hinna gans
hemba räas
mannes häas
hunnat hemba
hinna gans
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 


Die Enge macht das Leben öffentlich, unterwirft es der dörflichen Anpassung und durchdringt weite Bereiche des Privaten. Und schon der Versuch der Abgrenzung stößt auf Argwohn und Spekulationen krankhafter Erscheinungsformen, so, dass ihnen in ihrer Welt oft nichts anderes bleibt, als sich einander verworren zu machen.




fawonn
(nach R.D. Laing)

s miss woas
merren luus sai
sost wian se
doch nit su

wann nad wea
da breachte se
jo nit su ze döu
als wia näad

se kräie sisch
schu fawonn -
aach
wann näad wea

Klaus Schlosser, Radierung 1986
Aus dem Zyklus "Vom Suff, dem Geschrei und den Stiefeln im Kreuz"


Liewletrod war in ein noch tieferes Elend gefallen, tiefer noch, als es das Guggemoool gegen Mittag vorgefunden hatte. Zwei kleine Goldklümpchen, gerade noch soviel, dass man daraus hätte Sonntagsknöpfe machen können, waren ihnen verblieben. Selbst die Hennen in den Brombeergärten, die sie im Rausch ihres Festgelages allesamt gebraten und verschlungen hatten, waren nicht mehr herbeizubringen, danach fortan Schmalhans Küchenmeister ihre täglichen Mahlzeiten bestimmte und sie zu Handkäs mit in Essig eingelegten Zwiebeln und saurem Wein verdammte. Stumm starrten sie sich einander an und suchten sich des Guggemools zu erinnern und daran, was ihnen erneut geschehen war. Aber ihre Mäuler blieben wie der Verstand und die Mägen ein für alle Mal leer. Da machte die Wirtsfrau sich auf, das Guggemool zu suchen, um wenigstens noch den Reichtum der Wörter statt des verlorenen Goldes und der geschlachteten Hennen heimzubringen.

Das Sonnenlicht war aus den Pflaumengärten gewichen und die Nacht hatte gegen die zwölfte Stunde Liewletrod in grauen Nebel eingesponnen. Aus den Dachgiebeln huschten die Eulen wie ehedem hinaus wie auch der Fuchs wieder durch die Winkel und Gassen auf Beute schnürte. Mit eiligen Schritten und wehender Kittelschürze strebte die Wirtsfrau im aufsteigenden Mond dem Feldrain zu, wo sie alsbald, abseits des Weges in einem dornigen Gestrüpp, des Alten fündig wurde. Aber weil sie sich bitterlich schämte und deshalb nicht wagte, das Guggemool um Rat zu bitten, wie das erneute Schicksal zu wenden sei, hielt sie sich im Finsteren des Strauchwerkes versteckt in der Hoffnung, wenigstens dessen Wörter zu erhaschen. Doch so sehr sie lauschte, mit offenem Maule und weit heraus gestreckter Zunge auf ein zweites Wunder hoffte, es gab kein einziges Wörtchen mehr aufzuschnappen. Das Guggemool und das Huschemool waren einzig damit beschäftigt, in stiller Andacht dem seufzenden Nachtlied eines Gimpels zu lauschen, der sich mit einem kargen und klagenden „Djüblidüh“ über sein grau gefiedertes Weibchen beschwerte, das mit einem bunten Distelfinken noch allerlei verspätete Techtelmechtel vollbrachte. Nun, währenddessen, es entwich dem Guggemool unbemerkt und knatternd ein lauter Furz. Diesen nahm die Wirtsfrau sogleich begierig auf als einen vernehmlichen Ton, den sie zu vermehren dachte und auf ihrer Zunge eilig zurück in die Schankstube tragen wollte.
 
Doch des bösen Endes nicht genug. Aus einem im Nebel verhangenen Holunderbusch des Weges entlang des Reddins sprang plötzlich die um ihre Hochzeit geprellte weiße Hexe hervor und spuckte der Wirtsfrau allen Unrat und galligen Speichel ins Gesicht geradewegs auf ihre noch herausgestreckte Zunge. Danach verschwand die Hexe mit einem hell kichernden Glucksen im Wasser des Reddins. Derlei in großem Schrecken entsetzt, dass ihre Zunge im offenen Maule versteifte und ihre Augen die eines Frosches aufquollen, rannte sie mit pochendem Herzen zur Schankstube. Dort harrten die Liewletroder in bitterem Schweigen und bangem Warten und mit ebenso herausgestreckten Zungen versunken ihrer Ankunft aus. Allein, es kam zum Entsetzen aller nur dieser eine Furz mit einem angehauchten, flötenden „Djüblidüh“ über ihre Lippen, ein Tonfall, der alsbald in ein krächzendes Gemurmel mündete, einem rülpsenden Grunzen ähnlich, das sich sogleich mit gallig grünem Speichel der Mäuler aller bemächtigte und je nach der vermögenden Tonkunst der Einsilbigen wie der Schwätzer und der Waschweiber, sich in allen geräuschvollen Variationen als nunmehrige Sprache auf den Zungen der Liewletroder niederschlug.

Es war eine einfache Sprache herausgekommen, eine Sprache zwischen saurem Wein und seifigem Handkäs, eine Mundart, von der die Spötter in den Wurzenauer Nachbarschaften behaupteten, sie erinnere an eine Halskrankheit mit entsprechenden Ausdünstungen. Aber sie reichte allemal aus, die Dinge des täglichen Lebens zu besorgen, so auch vor Gericht, dem krähenden Hahn des Justizministers und im Gemeinderat. Doch man fügte sich und schlurfte zu Bette wie auch der brave Tischlermeister Trenkel das Licht in seiner Werkstatt ausknipste und mit einem deutlich vernehmbaren „gute Nacht“ zu seinem schon schlummernden Weibe ins Bett kroch, das aber mit einem sanften Lächeln erwachte.

„Ei, Trenkel, seit wann kannst denn du auf einmal so reden?“ Und sie war nicht minder erstaunt über sich selbst, weil auch sie des Sprechens wieder teilhaftig geworden war. „Sei still, Frau, damit´s keiner hört“ - flüsterte er ihr ins Ohr. Ergriffen von derlei Glück strich sie über sein Haupthaar und hielt abermals inne: „Und was leuchtet denn da in deinen Haaren?“ - „Ach, vielleicht noch Hobelspänchen“ - antwortete er schon schlaftrunken. Doch im einfallenden Mondschein durch das Oberlicht der Schlafkammer funkelten in seinen Haaren Hunderte kleine Goldlöckchen auf. „Mach die Vorhänge zu, damit´s keiner sieht“ - murmelte schlaftrunken Trenkel und fuhr mit einem tiefen Gähnen fort: „Das war gewiss das alte Männchen, das mir den bunten Stein heute Mittag geschenkt hat.“ Und beide fielen in einen langen und von bunten Träumen umsäumten Schlaf. Den Morgen darauf sperrte Trenkel seine Werkstatt in Liewletrod für immer zu. Er richtete bei der Wurzenauer Sparkasse ein Bankkonto ein und ging mit seiner Frau auf eine Weltreise. Und beide wurden nie mehr gesehen wie auch das Guggemool und das Huschemool mit allen Wörtern in Liewletrod für immer verstummt war.

Doch immer dann, wenn der späte Herbstwind mit dem Zug der Kraniche von den Vogelsbergen über das Wurzenauer Land und nach Liewletrod herab streicht und über die Rübenäcker geht, trägt er ihre Geschichte ins Land. Dann flüstern die Leute sich in den Dörfern heimlich ein „Huschemool“ zu und erzählen sich hinter vorgehaltener Hand, wie es einst den Liewletrodern ergangen war und wie das Guggemool und das Huschemool mit einem Rucksack voller Wörter zurück in das Land der schiefen Bäume gegangen seien, wo sich die Wörter mit dem Gesang der Morgenvögel vermählt hätten und wo das Gold mit der Abendsonne verschmolzen sei. Dort sollen sie noch ein reiches Leben im Erzählen und im Lachen gefunden haben. Und wenn sie sich hierbei nicht totgelacht haben, dann sollen sie noch heute noch lachen.


Vielen Dank für ihre Mühe und Geduld, dass sie es bis hierher geschafft haben! Gesetzt den Fall, sie fühlen sich nach dieser Lektüre erst recht der Heimatliebe, deren Mund- und Unarten verpflichtet, so empfehle ich ihnen zum literarischen Abschluss den Fragebogen des Schweizer Heimatdichters Max Frisch (1911- 1991), um ihrer Selbstprüfung gerecht zu werden. Nichts liegt mir ferner als der Versuch, sie in Unannehmlichkeiten zu stürzen.


Der Fragebogen wurde 1971 von Max Frisch während eines USA-Aufenthaltes entworfen. Er ist entnommen aus: Max Frisch, Tagebücher 1966–71, Frankfurt a.M.

1. Frage: Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: Befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?

2. Frage: Hat Heimat für Sie eine Flagge?

3. Frage: Worauf könnten Sie eher verzichten: a) auf Heimat, b) auf Vaterland, c) auf die Fremde.

4. Frage: Was bezeichnen Sie als Heimat? a) ein Dorf, b) eine Stadt oder ein Quartier darin, c) einen Sprachraum, d) einen Erdteil, e) eine Wohnung.

5. Frage: Gesetzt den Fall, Sie wären in der Heimat verhasst: Könnten Sie deswegen bestreiten, dass es Ihre Heimat ist?

6. Frage: Was lieben Sie an Ihrer Heimat besonders? a) die Landschaft, b) dass Ihnen die Leute ähnlich sind in ihren Gewohnheiten, d.h. dass Sie sich den Leuten angepasst haben und daher auf Einverständnis rechnen können?, c) das Brauchtum, d) dass Sie dort ohne Fremdsprache auskommen, e) Erinnerungen an die Kindheit .

7. Frage: Haben Sie schon Auswanderung erwogen?

8. Frage: Welche Speisen essen Sie aus Heimweh (z.B. die deutschen Urlauber auf den Kanarischen Inseln lassen sich täglich das Sauerkraut mit dem Flugzeug nachschicken) und fühlen Sie sich dadurch in der Welt geborgener?

9. Frage: Gesetzt den Fall, Heimat kennzeichnet sich für Sie durch waldiges Gebirge mit Wasserfällen: Rührt es Sie, wenn Sie in einem andern Erdteil dieselbe Art von waldigem Gebirge mit Wasserfällen treffen, oder enttäuscht es Sie?

10. Frage: Warum gibt es keine heimatlose Rechte?

11. Frage: Wenn Sie die Zollgrenze überschreiten und sich wieder in der Heimat wissen: Kommt es vor, dass Sie sich einsamer fühlen gerade in diesem Augenblick, in dem das Heimweh sich verflüchtigt, oder bestärkt Sie beispielsweise der Anblick von vertrauten Uniformen (Eisenbahner, Polizei, Militär etc.) im Gefühl, eine Heimat zu haben?

12. Frage: Wie viel Heimat brauchen Sie?

13. Frage: Wenn Sie als Mann und Frau zusammenleben, ohne die gleiche Heimat zu haben: Fühlen Sie sich von der Heimat des andern ausgeschlossen oder befreien Sie einander davon?

14. Frage: Insofern Heimat der landschaftliche und gesellschaftliche Bezirk ist, wo Sie geboren und aufgewachsen sind, ist Heimat unvertauschbar: Sind Sie dafür dankbar?

15. Frage: Wem?

16. Frage: Gibt es Landstriche, Städte, Bräuche und so weiter, die Sie auf den heimlichen Gedanken bringen, Sie hätten sich für eine andere Heimat besser geeignet?

17. Frage: Was macht Sie heimatlos? a) Arbeitslosigkeit (und nicht mehr bezahlbare Mieten in den Städten), b) Vertreibung aus politischen Gründen, c) Karriere in der Fremde, d) dass Sie in zunehmendem Grad anders denken als die Menschen, die den gleichen Bezirk als Heimat bezeichnen wie Sie und ihn beherrschen, e) ein Fahneneid, der missbraucht wird.

18. Frage: Haben Sie eine zweite Heimat...?

19. Frage: ...und wenn ja: Können Sie sich eine dritte und vierte Heimat vorstellen oder bleibt es dann bei der ersten?

20. Frage: Kann Ideologie zu einer Heimat werden?

21. Frage: Gibt es Orte, wo Sie das Entsetzen packt bei der Vorstellung, dass es für Sie die Heimat wäre, z.B. Harlem, und beschäftigt es Sie, was das bedeuten würde, oder danken Sie dann Gott?

22. Frage: Empfinden Sie die Erde überhaupt als heimatlich?

23. Frage: Auch Soldaten auf fremdem Territorium fallen bekanntlich für die Heimat: Wer bestimmt, was Sie der Heimat schulden?

24. Frage: Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?

25. Frage: Woraus schließen Sie, dass Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden?

Anmerkung: Frage 17 a) wurde aktualisiert.
 


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