploogn un plooche
tiet hea geabt häa
enkr galt äa geald
olles außa alles eräas
hea doo häa doo
singet seangt
und geebet olles un geabt alles
hea häa
oftr wöll da häi
oftr wöll da häi

Grenzenlos, Krefeld (1988)
Dialektübersetzungen aus den Werken von Hans Haid (Sölden, Ötztal), Ludwig Soumagne (Neuss, Niederrhein) und Julian Dillier (Basel, Oberrhein).

keemet dees kommt´r
gonz gewiß gans geweas
in himml auhn i´en himml nof
soget galtz gött säät e fagealts gott
holtet haalt
is maul äa mäal

ALLELUJA

kommt / kommt / laßt euch / die zungen / auseinanderschneiden / das maul / verkleben / das hirn / verkleben / kommt / kommt / und dankt / für das schinden / und plagen / gebt her / euer geld / alles heraus / her da / singt / und gebt alles / her / dann wohl / dann wohl / kommt ihr / ganz gewiß / in den himmel hinauf / sagt ein vergelts gott / haltet das maul / halleluja.



Als das Huschemool seine Geschichte erzählt hatte, kam es auf das Guggemool zu mit der Bitte, doch den Wörtern wieder ins Leben und den Liewletrodern ins Sprechen zu verhelfen. Es sei der Strafe genug gewesen, gab es zu bedenken, aber es sei zugleich ein Wagnis, bösen Zungen wieder das Schweigen zu nehmen. Doch wollte das

Auf den Wirt kam es zu, Freibier herbei zu schaffen
Autorenfoto, Wurzenau (2016).

Huschemool Milde walten lassen. Es sei an der Zeit und nur gerecht, den Dümmsten in ihrer köpfernen Enge auch einmal die Gelegenheit zu geben, sich in der Klugheit zu versuchen, wog das Huschemool mit gehobener Stimme die Zweifel einander auf. „Wir können uns zusammentun“ - sagte das Guggemool, das an diesem Tag schon allerlei Wagnisse gewohnt war. Und das Huschemool willigte ein. Mit Bedacht faltete das Guggemool das wollene Tuch zusammen, knüpfte noch einen Knoten oben auf und steckte es samt Huschemool unter seine verschlissene Felljacke. Dann ging es mit seinem Fund nach Liewletrod zurück und suchte erneut das Wirtshaus auf. Es nahm denselben Platz ein, von dem es vor einer Weile noch so bösartig und grob vertrieben worden war.

Als der Wirt des Sonderlings in seiner Schankstube zum zweiten Mal gewahr wurde, hob erneut ein heftiger, stummer Streit und ein wildes Fuchteln der Gebärden an, dem das Guggemool freilich jetzt ein jähes Ende machte. Es nahm das Tüchlein aus seiner Felljacke heraus, öffnete mit Bedacht den Knoten, und geschwind sprang das Huschemool heraus und auf geradem Wege auf die Zunge des Wirtes. Mit einem Mal brüllte der Wirt mit allen Leibeskräften plötzlich ein lautes „Huschemool!“ heraus, worauf seiner Frau eine zunehmend wächserne Blässe des blanken Entsetzens ins Gesicht kroch, als sei sie im Augenblick vom Leibhaftigen geküsst worden. Doch auch ihre Zunge wurde erlöst. Flink wechselte das Huschemool die Mäuler. Es geschah ein Wunder.

Nach dieser wundersamen Rückkehr der Wörter stürzte der Wirt hinaus auf die Gassen und rief laut ein „Huschemool“ aus, das sich sogleich aller Liewletroder Mäuler bemächtigte. Die Antworten kamen postwendend aus den Häusern und Schuppen zurück, und es wurden alle Türen und Fenster weit aufgemacht, dass ein jeder seinem nächsten Nachbarn ein herzliches „Huschemool“ zurufen konnte, das sich so in Windeseile über das ganze Dorf hinweg verbreitete. Mehr und mehr Liewletroder zog es hinaus auf die alten Gassen, wenn auch nur mit einem einzigen Wort gesegnet, dessen Bedeutung augenblicklich in allen Variationen der Sprachkunst fleißig geübt wurde und ganz gleich wie. Stets mussten sie sich einander des Zuhörens beim „Huschemool“ vergewissern, eine Tugend, die einst in ihrer Streitsucht untergekommen war. Im Nu waren sie alle „Huschemooler“ geworden, in ihren Antworten wie in ihren Fragen. Überall begegneten sie sich nunmehr mit einem freundlich aufgemunterten „Huschemool“ und antworteten stets mit demselben.

Nachdem das Huschemool für das Erste sein Werk vollendet hatte, rief es nach den anderen Wörtern, die ebenfalls versteckt in alten Schornsteinen, Bretterstapeln oder aufgelassenen Brunnen, unter schiefen Dachziegeln und in Mauerritzen die sprachlose Zeit überdauert hatten. Sie alle kehrten in die Mäuler der Liewletroder zurück, worauf sie sich zu einem großen Fest herausputzten. Auf den Wirt kam es zu, zehn frische Fässer Freibier herbei zu schaffen und alle Hennen zu schlachten, derer man in Liewletrod habhaft werden konnte, um die Wiederkehr der Wörter zu feiern. Und es wurde ein großes Saufen und Fressen daraus. Binnen weniger Stunden zwischen Mittag und Abend mochte keiner mehr sich an die stumme Zeit zuvor erinnern, erst recht nicht an das alte Männchen, das noch immer mit seinem Rucksack voller Steine in der Schankstube saß. So nahm die Wirtsfrau sich des Alten an. Schon gegen Mittag war sie auf dessen Steine neugierig gewesen. Doch hatte der Streit ihrer Neugierde im Wege gestanden. Jetzt wollte sie für sich heimlich die Gunst der späten Stunde nutzen, zumal sie des Sprechens wieder mächtig geworden war, über das seltsame Geschöpf mehr zu erfahren. Mit hinterlistiger Freundlichkeit suchte die Wirtsfrau ins Gespräch zu kommen.

Top