hinna gans
hemba räas
mannes häas
hunnat hemba
hinna gans
mannes häas
henge räas
räas mäas
beaste räas
 


Herzlich Willkommen auf den Seiten des mittelhesischen Autors Kurt Werner Sänger. Wenn sie krachlederne Burlesken erwarten oder humorvolle Büttenreden mit unterhaltsamen Anekdoten in "Hessisch" für ihren folkloristischen Heimatabend buchen wollen, dann sind sie hier leider auf den falschen Seiten gelandet. Sollten sie jedoch neugierig sein auf eine Dichtung, die ihre beschauliche Sonntagsheimat auf den Kopf stellt, dann sind sie herzlich willkommen und eingeladen, mit mir in Kontakt zu treten. Ich bin in keinen Internet-Foren (facebook, twitter) altiv. Meine E-Mail-Adresse finden sie auf der letzten Seite.

Kurt Werner Sänger, geboren im Sommer 1950 in Gönnern, in einem Dorf im Hinterland, dem Breidenbacher Grund am Oberlauf der Lahn im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Kleinbäuerliche Lebenswelten in geduckten Stuben und Ställen formen Denken und Sprechen, wird der Dialekt zur ersten erworbenen Sprache und zum literarischen Grenzgang einer Heimatdichtung zwischen Alptraum und Sehnsucht. Die Texte folgen nicht dem Sinne konservativen Bewahrens von Sprache als Reflex auf sich kulturell ändernde Wirklichkeiten. Der Dialekt gilt dem Autor einzig als literarisches und authentisches Merkmal dörflicher Figuren und Bilder. Es ist dies eine Poesie der Kenntlichkeit dörflichen Lebens, Spiegelungen, Wagnissen und Brüchigkeiten im steten sozialen und kulturellen Wandel. Damit ist der Autor der Wirklichkeit seiner Heimat näher als der populistische Gebrauch derselben.


Grafik: Wolfgang Rudelius (1986).
(Privatbesitz des Autors)


Posthum mit freundlichem Gruß an Samuel Beckett, irischer Heimatdichter (1906 - 1989).

wann´s raant, gie ma heem
wenn´s regnet, gehen wir heim
wann´s nit raant, blaiwe ma häi
wenn´s nich regnet, bleiben wir hier
raant´s nit un ma hu ke lost
regnet´s nicht und wir haben keine lust
gie ma aach heem
gehen wir auch heim
raant´s - breache ma suwisuu
regnet´s - brauchen wir sowieso
nit ze blaiwe
nicht zu bleiben
gie ma da heem un wesse nit
gehen wir dann heim und wissen nicht
woas ma da mache sinn
was wir dann machen sollen
kinnte ma jo aach glaisch häiblaiwe
könnten wir ja auch gleich hierbleiben
fearäasgesasst - es raant nit
vorausgesetzt - es regnet nicht


"Die Menschheit is doch voll mit fremde Leut un in Hessen allsfort unnerwegs."
Seufzer eines blinden Hessen.



Das Bundesland Hessen wird per Proklamation im September 1945 von General Eisenhower geschaffen. Die bis dahin historisch nicht einheitlich verfassten Kernterritorien aus Kurhessen, dem Großherzogtum Hessen und Hessen-Homburg, der Freien Reichsstadt

Eingangshalle Buchmesse Frankfurt
Treffpunkt der Kulturen und Sprachen, Autorenfoto (2003)

Frankfurt, dem Fürstentum Waldeck und dem Herzogtum Nassau werden zu einem Staatsgebilde mit Regierungssitz in Wiesbaden und den Regierungsbezirken Kassel, Wiesbaden und Darmstadt ungeachtet ihren jeweiligen kulturellen Ausrichtungen zusammengeführt. Einen Dialekt "Hessisch" als gemeinsames und kulturelles Merkmal aller Hessen gibt es demnach nicht. Etwas anderes zu behaupten wäre - schlicht und ergreifend - dumm Gebabbel. Ein sprachgeschichtliches Lehrstück, bei dem so mancher harte Hesse und dialektaler Songwriter mit eher scheppem Maul daherkommt.

Der heute irrtümlich als "Hessisch" verstandene Dialekt entspricht dem Sprachgebrauch des Südhessischen in der Metropolregion Rhein-Main. Ein regionaler Ausgleichsdialekt, der unter Dialektologen heute als "Neuhessisch" - spöttisch auch RMV-Deutsch oder Bembelhessisch - bezeichnet wird. Ein vergleichsweise moderner Dialekt, dessen Einfluss gegenwärtig bis weit in das Mittelhessische (Zentralhessen) reicht und die alten oberhessischen Dialekte der Wetterau sowie des Vogelsberges überdeckt und einen Sprachraum vom mainfränkischen Aschaffenburg bis zum rheinhessischen Mainz und Wiesbaden sowie vom oberhessischen Gießen bis zum "Heinerdeutsch" der Darmstädter erfasst. Ein Sprachraum, in dem heute rund sieben Millionen Menschen beheimatet sind.

Ein Medialekt erobert die Bühnen und die Medien

Bundesweit wird jedoch einzig dieser Dialekt als moderne städtische Ausgleichssprache durch Fernsehserien der Familie Hesselbach, durch Prunksitzungen zur Mainzer Fatsnacht oder durch den Blauen Bock mit Heinz Schenk (1924 - 2014) und Lia Wöhr (1911 - 1994) populär. Schenk versteht es mit breitem Schlappmaul genial, den rheinhessischen Mainzer Dialekt als das "Hessische" schlechthin zu verkaufen. Ein "weisch" eingeschliffener Medialekt, den der gebürtige Friedberger und Wetterauer Wolf Schmidt (1913 - 1977) in seiner Rolle als Babba Hesselbach als "Kompromisshessisch" bezeichnet hat, um Irrtümern angesichts der Vielfalt der hessischen Dialekte vorzubeugen.

Denn die Dialekträume fallen in Hessen höchst unterschiedlich aus. So wird mit jeweils fließenden Übergängen und Mischdialekten im Norden Niederhessisch, bzw. Niederdeutsch oder Ostwestfälisch gesprochen, im Osten Thüringisch und Ostfränkisch in Teilen der der Rhön. In Zentralhessen im Vogelsberg und dem Gießener/Marburger Becken ist das Oberhessische bestimmend, das noch einmal sprachgeschichtlich eine gesonderte Stellung einnimmt. Im Süden und Südwesten beherrschen das Rheinhessische, das Rheinfränkische und das Hessen-Nassauische die Zungenschläge in Nachbarschaft zum Moselfränkischen mit ebenfalls sich herausbildenden modernen Ausgleichssprachen.

Hessen - Heimat der kulturellen und sprachlichen Vielfalt
 
Eine besondere Bedeutung in der kulturellen Entwicklung Hessens kommt Ende des
17. Jahrhunderts mit dem Zuzug der aus Frankreich vertriebenen protestantischen Hugenotten und Waldensern zu. Hessen wird ein Einwanderungsland für religiös und politisch Verfolgte. Es kommt zu Neugründungen zahlreicher Städte und Siedlungen in den Provinzen Hessens. Noch prägender ist der französische Einfluss auf die Dialekte infolge der Französischen Revolution und des Machtstrebens Napoleons. Zahlreiche Lehnwörter und Redewendungen entlang den ehemaligen Rheinprovinzen bestimmen heute noch die Dialekte im Rheinlandpfälzischen, im Rheinhessischen und im Südhessischen bis weit ins Mittelhessische hinein. Das Schäszelong oder die Schossee mit seinem Schondärm wie das Frankfurter Schardengsche mögen als Beispiele hierfür stehen. 

Will man einmal Tacheles reden, stehen uns - nicht nur in den Dialekten - ebenfalls eine Fülle an Lehnwörtern aus dem Jiddischen zur Verfügung. Nach der Maloche sollte beispielsweise keiner mehr unterhalb des Mindestlohnes abgezockt werden, um nicht existenziell in der Pleite zu landen. Ein Schlamassel, der dem Betuchten und Großkotz fremd ist, schöpft er doch gerade seinen Reibach da heraus, was der ausgekochte Gewerkschaftler gar nicht dufte findet und sich heute bis ins kleinste Kaff herumgesprochen hat. Mauscheln geht da nicht mehr, alles andere wäre Stuss, der aber genau den Zoff und Zores der Politiker ausmacht, weshalb sie nach ihren Debatten so ziemlich geschlaucht aussehen.

Jiddisch, Manisch und Französisch

Geradezu erfrischend in der regionalen Sprachgeschichte ist die Verknüpfung der mittelhessischen Dialekte mit Lehnwörtern aus dem Manischen, ein dialektales Romanes, ein im Raum Gießen und Marburg ausgestorbener Soziolekt. Wer zum Beispiel mit einer schickeren Chefmoss beim Pimpern in einer zwielichtigen Katschemme, einer Schockelemaibaitz, von einem Schlawiner mit einem Spannuckele auf der Nase heimlich ofgeluert wird, dem geht der Ruf des Meckes nach, ein nicht zur Sippe gehörender und frecher Mensch zu sein. Das mag ein jeder raffen, so wie es einem Spanner ogedäält ist - oder auch nicht. Am Ende muss er sich selbst entspannen wie der Autor sich einer Übersetzung in aller Höflichkeit entzieht und uns lehrt: Es lebt ein jedes Maul zugleich auch im Geschwätz des Nachbarn auf und davon, wie sich die Mäuler einander begegnen und sich im Alltag verreißen. Oder, um es frei mit Johann Wolfgang Goethe zu sagen, brummt ein jeder Bär nach seiner Höhle, aus der er kommt, ungeachtet seiner stürmischen und drängenden Wetzlarer Leidenschaften.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und nach der Schreckensherrschaft und den Verbrechen der Nazis müssen allein in Hessen neben den Evakuierten aus den zerbombten Städten nahezu eine Million Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten des in Trümmern untergegangenen Deutschen Reichs aufgenommen und integriert werden, insbesondere in Hessen aus den ostmittel- und südeuropäischen Ländern aus Ungarn, der Tschechoslowakei und des Sudetenlandes. Wenn auch die Standardsprache diese Integrationsleistungen befördert, so bleiben doch die jeweiligen Dialekte, die Lebensgewohnheiten und Bräuche der Heimatvertrieben in der ersten und zweiten Generation neben den alteingesessenen Varietäten als Identifikationsmerkmale auf dem Lande bestehen. Sie bilden in eigens errichteten Siedlungen Parallelgesellschaften gegenüber den Alteingesessenen aus, nicht selten mit spannungsgeladenen Vorurteilen und Schmähungen. Zuletzt ist es Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), der nach dem Zerfall der Sowjetunion für die Spätaussiedlung der in Russland verbliebenen rund 370 000 Menschen deutschstämmiger Minderheiten sorgt.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik kommen Gastarbeiter mit ihren Sprachen, Lebensgewohnheiten und Dialekten nach Hessen. Deren Sprachkurs beginnt am Arbeitsplatz, beim Kollegen am Fließband oder auf der Baustelle. Hochdeutsch wird dort nicht gesprochen. Sie sind maßgebend an den Aufbauleistungen in Hessen beteiligt, insbesondere in den Metropolregionen Kassel, Gießen und Wetzlar, zu guter Letzt in Frankfurt, das sich aufgrund seiner zentralen Verkehrslage zu einem europäischen Wirtschaftsstandort und zur heutigen internationalen und mulitikulturellen Bankenmetropole entwickelt. Entsprechend ist es 1989 politisch konsequent und bundesweit ein Novum, ein Amt für mulitikulturelle Angelegenheiten zu schaffen. Heute heißt der Hessische Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landentwicklung Tarek Al-Wazir (Grüne), ein gebürtiger Offenbacher, zugleich Stellvertreter des Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU), alteingesessener Gießener mit französischem Namen, dessen sprachgeschichtliche Herkunft im Viehtreiben von Ochsen zum Metzger begründet sein soll. 

Zwischen permanentem Sprachlabor und reanimiertem Sprachmuseum 

Derzeit sind es die Anglizismen und die Sprache des Internets. Längst gehört das Daunloare einer Wäbsaire zum dialektalen Wortschatz, sehr zum Leidwesen der Dialektpuristen, Heimat- und Brauchtumsschützer, deren Bestreben im steten sozialen und kulturellen Wandel einer offenen Gesellschaft auf die Probe gestellt wird. In allen hessischen Kommunen bestehen neben der Standardsprache als Hauptsprache und den Dialektvarietäten verschiedene multikulturelle Sprachebenen, die im Sinne eines Code-Switchings die Alltagskommunikation bestimmen und kulturelle Identifikationsmerkmale aus übernommenen und neu hinzu gewonnenen Merkmalen und Werthaltungen am Beispiel des Neuhessischen im Alltag ausbilden.

Demnach münden die lokalen Dialekte (Topolekte) in regionale Ausgleichsprachen (Regiolekte) mit weiterhin erkennbaren regional gefärbten Lautformen, wobei im Norden die standardsprachlichen Anteile gegenüber den Dialektvarietäten überwiegen. Im Stammland der Chatten wird indessen Hochdeutsch gesprochen, wobei es ein immer wieder kolportiertes Märchen ist, die Chatten seien der historische Stamm der Hessen. Eine nicht belegte und eher der spätantiken Hessenromantik geschuldete Auffassung. Denn die Chatten sind früh in kulturellen Mischgebieten und späteren fränkischen Siedlungsräumen aufgegangen, die zuvor in vor- und frühgeschichtlicher Zeit von Bandkeramikern und Kelten mit Zentren in der Wetterau und Nachbargebieten besetzt waren.

Des Weiteren gehören Englisch und Französisch zum Schulstandard, werden Fremdsprachen im Urlaub erworben oder im internationalen Geschäfts- und Reiseverkehr vorausgesetzt. Zudem beherrschen Mode- und Jugendprachen die Sprachebenen. Das oftmals Banale wird mit Fremdworten überdeckt und - insbesondere in der Werbung - als zusätzliches persönliches Identifikationsmerkmal aufgewertet. Aus dem Lebensmittelgeschäft wird ein Food Center und aus dem Hausmeister ein Facility Manager - und aus der heimischen Mundartgruppe selbstredend ein Dialekt Team mit ortsansässigem Dialect Coach und Account Manager.

Eine stete Herausforderung für den, dessen traditionelle Sprachkultur jeweils aufs Neue an der Sprachwirklichkeit scheitert wie es nicht möglich ist, als junges Mädchen mit sieben aufgebauschten und sperrigen Schwälmer Trachtenröcken nebst gebundener Kopfhaube in einen Opel Corsa einzusteigen. Bildlich: Es kommt nicht mehr vom Fleck und rechtzeitig zur Verabredung, währenddessen der Angebetete sich mithilfe eines Dating Coaches neu orientiert hat. Anmachen geht heute anders und mit sieben Röcken geht schon mal garnicht.


Substandard und Dialekt
Eine Herausforderung für Heimat- und Brauchtumsschützer.
Autorenfoto, Wetterau (2010).

Heute aus der romantisch-sprachideologischen Retrospektive eines Sprachmuseums volkstümelnder Krähwinkelei und Sonntagsheimaten dennoch eine dialektale Leitkultur für morgen zu begründen, das ist mehr als nur ideologischer Mumpitz. So gibt es beispielsweise im Landkreis Marburg-Biedenkopf seitens eines rührigen Hinterländer Dialektvereins Bestrebungen, die Dialekte als Kulturgut mit Verfassungsrang in Hessen zu schützen, wobei noch unter den Brauchtumsschützern strittig ist, welche Sprachperiode mit ihren jeweiligen Lautverschiebungen hierfür herangezogen werden soll.

Leider haben die Germanen uns keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Vielleicht aus vorauseilender Schläue, von den heutigen Sprachpuristen und Heimatideologen beim Fremdgehen der Mäuler nicht erwischt zu werden, weil sie schon früh entlang des Limes das Latein der multikulturellen Römer in den Ohren und auf den Zungen hatten und sich deren Schrift statt der Runen aneigneten wie sie das Rechnen mit arabischen Ziffern erlernten. Das Gleiche gilt dann entsprechend auch für den Heimatbegriff selbst, was nun Heimat ist und was nicht, zumindest in der Sprache. "Kall, mei Droppe ...!" würde Liesel Christ (1919 - 1986), Volksschauspielerin und "Mama Hesselbach" aus ihrem Grab heraus seufzen, sollte ein solches Hinterländer Ansinnen in der sprachlichen Wirklichkeit umgesetzt werden. Sie würde beim Frankfurter Idiom eines Friedrich Stoltze (1816 - 1891) bleiben wollen.

United Colors of Bembletown versus "Heimat" als Ideologem

Eine solche Kultur des folkloristischen Sprachmuseums macht den anders Sprechenden am selben Ort und zur selben Zeit in einer offenen Gesellschaft mundtot und schließt jede weitere regionale Sprachentwicklung und Identitätsfindung und Teilhabe aus, indem sie kulturell erstarrte Parallelgesellschaften etabliert, in deren Verständnis selbst der Religionsstifter des Abendlandes als christliche Leitkultur mit seinem aramäischen Dialekt keinen Platz haben dürfte. Demnach dürfte auch der Zimmermann Yusuf mit seiner Frau Miriam und ihrem neunmalklugen Kind Yeshua nebst Öchslein und Eselchen unterm bayerisch-christlichen Kichengestühl und bei der Ausländerbehörde keine Aufnahme finden. Als Weihnachtskrippe schon und die Jungfrau Maria - statt züchtigem Kopftuch - mit tiefem Dekolletee im Dirndl. Ergänzend dazu noch die Heiligen drei Könige als die Weisen aus dem kriegsgebeutelten Morgenland im neuen Outfit namens Seehofer, Söder und Dobrindt. Heimat verpflichtet in Christo! - Amen.

Die Dialekte sterben nicht aus. Sie verändern sich mit den Lebens- und Wirtschaftsräumen. Sie bilden die Sprachräume ab, in denen die Menschen sich täglich auf das Neue begegnen und sich in ihren Sprachen als wirklich gelebte Heimat in direkter Nachbarschaft begründen müssen, ganz gleich wie einem der Schnabel gewachsen ist, sei es in einer Kneipe im Frankfurter Gallusviertel, in einem Hinterhof oder in einem Dorf. Wenn jemand sagt, seine Heimat sei die Frankfurter Eintracht, dann steht dies ihm zu wie dem Lauterbacher Strolch, der mit verlorenem Strumpf gleich hinterm Vogelsberg seine Heimat sucht. Nur kriegt die Eintracht öfter was auf die Socken, was uns lehrt: Heimat muss immer wieder auf das Neue erstritten werden. Und da ist es die Eintracht, die mit ihrem multikulturellen Kader - beispielsweise aus Finnland, Japan, Ghana, Mexiko, Israel und Argentinien sowie den Niederlanden - den rassistischen Heimatideologen die rote Karte zeigt wie es einst der gebürtige Vogelsberger Matthias Beltz (1945 - 2002) nicht besser hätte machen können.

Wenn es jenseits der ideologischen Befangenheiten diverser Arbeitsgemeinschaften für Dummschwätzer (AfD) eine Heimat gibt, dann zuerst in der Sprache, die man in sich trägt und mit sich nimmt, wohin man auch geht. Oder gezwungen wird, zu gehen. Weil einem die Sprache mal wieder aus dem Maul geschlagen werden soll von politischen Narren und dumpfen Heimatideologen, deren gauländische Heimatfahne nach acht Pils gekanthertem Storchenbräu zur Alten Dreggerei uns wieder einmal mehr ins Gesicht weht als ein Ideologem, dessen Fragilität einzig darin besteht, von der Wirklichkeit der Heimat und deren kriminellen Spenderherzen sowie den politischen Lügen davon erwischt zu werden.

Zum Lärmenmachen wählt man die kleinsten Leute - die Tambours
Georg Christoph Lichtenberg (1742 - 1799).


















Zuerst sind sie high, dann matt - Highmatt
Zitiert nach Hartmut Barth-Engelbart.
Radierung von Klaus Schlosser (1986), aus: "schwortswaise raabooche" (1987).
(Privatbesitz des Autors)



Das Wörtchen Huschemool steht im süd- und mittelhessischen sowie im rheinfränkischen Sprachraum in verschiedenen Variationen für die Aufforderung „Hör mal zu!“ Hierbei wird es in doppelter Bedeutung genutzt, einmal als Aufforderung des Zuhörens, dann als Ausdruck der Entrüstung. Anders das Wörtchen Guggemool. Es lenkt den Blick auf ein Ereignis oder eine Sache und wird als „Schau mal hin!“ zum Ausdruck der Neugierde. Es kann aber auch als belehrend verstanden werden.

Es war einmal ein kleines Dörfchen mit Namen Liewletrod im Wurzenauer Land am Zipfel der Welt. Die Leute dort waren reich an fruchtbaren Böden, dass ihnen die Rüben ins Fenster hinein wuchsen und der Weizen nicht nur die Kornkammern füllte. Auch waren ihre Brieftaschen gut gestopft wie die Beigaben zu den Hochzeiten ihrer Kinder und Kindeskindern noch mit allerlei Äckern und Wiesen gesegnet waren. Beim sonntäglichen Stockballschießen dünkten sie sich gegenseitig als Gutsherren, deren moderne Dreifelderwirtschaft in der Fruchtfolge vom Winterweizen über die Zuckerrübe zum Bauland sie aus der einstigen Knechtschaft ihrer stinkenden Mistkauten heraus und die Reichen aus der Stadt zu ansehnlichen Zweitvillen in frischer Landluft geführt hatte. Um ihrer Wohlhabenheit besonderen Ausdruck gegenüber ihren Nachbarschaften im Wurzenauer Land zu verleihen, hatten sie noch eine Rolltreppe ins Feld gebaut, mit deren Hilfe sie ohne Mühe die steilen Böschungen im Feldrain erklimmen konnten. Aber trotz ihres Reichtums lebten sie in einem dauernd währenden Unglück des Schweigens, von dem sie nicht mehr wussten, woher es gekommen war und wie es zu wenden sei. Doch eines Tages im späten Sommer des Monats September war Sonderbares geschehen.
 
In den Pflaumengärten ging noch munter die Sonne spazieren und ließ die prallen Früchte ins Schwarz spielende Blau glänzen. Unter den Brombeerhecken döste das Federvieh, und selbst die Spatzen, die sonst mit quirligem Gezänk in den Hecken auf sich aufmerksam gemacht hatten, waren verstummt. Kein Laut drang aus den geduckten Mauern heraus, kein Leben ging durch die sauber geschächerten Gassen und kein Mensch zeigte sich unterwegs auf ein fröhliches Schwätzchen oder einen freundlichen Gruß. Da war mit einem Male und mit wenigen Schritten ein altes, verlottertes Männchen in die stille Versunkenheit des Dörfchens eingetreten. Das Männchen war von weit her aus dem Land der schiefen Bäume gekommen und musste schon lange unterwegs gewesen sein. Sein Äußeres war nicht dazu beschaffen, als gesitteter Mensch erkannt zu werden, denn eher als ein fremdes Wesen. Es trug eine zerschlissene Jacke aus zotteligem, schmutzigem Schaffell, das mit geflochtenem Schilf zusammengefügt war, wie es auf dem Kopf ein auffallend groß geripptes Blatt trug, das einer Pestwurz, dem wilden Rhabarber, entnommen schien, und die Beinkleider nebst Schuhe waren aus dem Bast der Birken geflochten.

Seine ganze Habe trug es schwer in einem verschlissenen Rucksack aus altem, grauen Leinen bei sich, dessen Schnüre und Tragriemen aus rostigem Draht, wie ihn die Bauern für ihre Weidezäune verwendeten, gefertigt waren. Wäre da nicht sein waches Gesicht, das hinter einem buschigen, weißen Haarschopf und grauem, zerzaustem Bart hervorblitzte, man hätte es für ein Fabelwesen zwischen einer leibhaftig ins Leben gekommenen Vogelscheuche und einem Teufel halten können. Doch weil es in seinen alten Tagen der Einsiedelei auf einen reichen Schatz gestoßen war, suchte es diesen mit Menschen zu teilen, die daraus ein gescheites Leben für jedermann zu schaffen bereit waren und ohne Ansehen der Gestalt und des Standes eines jeden zu teilen dachten. So kam es nach zufälligem Wege nach Liewletrod.

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